Eleonora Roldán Mendívil hat nun auch Zeit für leichtere Lektüre.
Foto: Kofi Shakur

BerlinSchätzungsweise 5000 Berliner leben derzeit in häuslicher Quarantäne. Denn die Senatsgesundheitsverwaltung geht von 20 Kontaktpersonen pro Infiziertem aus. Und Infizierte gibt es nach aktuellsten Angaben 283 in Berlin. 

Wie viele Kontaktpersonen sie angesteckt haben, ist noch unklar. Denn viele Personen aus dem Umfeld der Infizierten wurden noch nicht getestet oder warten noch auf das Testergebnis. Ich bin eine von ihnen, seit Dienstag verlasse ich vorsorglich die Neuköllner Wohnung nicht mehr, in der ich mit meinem Partner und einem Mitbewohner als Untermieter lebe.

Husten, Kopf- und Gliederschmerz

Mein Partner wurde am Dienstag nach der Erkrankung einer Kollegin an einer Sekundarschule auf Corona getestet. In zwei bis drei Tagen sollte das Testergebnis eigentlich vorliegen – aber das Labor an der Charité ist überlastet. Eigentlich dauert es nur knapp sechs Stunden, bis das Testergebnis vorliegt. Bis wir Klarheit haben, ob wir uns angesteckt haben, bleiben wir freiwillig zu Hause. Aber wir wussten nicht: Was heißt das jetzt eigentlich? Dürfen wir noch runter zum Briefkasten? Dürfen wir noch den Müll rausbringen?

Ich selbst gehöre mit meinen 31 Jahren und ohne jede Vorerkrankung zum Glück nicht zur Risikogruppe. Durch eine Festanstellung im Bildungsbereich bin ich anders als viele Freischaffende auch nicht vollständig auf meine Honorare als Referentin für Politische Bildung   und als freie Journalistin angewiesen.

Alle Menschen und Orte abtelefonieren

Bei meinem Partner und mir haben sich leichte Symptome gezeigt: stärkere Niedergeschlagenheit, Müdigkeit, bei ihm leichte Kopf- und Gliederschmerzen am Dienstag und Mittwoch, bei mir leichter Husten. In Familien- und Freundeschats haben wir uns lustige Videos und Memes zum Virus angeguckt. Wir waren zuversichtlich, dass der Test negativ zurückkommen würde.

Am Freitag dann rief das Labor der Charité an. Bei meinem Partner ist der Test positiv. Nach anfänglich ungläubigen Lachen haben wir drei uns daran gemacht, alle zuständigen Stellen sowie relevanten Menschen und Orte abzutelefonieren, die wir seit dem 3. März gesehen oder besucht haben – dem Tag, an dem mein Partner das erste Mal mit der infizierten Kollegin gesprochen hat. Erst nach etwa vier Stunden hatten wir alle Menschen und Orte erreicht, die wir erreichen wollten.

Fakten

263 Menschen in Berlin haben sich laut Senatsgesundheitsverwaltung mit dem Covid-19-Virus infiziert, darunter sind 150 Männer.  

5000 Menschen etwa stehen unter häuslicher Quarantäne, weil sie Kontakt mit Infizierten hatten. Der Senat geht von 20 Kontaktpersonen pro Infiziertem aus.  

15 Personen geht es den Angaben zufolge so schlecht, dass sie in einem Krankenhaus behandelt werden müssen.

Tests sollten allen zur Verfügung stehen

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich: betroffen und besorgt die einen, bürokratisch die anderen. Seitdem haben wir auch einen Chat geöffnet, an dem sich knapp 50 Menschen beteiligen – etwa 40   davon hatten nach dem 3. März Kontakt zu mindestens einer Person von uns.

Und dann haben wir uns gefragt: Wie organisieren wir jetzt unser Leben? Wie viele Einkäufe werden wir in Auftrag geben müssen? Was steht jeweils auf der Arbeit noch an sehr wichtigen Aufgaben an, die wir von zu Hause erledigen können? Und: Wann werden unser Mitbewohner und ich überhaupt getestet?

Dass wir uns angesteckt haben, halten wir für sehr wahrscheinlich. In die Öffentlichkeit dürfen wir daher nicht. Zugleich dürfen sich unsere Kontaktpersonen aber nur dann auf Kosten ihrer Krankenversicherung testen lassen, wenn wir selbst auch positiv getestet wurden. Sowohl Tests als auch Untersuchungen beschränken sich aktuell auf Menschen mit starken Symptomen und ernsthaften Krankheitsverläufen, obwohl zumindest die Tests allen zur Verfügung stehen sollten.

Quarantäne: Kein Schritt vor die Tür

Dann ruft das Gesundheitsamt an: zwei Wochen häusliche Quarantäne. Diese gilt rückwirkend ab dem ersten Tag, an dem wir zu Hause geblieben sind – also ab Mittwoch, 11. März. Bevor wir am 26. März wieder rausdürfen, sollen wir getestet werden. Dass das mit dem Test so lange dauert, ist offensichtlich eine Konsequenz des   zusammen gesparten Berliner Gesundheitssystems. Bis vor kurzem noch führte die Belegschaft des outgesourcten Charité Facility Management Arbeitskämpfe, mit Blick auf die Epidemie wurden sie abgeblasen.

Was genau häusliche Quarantäne heißt, ist uns auch nach dem Telefonat mit den Behörden und Experten nicht ganz klar: Mit dem Hinweis, dass dies seine ganz persönliche und nicht die offizielle Empfehlung sei, sagte unser Hausarzt, wir könnten ruhig spazieren gehen. Wir sollten dabei nur genügend Abstand halten. Das Gesundheitsministerium dagegen rät Infizierten und deren Kontaktpersonen zu einer vollständigen Quarantäne. Für uns drei bedeutet das: kein Schritt vor die Tür. Wir wissen jetzt zumindest: gut lüften ist wichtig. Und es ist unbedenklich, lang am offenem Fenster oder auf dem Balkon zu stehen.

Lachen und sorgen nah beisammen

Unser Netzwerk von Freunden und Freundinnen, an Kollegen und Kolleginnen ist sehr solidarisch und bemüht, uns zu unterstützen. Wir haben bereits dreimal Einkäufe vor die Tür gestellt bekommen. Einmal haben uns Freunde sogar warme Bratäpfel mit Vanillesoße vorbeigebracht. Wir kommunizieren nur durch die verschlossene Tür und lachen gemeinsam über die Situation. Gleichzeitig machen wir uns Sorgen um die Menschen in unserer Familie oder unserem nahem Umfeld, die zu den Risikogruppen zählen. Aber: Unsere Gelassenheit, diese neue, skurrile, doch fast surreale Situation zu meistern, ist wesentlich größer!

Lesen Sie hier: Quarantäne: Zur Muße gezwungen

Aber jetzt heißt es also: abwarten und Ruhe bewahren. Wir versuchen, Routinen auszutüfteln, um nicht komplett vor Youtube oder Netflix hängen zu bleiben. Und ich lese jetzt leichtere Lektüre, Graphic Novels.