Viele Unternehmen empfehlen Home-Office für ihre Mitarbeiter.
Foto: imago images

BerlinIch habe in der vergangenen Woche oft an das Lied „Sag alles ab“ der Hamburger Band Tocotronic gedacht. „Sag alles ab, geh einfach weg, halt die Maschine an und frag nicht nach dem Zweck“, heißt es in dem Text. Gerade wird die Maschine angehalten, und der Zweck ist bekannt. Es geht darum, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, um eine Ausbreitung wie in Italien mit Hunderten Toten und überlasteten Krankenhäusern zu verhindern.

Nicht alle Entscheidungen nachvollziehbar

Am Dienstagmorgen, nachdem Gesundheitsminister Jens Spahn die Absage von Veranstaltungen mit mehr als tausend Besuchern empfohlen hatte, fand ich die erste E-Mail in meinem Fach. „Bei meiner Geburtstagsparty würden zwar nicht eintausend Menschen sein, aber ich habe in den letzten Tagen doch mit einer gewissen Sorge die Nachrichten aus Italien und Berlin verfolgt, und da beim Infiziertwerden die berühmte Formel x =y hoch 2 zuzutreffen scheint, habe ich mich entschieden, die Feier ausfallen zu lassen“, stand darin.

Das ging so die ganze Woche. Partys, Lesungen, Kongresse wurden abgesagt. Nicht alle Entscheidungen wirken nachvollziehbar. Ich bin seit Tagen wegen einer anderen Infektion zu Hause, höre täglich den Podcast des Chef-Virologen der Charité, Christian Drosten, den halb Deutschland verfolgt. Er klärt auf und informiert, ohne panisch zu sein. Er erklärt, warum es wichtig ist, besonders ältere Menschen zu schützen, und warum eine Verlangsamung der Ausbreitung Leben retten kann. Drosten sagt: „Sagt alles ab.“

Wie soll man zu einer Dreijährigen Distanz halten?

Ich sehe Angela Merkel im Fernsehen, sie klingt ernst, und ich bin in diesen Tagen froh, eine Naturwissenschaftlerin im Kanzleramt zu sehen. Zum Ende der Woche empfiehlt Merkel, dass man soziale Kontakte so weit wie möglich einschränken soll. Aber was heißt das konkret, wenn man zwei kleine Kinder zu Hause hat?

Die Kinder haben viel gelernt, sie wissen, dass sie beim Händewaschen zweimal Happy Birthday singen müssen. Meine Tochter schimpft, wenn ich nicht in die Armbeuge huste. Gleichzeitig ist es schwer, die Körper der Kinder als Gefahrenquelle zu sehen. Wie soll man zu einer Dreijährigen Distanz halten, zu deren Lieblingsbeschäftigung kuscheln mit Mama gehört? Sollen wir die Kinder vorsorglich aus der Kita nehmen? Darf meine Tochter noch die private Feier ihrer Freundin am Wochenende besuchen? Was ist mit dem Schwimmkurs des Fünfjährigen? Auch absagen?

Home-Office mit Kindern

Ich chatte mit einem Freund aus New York, wo sich der Virus ausbreitet. Die Schule seiner Kinder ist geschlossen. Im nächsten Satz berichtet er nonchalant, dass die Familie am Wochenende nach Hawaii reist. Als ob nichts wäre. Ich frage ihn, ob sie nicht absagen wollen. Und frage mich, ob ich überreagiere. So geht das die ganze Zeit, ich bin hin- und hergerissen zwischen der Angst, zu wenig zu tun, und der Angst, zu viel zu tun.

In Bayern und im Saarland werden Kitas und Schulen geschlossen, Berlin will „stufenweise“ nachziehen. Ab Montag arbeitet mein Mann im Homeoffice, das empfiehlt seine Firma, auch die Berliner Zeitung schlägt den Mitarbeitern vor, zu Hause zu arbeiten. Doch wie sollen wir arbeiten, wenn dann auch die Kinder zu Hause sind?

Eine US-Expertin für öffentliche Gesundheit rät im Magazin The Atlantic, dass man sich mit einer Familie zusammenschließt, trifft und unterstützt. Nur eine Familie, um die Gefahr der Ansteckung zu minimieren.