Es ist eine seltsame Mischung aus Vergangenheit und Zukunft: Wer auf der Leipziger Straße in Richtung Alexanderplatz entlanggeht, findet auf der einen Seite die Hochhäuser aus DDR-Zeiten, auf der anderen viele funktionale Neubauten. „Hier wird bald ein interessantes neues Stadtviertel entstehen“, sagt der Architekt Thomas M. Krüger. Er ist Chef des Berliner Architekturbüros Ticket B, das sich auf Baukulturvermittlung spezialisiert hat und kennt die Pläne und Projekte, die in diesem Gebiet realisiert werden sollen. Bei der Stadtführung „Crash-Kurs Baukultur“ am kommenden Sonnabend teilt Krüger sein Wissen mit Interessierten.

„Crash-Kurs Baukultur“ zog 2018 Hunderte Teilnehmer an

Der sogenannte Baukulturspaziergang ist ein Angebot der Bundesstiftung Baukultur, die Berliner Zeitung ist Medienpartner. „Wir möchten Menschen einladen, sich mit ihrer gebauten Umwelt auseinanderzusetzen“, sagt Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. „Gemäß dem Motto – man sieht nur, was man weiß – sollen die Führungen Einblicke in die Ideen und Konzepte vermitteln, die hinter Gebäuden, Plätzen und Anlagen stehen – und damit zu einem tieferen Verständnis führen, was unsere Städte ausmacht, und wofür sich unser Engagement lohnt.“

Neben Berlin bietet die Stiftung den „Crash-Kurs Baukultur“ auch in München, Hamburg und Köln an. Architekten vom internationalen Netzwerk Guiding Architects leiten die Führungen. „Wir sind Spezialisten für die Gegenwart und kümmern uns um die Gebäude, die geplant werden“, sagt Krüger, einer der beiden Gründer des in der Schweiz ansässigen Vereins.

Jeweils am ersten Sonnabend des Monats im Juni, Juli, September und Oktober gibt es die Führung „Ein Schnitt durch die Mitte“. Im vergangenen Jahr fand sie erstmals statt und zog Hunderte Teilnehmer an. Damals stand das Gebiet um das Jüdische Museum, den Blumenmarkt und das Zeitungsviertel an der Kochstraße im Fokus.

„Crash-Kurs Baukultur“ führt zum Märkischen Museum und zum Spittelmarkt

In diesem Jahr konzentriert sich die Tour auf das Herz von Berlin: die Gegend um das Märkische Museum, die Fischerinsel, den Spitttelmarkt und die Straßen rund um das entstehende Humboldt Forum.

Die Gruppe wirft zunächst einen gemeinsamen Blick auf das Hauptstadtmodell in der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Am Köllnischen Park. Anders als andere Architekturmodelle wird dieses ständig verändert. „Es ist ein wichtiges Planungsinstrument und wird immer wieder aktualisiert: Werden zum Beispiel Hochhäuser am Alexanderplatz geplant, werden diese im Modell eingebaut“, sagt Krüger. So können sich die Betrachter über den letzten Stand der Stadtplanung informieren.

Von dort geht die Gruppe am Märkischen Museum und am geplanten Neubau der niederländischen Botschaft vorbei. Auch das Gewerkschaftshaus von Max Taut, die Fischerinsel und der U-Bahnhof Spittelmarkt liegen an der Strecke. Ein Blick auf die Baustelle des Axel-Springer-Campus, der von dem niederländischen Stararchitekten Rem Koolhaas realisiert wird, fehlt ebenfalls nicht.

Auch Durchschnittsverdiener sollen bei Zukunftsprojekten eine Wohnung finden

Der nächste große Halt ist die Freifläche, auf der ab nächstem Jahr das House of One gebaut wird. Die drei großen Religionen sollen dort unter einem Dach praktiziert werden können. „Die Idee von Frieden und Völkerverständigung ist das Besondere“, sagt Krüger. Der Entwurf für das Gebäude stammt vom Architekturbüros Kuehn Malvezzi. „Sie bekamen seinerzeit einen Sonderpreis beim Wettbewerb für das Humboldt Forum, und vielen galten sie als heimliche Sieger“, sagt er. Das renommierte Büro sei auf Kulturbauten spezialisiert: Es gestaltete auch die Rieck-Hallen im Hamburger Bahnhof und das Innere des einstigen Prinzessinnenpalais am Boulevard Unter den Linden neu, das Palais Populaire, das heute Kunstausstellungen der Deutschen Bank beherbergt.

An der Kreuzung zwischen Leipziger und Breiter Straße wird sich in den nächsten Jahren viel tun. „Eine Straßenbahn soll hier fahren, die Brücke soll verschmälert werden, und es wird kommunaler Wohnungsbau entstehen“, sagt Krüger. Anders als bei vielen anderen Neubauprojekten sollen hier auch Durchschnittsverdiener die Chance bekommen, mitten in der Stadt eine Wohnung zu finden. Krüger hält es für faszinierend, dass diese Projekte ausgerechnet im archäologischen Zentrum Berlins gebaut werden.

Letzter Stopp der „Crash-Kurs Baukultur“ ist die James-Simon-Galerie von Architekt David Chipperfield

Über die Brüderstraße, vorbei am Nikolaihaus, führt der Weg der Baukulturführung zum nächsten großen Projekt, dem Flussbad Berlin. „Es galt zunächst als verrückte Idee von zwei Architekten in den 90er-Jahren“, berichtet Krüger. Die beiden Kölner Brüder Tim und Jan Edler treiben ihre Idee gemeinsam mit dem gleichnamigen Verein voran, in der Innenstadt ein Flussbad zu errichten. Ein ungenutzter Spreearm soll dazu umgestaltet werden. Das Wasser würde durch einen natürlichen Pflanzenfilter gereinigt, sodass die Besucher rund einen Kilometer weit in Richtung der Museumsinsel schwimmen können.

Die Baustelle der U55 ist dem Architekten ebenfalls einen Halt wert. Wenn sie auch unter den Berlinern umstritten ist, so werde sie die Stadt doch positiv bereichern. „Es wird eine der längsten U-Bahnlinien Berlins werden – vom Hauptbahnhof bis Hönow“, sagt Krüger. Der Bau stellte die Architekten vor große Herausforderungen: Sie mussten die Trasse unter der Spree und unterm entstehenden Stadtschloss entlangführen. Mittlerweile nähert sich der langjährige Bau seiner Vollendung: Im kommenden oder übernächsten Jahr soll die Eröffnung sein.

Der letzte Stopp der Führung ist die James-Simon-Galerie, das zukünftige Eingangsgebäude der Berliner Museumsinsel zwischen Neuem Museum und Kupfergraben. „Das ist seit langer Zeit mal wieder ein neues, zeitgenössisches Museumsgebäude im Berliner Zentrum – ein genialer Entwurf von David Chipperfield“, sagt Krüger. Es sei eines seiner Lieblingsgebäude in der Innenstadt: Ein modernes Haus, das sich unglaublich sensibel in die Struktur der Museumsinsel einfüge. „Es führt den Gedanken einer Akropolis in der Stadt fort, historisiert dabei aber nicht, sondern schafft einen neuen Zusammenhang.“ Die Berliner Presse nannte das Haus bereits schnippisch „die teuerste Garderobe der Welt“. Auch ein Detail, das Krüger zur Erheiterung der Teilnehmer in seiner Führung erwähnt.

Interessenten müssen sich vorab für die Führung anmelden: baukultur@ticket-b.de. Sie erhalten Informationen zu Treffpunkt und Uhrzeit. Weitere Informationen: www.bundesstiftung-baukultur.de