In der Hauptstadt beginnen die Prüfungen am 27. März.
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BerlinAm Ende hat es Simon Müller selbst entschieden: Seine beiden Kinder bleiben zu Hause. Egal, ob der Senat die Schule schließt, um die Ausbreitung des neuen Coronavirus Sars-CoV-2 einzudämmen oder eben nicht. Müller geht es dabei vor allem um seine eigenen Eltern. Seine Sorge ist, dass seine Söhne, sieben und zehn Jahre alt, das Virus aus der Schule zu den Großeltern bringen. „Sie sind über 80 und fallen in die Risikogruppe.“ Die Enkel von Oma und Opa fernzuhalten, ist für ihn keine Option.

Seine Kinder gehen in die erste und vierte Klasse der Thalia-Grundschule in Friedrichshain. Müller hat sie krankschreiben lassen bis Dienstag. Wenn die Politik bis dahin keinen ganzheitlichen Ansatz zum Umgang mit dem Coronavirus an Schulen entwickelt hat, sagt Müller, wäre er auch bereit, sich mit dem Schulamt anzulegen – und Sohn und Tochter ohne Attest zu Hause zu behalten.

Angst um Chaos bei Abiprüfungen

Gut möglich, dass Müller gar nicht so weit gehen muss. Am Donnerstagnachmittag war klar, dass sich die Stimmung unter Deutschlands Bildungspolitikern dreht. „Wir können zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen, dass es zu weitreichenden Schulschließungen kommen kann“, sagte Stefanie Hubig, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, am Donnerstag nach einer Beratung mit den Ressortkollegen der Länder.

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Gebetsmühlenartig hatte die Politik zuvor wiederholt: Flächendeckende Schulschließungen in Deutschland seien nicht geplant. Doch der Druck steigt genau wie die Zahlen der Infizierten. Ein Drittel aller EU-Länder hat sich inzwischen zu Schul- und Kitaschließungen entschieden, in Deutschland griff Halle an der Saale als erste deutsche Großstadt zu dieser Maßnahme.

Nicht unwahrscheinlich, dass auch Berlin bald von seiner Linie abweicht, die Gesundheitsämter im Einzelfall entscheiden zu lassen. Inzwischen sind Hunderte Schüler und Lehrkräfte in Quarantäne. Immer mehr Schulen – inzwischen acht – sind geschlossen. An den anderen Einrichtungen sind größere Schulveranstaltungen fortan untersagt, ebenso Klassenfahrten ins Ausland.

Im Bildungsbereich geht die Angst vor einem gewaltigen Chaos bei den Abschlussprüfungen um. Das Thema brennt besonders Berliner Abiturienten auf den Nägeln: In der Hauptstadt beginnen die Prüfungen am 27. März. Ralf Treptow, Schulleiter des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums und Vorsitzender des Berliner Verbands der Oberstudiendirektoren, sagte: „Es muss die Aufgabe der Bildungspolitik sein, verlässliche Regelungen für das Abitur herzustellen in einer Situation, wo keine verlässliche Planung der nächsten Woche mehr möglich ist.“

Die Kultusministerkonferenz hat sich nun darauf geeinigt, dass angesetzte Prüfungen grundsätzlich stattfinden sollten. Sei das für einzelne Schulen nicht möglich, würden sie nachgeholt, so Hubig. Mit den Hochschulen habe man vereinbart, dass Zulassungsfristen im Zweifel angepasst werden müssten. „Wir werden mit der Wirtschaft besprechen, dass das auch für Ausbildungen gilt.“ Klar sei: „Den Schülerinnen und Schülern dürfen keine Nachteile entstehen.“

Ein Sprecher der Bildungsverwaltung teilte mit, man befinde sich wegen der Abiturprüfung mit Brandenburg in sehr enger Abstimmung: „Ein zusätzlicher Nachprüfungstermin wird vorbereitet.“

Kulturveranstaltungen untersagt

Im Kulturbereich geht der Senat schon deutlich entschlossener vor. Zwei Tage nach der Ankündigung die „Großen Säle“ zu schließen, werden ab Freitag alle staatlichen Theater, Opern und Konzerthäuser unabhängig von ihrer Größe ihren Spielbetrieb einstellen. Die Regelung gilt vorerst bis zum 19. April. Das teilte Kultursenator Klaus Lederer (Linke) am Donnerstag mit. Nach seinen Worten kündigten auch zahlreiche Privattheater an, dem zu folgen. Auch die Landesmuseen, Gedenkstätten und Galerien in Trägerschaft der Kulturverwaltung des Landes Berlin und die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) sind spätestens ab Sonnabend dicht. Senator Lederer sieht jetzt die Bundesregierung in der Pflicht, die Institutionen zu unterstützen.

Auch das Landesparlament selbst schottet sich ab: Ab Montag tagen Plenum und Ausschüsse ohne Zuschauer, teilte das Abgeordnetenhaus mit. Externe Besucher dürfen das Gebäude nicht mehr betreten. Nur Journalisten sind noch zugelassen. „Öffentlichkeit wird durch Medienberichterstattung hergestellt.“ Auf Pressekonferenzen soll aber verzichtet, Journalisten stattdessen „elektronisch“ unterrichtet werden.

Unterdessen tourte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci weiter durch die neuen Untersuchungsstellen. Am Donnerstag besuchte die SPD-Politikerin das Evangelische Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge in Lichtenberg und das Vivantes-Klinikum Prenzlauer Berg an der Fröbelstraße. Tags zuvor hatte sie in den DRK-Kliniken Westend am Spandauer Damm vorbeigeschaut. Weitere Untersuchungsstellen gibt es im Wenckebach-Klinikum von Vivantes in Tempelhof, im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Spandau sowie auf dem Campus Virchow der Charité in Wedding.

2000 Tests pro Tag

Die Untersuchungsstellen sollen „begründete Verdachtsfälle“ abklären. Das sind Menschen, die Infektzeichen aufweisen, aus einem  Risikogebiet kommen oder Kontakt zu einem nachweislich Infizierten hatten. Bei ihnen wird ein Abstrich vorgenommen, der von einem Labor auf Corona hin untersucht wird. Aufgrund des großen Aufkommens in den Laboren dauert es in manchen Fällen bis zu vier Tage, bis das Testergebnis mitgeteilt wird. Derzeit können in Berlin etwa 2000 Tests pro Tag analysiert werden. Diese Kapazität soll laut Senatorin Kalayci verdoppelt werden. Die neuen Untersuchungsstellen sollen die regulären Notaufnahmen der Krankenhäuser und auch die niedergelassenen Ärzte entlasten.

Bei den DRK-Kliniken werden maximal 50 Hilfesuchende pro Tag angenommen. Am Donnerstag war die Zahl bereits um 10.30 Uhr erreicht. Davon wurden rund 90 Prozent getestet. Nach Beobachtungen der Ärzte hatten sich viele Rückkehrer aus Italien eingefunden. Außerdem wurden viele Kontaktpersonen von bereits bestätigten Fällen vorstellig – kein Wunder: Charlottenburg-Wilmersdorf ist mit aktuell 23 Infizierten – von stadtweit 118 – weiterhin Spitzenreiter in Berlin. Etwa fünf Prozent der genommenen Tests sind positiv.