Warten auf Gäste, die nicht kommen: Ying Wong, Geschäftsführerin des Restaurants „Aroma“ in Charlottenburg.
Foto: Berliner Zeitung/Thomas Uhlemann

Berlin - Herr Yang sitzt im hinteren Teil seines Geschäfts „Chinas Kultur“ in Schöneberg auf einem alten Stuhl und hofft, dass die Corona-Krise bald vorüber ist. „Anders als andere bin ich ein bisschen optimistisch“, sagt er. Der 65-Jährige hat vor allem einen Wunsch: dass seine Frau bald nach Berlin zurückkehrt.

Sie flog zum chinesischen Neujahrsfest zu ihren Eltern nach Peking. Jeden Tag telefoniert Jianming Yang mit ihr – und es geht allen gut. „Sie bleibt zu Hause. Das Essen bestellen sie bei einem Lieferdienst“, sagt er. Am Sonntag in zehn Tagen will sie wieder ins Flugzeug steigen. Ob das klappt?

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Etwa 12.500 Chinesen leben in Berlin und sorgen sich um ihre Familien in der Heimat, besonders, wenn die in Ballungszentren wohnen. In Peking kam das Leben – wie in der am meisten betroffenen Provinz Hubei – fast völlig zum Erliegen. „Wenn die Menschen sich draußen bewegen möchte, können sie das nur in ihren Wohnanlagen“, erzählt der Ladenbesitzer Jianfei Da aus Charlottenburg.

Auch Da hält engen Kontakt zur Familie in Peking, meist über den in China beliebten Messengerdienst WeChat. Er sei mit seinem Geschäft von der Krise nicht betroffen, sagt er, die Kunden kämen nach wie vor.

Die Restaurant-Besucher bleiben aus

Ganz anders ist in den vielen asiatischen Restaurants an der Kant-Straße in Charlottenburg. Sie reihen sich dicht an dicht, doch bei den Chinesen fällt auf: Dort, wo sonst kaum ein Tisch zu bekommen ist, herrscht nun wenig Betrieb. „Die Deutschen gehen jetzt lieber einen Döner essen“, sagt Ying Wong bitter.

Sie ist Geschäftsführerin im „Aroma“, einem ziemlich großen Restaurant. Dort ist zur Mittagszeit gerade mal ein einziger Tisch besetzt. Wongs Geschäft lebt nicht nur von den Berlinern, sondern auch von Chinesen und chinesischen Besuchsgruppen. „Und die kommen jetzt nicht mehr rein nach Deutschland, weil es keine Flüge gibt“, klagt sie.

Beleidigungen in der U-Bahn

Auch eine Kellnerin im beliebten Lokal „Tian Fu“ in Wilmersdorf erzählt, dass seit einer Woche gähnende Leere herrsche. Der Umsatzausfall macht den Gastronomen zu schaffen. Wie lange können sie ohne Gäste durchhalten?

Eine Antwort auf die Frage gibt es nicht. Neben den Sorgen um die Einkünfte kommt es immer wieder zu unangenehmen und diskriminierenden Situationen beim Weg durch die Stadt. Wong erzählt, dass eine Frau sie im Bus angeschaut habe und gesagt habe: „Alle Chinesen haben den Virus.“ Dann setzte sie sich von ihr weg. „Was soll das?“, sagt sie. „Ich bin in Deutschland zu Hause.“

Jianfei Da hat in der Leibnizstrasse einen Asiahandel.
Foto: Berliner Zeitung/Thomas Uhlemann

In der Mensa der Technischen Universität erzählen die indonesischen Studenten Liliana und Eric dass sie an einem Imbiss ausgelacht wurden. „Drei Jungen riefen Corona und lachten laut.“ Der Elektronikstudent Luong aus Vietnam erzählt von einem Freund, von dem alle in der U-Bahn abrückten, weil er einen Mundschutz trug. „Ich würde auch gern einen Mundschutz tragen, aber ich traue mich nicht“, sagt Luong.

Tong, eine chinesische Studentin der visuellen Kommunikation ärgert sich über das aktuelle Titelblatt des Spiegel. „Mit ,Made in China’ wird suggeriert, dass der Virus in China hergestellt wurde“, sagt sie. Die Nachricht, dass Unbekannte am vergangenen Freitag eine Chinesin in Berlin geschlagen und zu Boden gerissen haben, beschäftigt sie. „Dieser Rassismus gegen uns macht keinen Spaß“, sagt sie vorsichtig.

„Es darf keine Paranoia ausbrechen“

Die Botschaft protestiert nun auch öffentlich. „Wir haben gesehen, dass es in Deutschland einzelne Medien und Medienvertreter gibt, die sich zwar Objektivität und Rationalität auf die Fahne geschrieben haben, dennoch aber nicht davor zurückschrecken, rassistische Äußerungen zu veröffentlichen, und ausländerfeindliche, insbesondere gegen China gerichtete diskriminatorische Tendenzen zu dulden oder sogar weiter anzufachen.“

Die Botschaft habe beim Auswärtigen Amt interveniert und fordert Maßnahmen, um die Rechte und Würde der chinesischen Bürger zu gewährleisten. Jutta Wollenweber von der Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft sagt dazu: „Es darf keine Paranoia ausbrechen.“

Nachricht der Hoffnung aus China

Eine gute Nachricht erhielten am Mittwoch jene Chinesen, die mit Besuchsvisum in Berlin sind. Das Landesamt für Einwanderung hat beschlossen, dass das 90 Tage gültige Besuchervisum verlängert werden kann. Normalerweise ist dies ausgeschlossen. Nach Ansicht des Amtes handelt es sich bei der Epidemie „um höhere Gewalt“, sagte ein Sprecher der Innenverwaltung. Bei der Verzögerung der Rückkehr chinesischer Touristen erfolge eine gebührenfreie Verlängerung für maximal 90 Tage.

So lange soll die Krise aber nicht dauern, hofft Herr Yang und sagt: „Es gibt ein chinesisches Sprichwort: Der Himmel hat manchmal dunkle Wolken. Er meint: Es kommen oft unerwartet schlechte Zeiten, die der Mensch überstehen muss. Plötzlich klingelt sein Telefon. Sein Bruder ruft an. Er liegt gemütlich in Peking im Sessel und gibt gähnend die neusten Corona-Zahlen durch: „10.000 Infizierte, mehr als 400 Tote und mehr als 600 Genesene.“ Herr Yang stahlt: „Zum ersten Mal ist die Zahl der Genesenen größer als die der Toten.“