Cottbus - Die Lage ist wirklich perfekt. Mitten in der Fußgängerzone in der Spremberger Straße, im historischen Zentrum der Stadt steht die hübsche Schlosskirche. Ringsherum erstreckt sich eine kleine Piazza mit Lindenbäumen. Auf den Bänken vor dem weißen Gebäude sitzen Menschen in der Sonne und genießen die Atmosphäre. Hugenotten schufen diese schmucke kleine Kirche vor mehr als 300 Jahren. Jetzt soll das Haus seine Religion wechseln. Aus der Kirche soll eine Synagoge werden – ein jüdisches Gebetshaus – die erste Synagoge nach dem Holocaust überhaupt in Brandenburg. Während in Potsdam seit Jahren über einen Synagogenneubau gestritten wird, kommt Cottbus durch einen glücklichen Zufall sehr unkompliziert an ein jüdisches Gotteshaus.

Am Donnerstag wurden schon mal die Besitzverhältnisse neu geregelt. Bei einem Notartermin übereignete die evangelische Kirche der jüdischen Gemeinde ihr Haus. Am Sonntag werden die Christen dann in einem feierlichen Gottesdienst, zu dem auch Bischof Markus Dröge erwartet wird, noch das Kreuz entfernen und damit auch rituell den Weg für ein anderes religiöses Leben in diesem Haus freimachen.

Ein bisschen wehmütig wirkt Pfarrer Christoph Polster schon, wenn in diesen Tagen die Schlosskirche zu seinen letzten Rundgängen als Hausherr aufschließt. „Es ist natürlich schon schade drum. Auf Dauer hätten wir das aber nicht halten können. Wir konzentrieren unsere Kräfte jetzt auf die Oberkirche“, sagt er. Die gehört auch zur Gemeinde, ist viel größer und liegt nicht weit entfernt, ebenfalls im alten Zentrum der Stadt. Seit Langem schon ist sie Hauptstandort der Kirchengemeinde St. Nikolai.

Die Schlosskirche dagegen hat gar keine eigene Gemeinde. Sie wurde als Begegnungsstätte genutzt, für Veranstaltungen von DDR-Oppositionsgruppen und nach der Wende als Wärmestube für Obdachlose.

Schlicht, weiß und schön

Die Schlosskirche steht unter Denkmalschutz und wurde erst vor zehn Jahren aufwendig saniert. Schlicht ist sie innen, weiß und schön. Es gibt keine Bilder an den Wänden, aber eine eindrucksvolle Predigtkanzel an der Stirnseite. „Die werden wir abbauen“, sagt Polster. Auch das Kreuz von der Turmspitze nimmt die Kirche mit.

Die Gemeinde erhält 582.000 Euro für das Gebäude. Das bezahlt das Land Brandenburg und ermöglicht so im Rahmen von Zuwendungsverträgen mit der jüdischen Gemeinde die Entstehung der Cottbuser Synagoge. Es hat in den vergangenen Jahren schon einige Ent- und Umwidmungen von christlichen Kirchen gegeben. Oft ist Mitgliederschwund die Ursache. Dass die evangelische Kirche dieses Schmuckkästchen nun an die jüdische Gemeinde abgibt, sei aber nicht aus Not geboren, sagt Polster. Dahinter stehe viel mehr der Gedanke, dass die Kirche von anderen, nämlich der jüdischen Gemeinde, viel besser genutzt werden könne.

Schon seit vielen Jahrhunderten haben Juden in Cottbus gelebt. Bis 1938 galt die jüdische Gemeinde Cottbus als eine der reichsten Gemeinden in Deutschland. Sie hatte etwa 400 Mitglieder. Am 9. November 1938 wurde wie überall in Deutschland auch die Cottbuser Synagoge in Brand gesetzt. Danach hörte die Gemeinde auf zu existieren. Nur zwölf Mitglieder haben die Zeit des Nationalsozialismus überlebt. Erst 1998 wurde eine neue Gemeinde gegründet. Heute hat sie wieder etwas mehr als 400 Mitglieder, dazu kommen Familienangehörige. Alle Mitglieder sind aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen.

Nachvollziehbarer Wunsch

Die Idee, die Kirche in eine Synagoge zu verwandeln, hatte die evangelische Kirchengemeinde vor drei Jahren. Die jüdische Gemeinschaft hatte in Zeitungen den Wunsch nach einer Synagoge veröffentlicht. Diesen Wunsch fand man in der evangelischen Kirche nachvollziehbar und unterstützenswert. „Es bleibt ein Gotteshaus, das war für uns wichtig“, sagt Polster.

Das hat auch das Land Brandenburg in seinem Zuwendungsvertrag so festgehalten. Die jüdische Gemeinde hat sich verpflichtet, das Gebäude mindestens 25 Jahre lang als Synagoge zu nutzen. Das Land will jährlich 50.000 Euro zu den Betriebskosten dazugeben. Der jüdische Landesverband übernimmt etwaige Umbaukosten, die Stadt Cottbus sorgt dafür, dass das Turmkreuz und die Glocke heruntergenommen werden. Für Kulturstaatssekretär Martin Gorholt (SPD) stellt der Wechsel eine Zäsur dar. „Brandenburg setzt sich für das Wiedererstehen jüdischen Lebens ein und sieht dieses als Bereicherung an“, sagt er.

Die jüdische Gemeinde betreibt bereits Geschäftsräume auf dem Platz gegenüber. Einen Seniorentreff gibt es, ein Jugendzentrum, Sprachkurse, Sozialberatung und eine Sonntagsschule. „Ganz wunderbar“, sei es, bald auch noch eine eigene Synagoge zu haben, sagt Gemeindemitglied Max Solomonik. Im November will die Gemeinde ihr Gotteshaus feierlich weihen.