Berlin - Am vergangenen Montag erhielt ich einen Brief von einem gewissen Holger Schulze aus der Senatsverwaltung für Bildung. Ich kannte mal einen Holger Schulze, ein sehr netter Traktorist, der jeden Tag mit einem Klaren begann. Aber dieser Holger Schulze war wohl nicht der Briefeschreiber.

Er bat die „lieben Eltern“, dass sie ab Mittwoch ihre Kinder möglichst zu Hause lassen sollen und sie nur im Falle eines „außerordentlichen Betreuungsbedarfs“ in die Kita zu schicken. Ich las das und war ratlos. Was hieß das jetzt? War die Kita nun auf oder zu? Was ist ein „außerordentlicher Betreuungsbedarf“?

Mangels Oma oder Nanny trat bei uns berufstätigen Eltern von zwei Kitakindern im Prinzip täglich der außerordentliche Betreuungsbedarf ein. Das Außerordentliche, historisch gesehen, also das Elend der Kleinfamilie, war der Normalfall.

Ich weiß noch, wie Homeoffice mit Kleinkind beim ersten Lockdown lief: Sobald ich auch nur daran dachte, eine Arbeitsmail zu öffnen, klammerte sich die Dreijährige an mich, als würde sie meine Gedanken lesen können. Homeoffice mit Kleinkindern, das glich einer Folterkammer. Mit Bastelschere und Legosteinen als Folterinstrumenten.

Im Fernsehen hatte der nette Klaus Lederer, stellvertretender Bürgermeister und Linken-Politiker, am Tag zuvor nach dem Kanzlergipfel versprochen, dass man die Eltern im harten Lockdown nicht alleinlassen werde. Hatte er nicht sogar von „Betreuungsurlaub“ geredet und davon, dass die Bildungsverwaltung innerhalb von 24 Stunden eine Verordnung erarbeiten werde, mit einer Liste der systemrelevanten Berufe?

Noch mal Herr Schulze. Da stand nichts von Betreuungsurlaub oder Listen. Da stand auch kein: „Sorry, wir haben uns geirrt, als wir versprochen hatten, dass die Kitas und Schulen offen bleiben.“ Da stand, dass die Eltern eine Lösung im Gespräch mit den Einrichtungen suchen sollen. Da stand im Prinzip: Seht doch, wie ihr zurechtkommt, liebe Eltern. Macht euren Scheiß allein. Das war nun ungefähr das Gegenteil von dem, was Klaus Lederer versprochen hatte.

Sandra Scheeres, zuständige Senatorin von der SPD, rief den zunehmend nervöser werdenden Müttern und Vätern in der „Abendschau“ hinterher, dass die Kitas während des ersten Lockdowns zu voll waren, weil zu viele Eltern die Notbetreuung angenommen haben. Sie klang vorwurfsvoll. Sie vergaß zu sagen, warum die Kitas so voll waren. Damals gab es eine Liste mit systemrelevanten Berufen, erstellt von der Senatsbildungsverwaltung. Und diese Liste wurde im Wochenrhythmus erweitert.

Am Ende stellte sich heraus, dass das Konzept des Senats diesmal darin bestand, kein Konzept zu erstellen und das als „Eigenverantwortung“ zu verkaufen. Ist ja nicht komplett neu, dieses Vorgehen des Senats. Politische Entscheidungen werden ins Private delegiert, das ist der rote Faden, der sich durch die gesamte Corona-Politik zieht. Das ist keine Politik, sondern Politikversagen. Jede Kita regelt ihre Notversorgung anders, ihre Leiterinnen dürfen oder müssen Gott spielen. Homeoffice und Erwerbsarbeit gilt weiter als zumutbar. 

Und wie man es macht, ist es falsch: Wenn man sich in die Kita hinein kämpft, auch wenn man nicht Intensivschwester auf einer Covid-Station ist, fühlt man sich schlecht, weil man das Kind einem Risiko aussetzt, die Erzieherinnen einem Risiko aussetzt. Wenn man zu Hause bleibt, fühlt man sich schlecht, weil man nicht so viel arbeiten kann wie die kinderlosen Kollegen, die am Jahresende mit Jahresendabrechnungen und Vorplanungen den Schreibtisch voll haben.