Zukünftig müssen die Gäste der Hochzeitsfeier genau ausgewählt werden.
Foto: imago/Francis Joseph Dean

BerlinEs war als schönster Tag des Lebens für Braut und Bräutigam geplant – und endet womöglich für einige Gäste böse. Denn in Zeiten von Covid-19 kann so ein rauschendes Fest mittlerweile schnell anders enden als geplant. Wie jetzt bekannt wurde, hatten zwei große Hochzeitsfeiern mit Hunderten Gästen, die Ende September in Festsälen der Hauptstadt stattfanden, für einen erhöhten Ausbruch von Corona-Fällen in Berlin und vor allem in Neukölln gesorgt. Bei beiden Feiern stammten die meisten Gäste aus dem Bezirk, wie Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) der Berliner Zeitung sagte. 

Das erste Fest fand am 21. September in einem sogenannten Hochzeitssaal eines Event-Unternehmens in einem Industriegebiet in Tempelhof statt. Laut Liecke sollen über 300 Personen im Saal gewesen sein, von denen sich nach derzeitigem Stand etwa 35 Personen mit dem Coronavirus infiziert haben. Vier Tage später feierte ein deutsch-türkisches Brautpaar in einem Festsaal in Treptow mit etwa 350 Gästen. Auch hier kamen die meisten Anwesenden aus Neukölln. Eine Freundin des Paars soll offenbar Corona gehabt haben. 48 Gäste, darunter die Brautleute, haben sich nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung mit dem Coronavirus angesteckt. Liecke kann genaue Angaben nicht machen, die Ermittlungen des Neuköllner Gesundheitsamtes laufen. „Wir haben noch nicht alle Gäste erreicht“, sagt er.

Obwohl beide Hochzeiten zum damaligen Zeitpunkt nach den Corona-Bestimmungen legal gewesen seien, „behindern solche Feste die Arbeit der Gesundheitsämter“, erklärt der Stadtrat. Ihn ärgere die Sorglosigkeit der Menschen, die trotz der ansteigenden Corona-Fälle in der Stadt privat große Feste feierten. „Die Mitarbeiter im Gesundheitsamt haben schon genug mit Corona-Fällen, etwa in Schulen, zu tun.“

Bußgelder von bis zu 5000 Euro 

Mittlerweile hat Liecke davon Kenntnis erhalten, dass es Ende September noch weitere große Hochzeitsfeiern gab: „Ich weiß von mindestens vier weiteren, die ebenfalls in einem Hochzeitsaal in Tempelhof stattfanden.“ Ob sich auch bei diesen Feiern Gäste mit dem Coronavirus angesteckt haben sei, unklar. Liecke verweist auf seinen Amtskollegen in Tempelhof-Schöneberg, Gesundheitsstadtrat Oliver Schworck (SPD). Ihm seien aktuell keine Fälle bekannt, sagt er auf Anfrage dieser Zeitung. „Ich kann es aber auch nicht ausschließen, dass sich möglicherweise Personen mit Corona infiziert haben“, sagt Schworck.

Für die Behörden gestaltet es sich schwierig, herauszufinden, wer auf solchen Großhochzeiten als Gast dabei war, um festzustellen, ob es noch mehr Corona-Fälle gibt oder wer mit Infizierten Kontakt im Saal hatte. Das Problem sind die Anwesenheitslisten, die bei diesen Veranstaltungen Pflicht seien, dennoch „fehlerhaft geführt oder mangelhaft ausgefüllt werden“, sagt Neuköllns Gesundheitsstadtrat Liecke. Daher wird im Bezirksamt gerade geprüft, ob man im Fall der beiden Hochzeitsfeiern, bei denen Corona-Fälle festgestellt wurden, ein Bußgeld gegen die Brautleute oder den Veranstalter verhängt wird – unter anderem auch wegen des Verstoßes gegen die Pflicht, vollständige und wahrheitsgemäße Angabe zu den anwesenden Personen zu machen. „Je nach Schwere aller Verstöße könnte ein Bußgeld bis zu 5000 Euro drohen“, so Liecke.

Mit Sorge schaut er auf die kommenden drei Wochen, in denen es auch die Sperrstunden-Regelung durchzusetzen gilt, die der Senat am Dienstag beschlossen hatte und die am Wochenende in Berlin in Kraft tritt. Für die Umsetzung der Maßnahme sind die Bezirke verantwortlich. Liecke fordert daher personelle Verstärkung an, um die anstehenden Kontrollen durchführen zu können. Schon jetzt seien Ordnungs- und Gesundheitsämter in den Bezirken überfordert, lückenlos gegen Verstöße gegen derzeit geltenden Corona-Verordnungen vorzugehen.

Neukölln ist Berlins Corona-Hotspot

Neukölln führt gerade einen schweren Kampf gegen die Ausbreitung des Sars-CoV-2-Virus. Der Bezirk im Südosten Berlins ist derzeit mit 87,6 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen (Stand Montag) trauriger Spitzenreiter in der Corona-Statistik der Hauptstadt. Man müsste eigentlich flächendeckende Kontrollen durchführen, um erfolgreich im Kampf gegen illegale Partys in Parkanlagen oder private Feiern, die gegen die Verordnungen verstoßen, zu bestehen, die derzeit als Ursache für den massiven Anstieg der Corona-Fälle in Neukölln gesehen werden. „Doch diese sind in einem Bezirk mit über 330.000 Einwohnern einfach nicht möglich“, sagt Liecke.

Dafür reichten die Kapazitäten in den Behörden nicht aus. „Die 60 bis 70 Mitarbeiter des Ordnungsamtes sind schon jetzt rund um die Uhr unterwegs, kontrollieren Lokale und Grünanlagen. Aber sie können mit nur vier Einsatzwagen nicht überall im Bezirk sein“, sagt Liecke. Um jetzige und künftige Maßnahmen massiv durchsetzen zu können, bedürfe es Unterstützung, um eine zweite Corona-Welle in der Stadt zu verhindern. „Ich halte es für wichtig, wenn Polizei, Bundespolizei oder der Zoll die Kontrollen der Bezirke verstärken“, sagt der Gesundheitsstadtrat. „Wenn nötig, muss Berlin andere Bundesländer, die derzeit weniger Corona-Fälle haben, um Amtshilfe bitten – so wie es in der Vergangenheit auch bei Demonstrationen der Fall war.“

Mit Blick auf die Corona-Fälle bei den Hochzeitsfeiern müssten künftig auch Veranstalter privater Familienfeste stärker kontrolliert werden, so Liecke. Denn der Senat führte nicht nur die Sperrstunde ein. Es dürfen künftig auch keine Familienfeiern mit mehr als 15 Personen in geschlossenen Räumen stattfinden. So wären auch große Hochzeitsfeiern in den nächsten Wochen in Berlin tabu – auch die, die von Event-Firmen veranstaltet werden.