Die 6500 Arztpraxen in Berlin bräuchten in den kommenden sechs Monaten unter anderem 600.000 Stück Mund- und Nasenschutz (Symbolbild).
Foto: dpa/Sina Schuldt

BerlinDie niedergelassenen Ärzte in Berlin schlagen Alarm. In einem offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin den Senat am Mittwoch aufgefordert, „unverzüglich ein Maßnahmenpaket aufzusetzen, um den drohenden Zusammenbruch der medizinischen Versorgung in Berlin noch zu verhindern“. 

Wie Hochrechnungen zeigten, werde das Berliner Gesundheitssystem in der Corona-Krise spätestens zu Ostern an seine Grenzen kommen, heißt es in dem Brief. Die Hochrechnungen beruhten „auf einem internen und vertraulichen Papier“, wie eine KV-Sprecherin der Berliner Zeitung mitteilte.

KV Berlin fordert, Praxen ausreichend auszustatten

Unter anderem fehle es ambulant tätigen Ärzten an Handschuhen, Gesichtsmasken, Schutzanzügen und Desinfektionsmitteln. Die KV fordert den Berliner Senat auf, die Praxen mit ausreichend Schutzausrüstung zu versorgen. Auch die Beschäftigten von Vivantes und Charité fordern in einem offenen Brief dringend Unterstützung.

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Am Mittwoch gab es in Berlin 1425 bestätigte Covid-19-Fälle und einen vierten Todesfall. Betrachtet man die Entwicklung seit dem ersten Fall am 1. März, zeigt sich ein immer schneller laufender exponentieller Anstieg, wie Forscher es nennen: Am 10. März gab es 58, am 20. März 868 und am 23. März 1219 bestätigte Fälle. Überproportional häufig sind laut Senatsstatistik die 30- bis 39-Jährigen betroffen.

Erste Arztpraxen sehen sich nicht mehr in der Lage, ihre Patienten angemessen zu versorgen. So informiert eine Hausärztin in Mitte ihre Patienten per Bandansage darüber, dass sie die Sprechstunde eingestellt habe. Ein Treptower Arzt teilt seinen Patienten mit: „Da ich nach wie vor keinerlei Schutzmaterialien habe, kann ich weder Hausbesuche machen noch Patienten empfangen.“ Informationen der KV Berlin zufolge sind derzeit 101 Praxen geschlossen, zwei Drittel wegen Quarantänemaßnahmen, 31 Praxen wegen fehlender Schutzausrüstung.

Arztpraxen bräuchten 600.000 Mundschutz-Masken

Die 6.500 Arztpraxen in Berlin bräuchten in den kommenden sechs Monaten 600.000 Stück Mund- und Nasenschutz, 1,5 Millionen sogenannter FFP2-Masken und 20.000 FFP3-Masken für Lungenärzte. Doch bis zum Mittwoch seien lediglich 23.000 FFP2-Masken geliefert worden, sagte die KV-Sprecherin. Hinzu kämen etwa 135.000 Schutzanzüge und Handschuhe.

Niedergelassene Ärzte sollen auch in ein spezielles 200-Betten-Corona-Krankenhaus mit Fieberambulanz eingebunden werden, das in Prenzlauer Berg entstehen soll. Die KV-Sprecherin sagte dazu: „Die Planung von weiteren Fieberambulanzen hängt davon ab, wie viel Schutzausrüstung wir in den nächsten Tagen geliefert bekommen.“

Das Robert-Koch-Institut (RKI) rief zum ressourcenschonenden Einsatz von Masken auf. Diese könnten auch mehrfach eingesetzt werden, aber höchsten eine Schicht lang. Nach Ansicht des Hartmannbunds Brandenburg sollen notfalls auch Beschlagnahmungen und Sicherstellungen aus Großhandel, Baumärkten und E-Commerce „kein Tabu mehr sein“, wie der Vorsitzende der Brandenburger Ärztevertretung, Hanjo Pohle, am Mittwoch forderte.

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Alles werde getan, um die Versorgungslücken bei Schutzausrüstung zu schließen, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller. Es werde nachgesteuert mit den großen Produzenten. Er sei mit Philips, Siemens und anderen Herstellern direkt in Kontakt, erklärte Müller im RBB-Bürgertalk: „Und es werden auch Kontingente gesichert für die einzelnen Bundesländer.“

Lieferwege an den Grenzen unterbrochen

Laut Müller seien die Lieferwege an den Grenzen zu Frankreich und Polen unterbrochen. Teilweise stünden die vollen Wagen da und kämen nicht weiter. Hier sei die Bundesregierung gefordert, eine Regelung zu finden, sagte Müller. Die Bestellungen seien raus, die Ausrüstung teilweise schon bezahlt. „Und wir werden nicht alles selbst herstellen können.“

Mediziner verweisen in diesem Zusammenhang auf Bayern und Baden-Württemberg, die Produktionsstätten auf Schutzmaterial umrüsteten. Die KV Brandenburg bat Betriebe dringend um Mithilfe bei der Beschaffung von Schutzausrüstungen und Desinfektionsmitteln für Praxen. Es gibt auch Beispiele vom Lande, dass Ärzte sich bei Handwerkern Schutzanzüge und Lackiermasken besorgen.

Michael Müller hofft darauf, dass die Infektionswelle dank der aktuellen Kontaktsperre bald abflachen und das Gesundheitssystem dann „gut arbeiten“ könne. „Wir sind ja jetzt gerade in den ersten Tagen der Maßnahmen“, sagte er. „Und es wird mit Sicherheit mindestens diese zwei Wochen dauern, bis wir ein Gefühl dafür haben, wie das funktioniert.“ (mit dpa)