Die Justizvollzugsanstalt in Moabit.
Foto: Andreas Gora/imago images

BerlinDer Hof kurz hinter dem riesigen Eingangstor zur Justizvollzugsanstalt (JVA) Moabit ist menschenleer. Es ist einer der letzten Märztage. Die Sonne scheint, aber es ist kalt. Ein zugiger Wind weht um die Backsteingebäude des Gefängnisses.

Heiko Möllendorf stört der Luftzug nicht. Er trägt zu seiner dunkelfarbenen Uniformhose ein kurzärmeliges hellblaues Hemd, auf dessen Kragen in schwarzer Schrift Justiz zu lesen ist. Die Jacke fehlt. Die trage er nie, sagt Möllendorf, als er das Gittertor zum Hof aufschließt. Dann entschuldigt er sich für den Empfang unter freiem Himmel. In den Gebäuden, so erklärt er, werde kein Besuch mehr empfangen – wegen der Gefahr, Gefangene oder Bedienstete mit dem Coronavirus anzustecken.

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Kontaktsperre, wie "draußen"

850 Männer sitzen in der JVA Moabit, davon sind 700 in Untersuchungshaft. Die restlichen Insassen warten auf ihren ersten Vollzugsplan, auf die Entscheidung, wie es für sie in der Strafhaft weitergeht. Sie werden von 560 Bediensteten im Drei-Schicht-Dienst betreut, von Menschen wie Heiko Möllendorf. Eine Arbeit, die kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen werde. Möllendorf sagt, die JVA, die an das Kriminalgericht grenze, sei eine Stadt in der Stadt. Und das Thema Corona spiele hier natürlich jeden Tag eine Rolle.

Rund 1700 Justizvollzugsbedienstete gibt es derzeit in den Berliner Haftanstalten. Sie müssen tagtäglich die etwa 3500 Menschen, die in den Gefängnissen inhaftiert sind, betreuen. Für Heiko Möllendorf ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann es den ersten Coronafall in einem Gefängnis geben werde. Dort gelte, wie „draußen“, ebenfalls eine Kontaktsperre.

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So dürfen die Inhaftierten in den Berliner Gefängnissen keinen Besuch mehr empfangen. Aus Sicherheitsgründen wurde der Vollzug für die insgesamt 271 Menschen, die in den Haftanstalten der Hauptstadt eine Ersatzfreiheitsstrafe verbüßen müssten, bis zum 15. Juli unterbrochen. Dasselbe gelte auch für Straftäter, die zu weniger als drei Jahren verurteilt worden seien und nicht in Untersuchungshaft sitzen, teilte Justizsenator Dirk Behrendt vor wenigen Tagen mit. „An vorderster Stelle steht bei uns die Sicherheit in den Anstalten“, sagte der Grünen-Politiker.

Heiko Möllendorf ist 48 Jahre alt. Der gelernte Elektromonteur kam Ende der 1990er-Jahre zum Vollzugsdienst. Derzeit arbeitet er im Vollzugsmanagement, das für die Organisation des Tagesablaufs in der JVA zuständig ist. Angst habe er nicht, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. „Eigentlich bin ich hier geschützter als etwa am Hauptbahnhof.“

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Maßnahmen zur Vorsorge

Der Alltag habe sich wegen der Coronakrise gewaltig verändert, sagt Möllendorf. Zwar hätten die Insassen noch immer die Möglichkeit, sich bis zu drei Stunden auf einen der elf Höfe zu bewegen. Doch sei der Kontakt unter den Gefangenen erheblich eingeschränkt worden. Die Gruppenzentren der JVA sind geschlossen, Freizeitaktivitäten finden zum großen Teil im Freien statt. Viele Insassen akzeptierten das, erklärt Möllendorf. „Die Leute, die hier einsitzen, verfolgen die Nachrichten, und sie verfolgen ganz genau, wie wir uns verhalten.“ Es sei eine seltsame, aber auch dankbare Stimmung. Erste Gefangene würden sich in ihre Hafträume zurückziehen – aus Angst vor einer Ansteckung. „Es gibt nicht wenige Insassen, die zu den Risikogruppen gehören: Drogen- und Alkoholabhängige, HIV-Infizierte.“

Das Coronavirus stellt die Menschen in den Gefängnissen vor eine besondere Herausforderung – Gefangene wie auch Bedienstete treffen auf engstem Raum aufeinander. „Wir können schließlich nicht einfach in Homeoffice gehen, die Leute hier wochenlang wegsperren“, sagt Möllendorf. Sich auch jetzt um die Belange der Menschen zu kümmern, sei ein Gebot der Menschlichkeit. „Wir versuchen Abstand zu halten, aber das ist auch nicht immer möglich.“ Es gebe Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel – wenn auch nicht in Hülle und Fülle.

37 Stationen gibt es in Moabit, davon ist eine Station nur für Quarantänefälle vorgesehen. Vier Menschen seien dort derzeit untergebracht, die Anzeichen einer Erkältung aufweisen würden. 44 Insassen können dort im Fall der Fälle in häusliche Quarantäne genommen werden. „Wir hoffen natürlich, dass dieser Fall nie eintreffen wird“, sagt Möllendorf.