In der Messehalle 26 ist die Corona-Notklinik entstanden. 
Foto: dpa/Kay Nietfeld 

BerlinMit dem Infektionsschutz nimmt die Senatsgesundheitsverwaltung es an diesem Montag nicht so genau. Schließlich gibt es etwas zu feiern. Berlin hat in nur sechs Wochen eine Messehalle in eine Intensivstation für rund 500 Covid-Patienten verwandelt. Zumindest baulich. Dasselbe Berlin, das 16 Jahre für den Bau eines Flughafens gebraucht hat.

Wohl mehr als 100 Reporter, Fotografen, Kameraleute und Abgeordnete tummeln sich auf Einladung des Senats in der großen Empfangshalle der Messe. Auch die gerade ernannte Wehrbeauftragte und Berliner Abgeordnete Eva Högl (SPD) ist gekommen. Sie spricht vor Kameras mit einem General. Alle tragen Masken, Abstand halten ist schwierig.  

Die genau 488 Intensivbetten in Halle 26 in der Jafféstraße stehen noch leer. Das soll auch so bleiben, wenn alles gut läuft. Sie sind lediglich als Reserve gedacht für den „allerallerschlimmsten Fall“, wie Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) es in ihrer Eröffnungsrede ausdrückt. Für den Fall, dass alle anderen 50 Notkrankenhäuser mit Covid-Stationen in der Stadt vollkommen ausgelastet sind. Zurzeit ist Berlin davon noch weit entfernt: Von 6269 Infizierten gelten 5586 mittlerweile als genesen. 165 Menschen sind verstorben. 447 Erkrankte befinden sich im Krankenhaus, davon wiederum werden 135 auf Intensivstationen behandelt.

Gekostet hat das Projekt laut Gesundheitsverwaltung bisher 43 Millionen Euro. Eine weitere Halle mit 500 Betten soll folgen und somit vermutlich nochmals dieselben Kosten. Wo die mindestens 900 Ärzte, Pfleger und Reinigungskräfte herkommen sollen, die für einen Betrieb allein der ersten Halle nötig wären, ist noch ungeklärt. Doch Kalayci lobt am Montag: Berlin habe mit dem „Schnellbau in Krankenhausqualität“ ein Modell entwickelt, das „eventuell wegweisend sein könnte für die weitere Bekämpfung der Pandemie“.

Gelungen ist der Bau in so kurzer Zeit vor allem dank der 60 Planer unter der Leitung von Albrecht Broemme. Broemme war Präsident des Technischen Hilfswerks und Landesbranddirektor. Kalayci hat ihn im Alter von 66 Jahren aus dem Ruhestand geklingelt. Am Montag überschüttet sie sein Team, besonders Broemme persönlich, mit Lob. Doch Broemme will sich die Blumen nicht allein verdienen. Er verweist auf die Experten aus den sehr unterschiedlichen Bereichen Medizinversorgung, Strom, Elektro oder Architektur, die „angesteckt“ gewesen seien vom selben Ziel. „Wir haben einen Maßstab gesetzt, was Zusammenarbeit angeht“, sagt Broemme. „Motivierte Planer sind das A und O.“

„Exzellent, exzellent!“, beantwortet auch Edzard Schultz die Frage nach der sonst in Berlin so schwierigen Zusammenarbeit bei Großbauprojekten. Das Büro des freien Architekten ist spezialisiert auf den Medizinbereich und hat unter anderem mitgewirkt bei den Neubauten von Universitätskliniken in vier Städten. Schultz wurde nach mehreren Empfehlungen anderer Spezialisten von Broemme angeworben. Er hat am Aufbau des Krankenhauses nach sogenannten Clustern mitgewirkt, deren Größe flexibel und deren Prinzip einfach zu adaptieren sei. „Eine allgemeingültige Struktur, mit der man modular Behandlungszimmer bauen kann“, sagt er stolz.

Während Schultz' Arbeit schon in Kopie gehen könnte, fängt sie bei Andrea Grebe jetzt erst so richtig an. Grebe leitet als Chefin von Vivantes Deutschlands größte kommunale Klinikkette. Nun hat Vivantes auch die Trägerschaft für das Reservekrankenhaus auf dem Messegelände übernommen. Mit der Ärztekammer Berlin ist die Landestochter für die Personalgewinnung zuständig. Doch der Markt ist knapp, besonders im Pflegebereich herrschte schon vor Corona extremer Mangel.

100 Ärzte, 400 Angestellte aus dem Pflege- und Gesundheitsbereich und 400 Angestellte für Logistik sowie Reinigung brauche man für den Betrieb des Krankenhauses im Drei-Schicht-Betrieb mindestens, sagt Grebe. Wie viel Personal es bereits gebe? Konkrete Zahlen nennt Grebe nicht. Bei den Ärzten habe es Initiativangebote gegeben, als die Meldung vom Bau publik ging. Ein Team sichte nun Bewerbungen. Ein „Kernteam“ werde nun außerdem für die Arbeit im Covid-Krankenhaus geschult. Dieses Team zieht Vivantes aus allen konzerneigenen Kliniken der Stadt zusammen – um die Kliniken „nicht zu überlasten“, so Grebe.

Sie hofft beim Personal vor allem auf Notfallaushilfen. „Wenn dieses Krankenhaus in Betrieb gehen muss, dann haben wir einen Katastrophenzustand mit Lockdown, wie wir es noch gar nicht kennen“, sagt sie. In einem solchen Szenario helfe der medizinische Dienst und meldeten sich noch mehr Freiwillige. Aus Sicht der Vivantes-Chefin aber bleibt die Behandlung in der Halle ohnehin zweite Wahl: Es sei zwar „höchster technischer Standard“ erreicht worden. „Aber dennoch ist es eine Messehalle.“ Die Vernetzung hin zu anderen Stationen – wie der Chirurgie – fehle hier zum Beispiel gänzlich. 

Grebe, Broemme, Kalayci – alle betonen, sie hoffen, dass das Krankenhaus nie gebraucht wird. Dennoch will der Senat mit einer weiteren Halle noch mehr Reserven schaffen. In anderen Gegenden hingegen baut man schon wieder ab: Stuttgart hat 300 Betten, die dort auf dem Messegelände eingerichtet wurden, bereits Ende April wieder gestrichen. Ohne, dass dort je ein einziger Patient behandelt wurde.

Berlins Gesundheitssenatorin sieht für Entwarnung keinen Grund:  Eine zweite Infektionswelle sei sicher, ihre Wucht unklar, so Kalayci. „Mir ist lieber: Wir haben die Reserven und brauchen sie nicht – als andersherum.“