In diesem Gebäude an der Treptower/Ecke Harzer Straße sind besonders viele Mieter an Covid-19 erkrankt.
Foto: Berliner Zeitung/Bernd Friedel

NeuköllnEier fliegen von Balkonen, Obst und Schimpfworte werden nach Kameraleuten und Fotografen geworfen. Die Nerven der Mieter in den Gebäuden an der Ecke Harzer und Treptower Straße liegen blank. Zwei Wochen lang dürfen sie wegen eines Corona-Ausbruchs ihre Wohnung nicht verlassen. Und sie wollen nicht  öffentlich als Virenträger diffamiert werden. 

An sieben über den Bezirk verteilten Gebäuden mit zusammen 13 Eingängen – allein in dem Eckhaus sind es sechs - wurden insgesamt 369 Haushalte unter Quarantäne gestellt. Die Bewohner, ihre Gesamtzahl ist nicht bekannt, dürfen zwei Wochen lang ihre Wohnungen nicht verlassen. Am Dienstag waren bereits 57 Infektionen bekannt, drei mehr als am Montag. Fast ausschließlich sind Roma betroffen. Zu ihrem Schutz nennt das Bezirksamt auch die übrigen Infektionsorte nicht, dort spricht man auch nur von Neuköllnerinnen und Neuköllnern, die in Quarantäne müssen.

„Das Virus ist aus den Skiorten in den Mietskasernen angekommen. Das war zu erwarten.“ So beschreibt Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel (SPD) die Infektionslage in seinem Bezirk. Sie betrifft wegen des Ausbruchs auch zehn Schulen: Ein gutes Dutzend Klassen mit ihren Lehrern musste in Quarantäne, außerdem eine Kita-Gruppe. Von Schulschließungen sieht das Bezirksamt ab. Inzwischen verfestigt sich die Erkenntnis, dass durch infizierte Bewohner das Virus nach Spandau, Reinickendorf, Wedding und auch Friedrichshain weitergetragen wurde.

Infektions-Schwerpunkt im Wohnblock Harzer/Treptower Straße

Schwerpunkt der Infektionszahlen ist das Eckgebäude Harzer/Treptower Straße mit 130 Wohnungen. Ein Bewohner äußert aus dem Fenster heraus seine Verwunderung, warum bei mehr 7000 Infektionen in Berlin ausgerechnet ihr Haus im Fokus der Aufmerksamkeit liegt. Es herrscht auch Ratlosigkeit, was jetzt geschehen wird, sagt ein Mann.

Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD, links) und Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) berichteten im Rathaus Neukölln über den Corona-Ausbruch.  
Foto: dpa/Wolfgang Krumm

Hikel und Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) begründen die Quarantänemaßnahmen. An den sieben Infektionsorten lebten teilweise bis zu zehnköpfige, arme Familien zusammen, was die Gefahr von Ansteckungen verstärke. Diese Schwächsten der Gesellschaft gelte es zu schützen. Deshalb werde auch intensiv getestet: Sechs Teams, in Kürze sieben, würden Abstriche machen. 265 seien bereits erfolgt.

Die Frage, warum es gerade Häuser mit Roma-Bewohnern sind, erklärt sich zumindest beim Block Harzer/Treptower Straße aus der Geschichte. Bis 2011 gehörte er einem Besitzer, der die Gebäude verkommen ließ, an Roma vermietete und die Miete von Leuten „im Feinripp-Unterhemd“ kassieren ließ, wie es aus dem Bezirksamt heißt. Die Zustände waren wie in anderen entsprechend bewohnten Häusern, etwa dem 2018 geräumten  Eckhaus Lüderitz- und Kameruner Straße in Wedding unerträglich. Zimmer wurden einzeln vermietet und untervermietet, Wohnungen glichen Matratzenlagern.

Unter anderem auf Betreiben des damaligen Berliner Erzbischofs Rainer Maria Kardinal Woelki, der die Situation der Roma in Berlin heftig kritisiert hatte, kaufte die katholisch geprägte und in Köln ansässige Aachener Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft den Komplex. Er wurde saniert, ordentliche Mietverhältnisse und eine menschenwürdige Wohnsituation wurden geschaffen. Das ist allem Augenschein nach auch gelungen, der Komplex wurde zum Vorzeigeprojekt. Die Bewohner sind geblieben, die Verhältnisse haben sich deutlich verbessert.

Verschwörungstheorien machen bereits die Runde

Der Bezirk wird jetzt in Zusammenarbeit mit dem Technischen Hilfswerk THW  „Care-Pakete“ verteilen, damit die Bewohner Lebensmittel für die Zeit ihres unfreiwilligen Aufenthalts zu Hause haben. Die rund 450 Bewohner des Bezirks, die sich zu Beginn der Corona-Pandemie beim Neuköllner Engagementzentrum gemeldet hatten, um für Gefährdete Lebensmittel einzukaufen, werden nun angeschrieben, ob sie auch jetzt helfen wollen.

Schwierigkeiten bei der Verständigung will der Bezirk mit dem Einsatz von Dolmetschern und Sozialarbeitern sowie Mitarbeitern des Gesundheitsamts überwinden. Einige Bewohner sind der deutschen Sprache nicht mächtig, manche Analphabeten. Ihnen soll Sinn und Zweck der Quarantäne deutlich gemacht werden. Das ist schon deshalb erforderlich, weil, wie es aus dem Bezirksamt heißt, in den Häusern bereits Verschwörungstheorien umgehen: Das Virus werde eingesetzt, um Roma auszurotten. Am Ort ließ sich die Existenz von derlei Gerüchten nicht verifizieren.

Der Krisenstab Neuköllns ist im Dauereinsatz.
Foto: Berliner Zeitung / Lehrke

Sollten Bewohner dennoch die Quarantäne brechen, so erklärt es Liecke, bekämen sie eine strengere Ansage mit dem Hinweis auf rechtliche Folgen zu hören. Helfe auch dass nicht, werde die Polizei im Einzelfall mit den Menschen sprechen. Liecke nennt das das letzte Mittel: „Wir stehen da nicht mit der Wanne vor der Tür.“

Hikel hofft, dass die soziale Kontrolle durch die Bewohner untereinander und durch Sozialarbeiter hinreicht, um die Quarantäne aufrechtzuerhalten. Im Bezirksamt wird darüber nachgedacht, Bewohnern zu erlauben, die Hinterhöfe zu betreten, weil das Wetter nicht dazu angetan sei, in der Wohnung zu bleiben.

Wie das Virus in die Häuser gekommen ist, weiß niemand. Die ersten Hinweise gab es am 5. Juni, als drei Schüler aus einer Grund- und einer Oberschule mit einer Infektion aufgefallen waren und festgestellt wurde, dass sie gemeinsam in einem der Häuser wohnen.  Ob der Pfarrer einer Pfingstgemeinde, der inzwischen im Krankenhaus liegt, das Virus verbreitet hat, bleibt Spekulation. Die Kontaktnachverfolgung durch das Gesundheitsamt hatte in seiner Gemeinde begonnen, aber das beweise nichts. Nicht alle Bewohner gehören der Gemeinde an. Bürgermeister Hikel sagte dazu, der Fall des Pfarrers sei für die jetzige Situation unerheblich.

Insgesamt verlaufe die Erkrankung, die zunächst meist bei Kindern festgestellt worden war, milde oder sogar ohne Symptome, sagt Neuköllns Amtsarzt Dr. Nicolai Savaskan. Neben dem Pfarrer gebe es lediglich einen schwereren Verlauf.