Unfassbares Mordmotiv: Doris K. wurde erschossen, weil sie nicht ausziehen wollte

Im Februar 1993 wird in Berlin eine Buchhalterin in ihrem Büro eiskalt getötet. Jahrelang fehlt ein Motiv. Dann meldet sich ein Zeuge aus dem Knast. 

Der Mordfall Doris K. ist aufgeklärt: Auf einer Pressekonferenz präsentiert die Polizei im Oktober 1998 die Tatwaffe.
Der Mordfall Doris K. ist aufgeklärt: Auf einer Pressekonferenz präsentiert die Polizei im Oktober 1998 die Tatwaffe.AP/Jockel Finck

Habgier ist eines der stärksten Mordmotive. Doch manchmal verblüfft eine Variante des Motivs sogar erfahrene Ermittler. Wie in einem Fall, der sich vor fast 30 Jahren in Berlin zutrug. 

Doris K. ist 54 Jahre alt, eine fröhliche und resolute Frau. Als sie am 22. Februar 1993 an ihren Schreibtisch im Autohaus „King Cars“ in Kreuzberg zurückkehrt, ist sie gut gelaunt. Hinter ihr liegen drei Wochen Urlaub, davon 14 Tage Sonne und Strand auf den Galapagos-Inseln, die sie mit ihrem Lebensgefährten verbrachte. Die Reise hat sie von ihrem Chef zum 25-jährigen Dienstjubiläum spendiert bekommen. Seit 1967 arbeitet die Buchhalterin in dem Unternehmen. Nie hat sich Doris K. in ihrer Firma etwas zuschulden kommen lassen. Das Unternehmen boomt. Autos sind so kurz nach der Wende noch immer heiß begehrt.

Vor rund zehn Jahren starb ihr Ehemann, die gemeinsame Tochter ist erwachsen und längst aus der Wohnung der Mutter ausgezogen. Doris K. hat zwar einen neuen Partner gefunden, lebt aber noch immer allein in ihrer Wohnung in der Nassauischen Straße in Wilmersdorf.

Es ist ein luxuriöses Zuhause für eine alleinstehende Frau. Mehr als 170 Quadratmeter ist es groß, die Miete von etwa 900 Mark bezahlbar. In ihrem alten Mietvertrag steht, dass die Miete nicht erhöht werden darf. Als ihr Mann noch lebte, hatte das Paar die Wohnung auf eigene Kosten modernisiert, die Ofenheizung durch eine Gasetagenheizung ersetzt, die Elektrik erneuert.

Doris K. ist begeistert von ihrer Reise an den Pazifik. Sie erzählt der Kollegin davon, mit der sie das Büro teilt. Gegen 10 Uhr machen die Frauen Pause. Sie frühstücken gemeinsam mit zwei weiteren Kolleginnen in ihrem Büro, als ein Mann den Raum betritt. Die Frauen glauben, dass es sich um einen Kunden handelt, der sich verlaufen hat. Denn der Mann verschwindet gleich wieder. Später wird klar, dass der Fremde das Büro von Doris K. ausspähen wollte. Er wird in wenigen Stunden dorthin zurückkehren.

Kurz vor 16 Uhr, der Arbeitstag von Doris K. geht dem Ende entgegen, betritt vermutlich derselbe Mann wie vom Vormittag erneut das Büro. Er trägt einen Blouson. Wortlos zieht er eine unter seiner Jacke versteckte Schrotflinte hervor, zielt und schießt der am Schreibtisch sitzenden und völlig geschockten Doris K. einmal ins Gesicht. Dann lässt er die Waffe fallen und stürmt aus dem Büro. Vor dem Haus steht ein zweiter Mann Schmiere. Und obwohl ein Kunde die Verfolgung aufnimmt, gelingt es dem Schützen und seinem Mittäter zu entkommen.

Kollegen eilen Doris K. zu Hilfe. Sie ist kurze Zeit noch ansprechbar. Doch dann bricht sie zusammen. Der alarmierte Notarzt kann der Frau nicht mehr helfen, sie stirbt noch am Tatort. Die Obduktion wird ergeben, dass der Schuss aus der Schrotflinte eine erhebliche Streuwirkung hatte. Die Patrone enthielt laut einem Gutachten 115 bis 135 Stück Schrot. Sie zertrümmerten den Unterkiefer des Opfers und zerfetzten unter anderem die Halsschlagader und die Schlüsselbeinschlagader. Doris K. verblutete.

Die Ermittler haben die Tatwaffe, die der Mörder im Büro zurückließ. Fingerabdrücke gibt es darauf nicht. Die Waffe ist eine einläufige Klippflinte spanischen Fabrikats. Schaft und Lauf wurden gekürzt. Die Waffe hatte zur Tatzeit nur noch eine Länge von etwas mehr als 50 Zentimetern. Anhand der Fabrikationsnummer gelingt es den Fahndern, einen ehemaligen Besitzer zu ermitteln. Er hatte die Flinte weiterverkauft. Danach verliert sich ihre Spur.

Doris K. wurde an ihrem ersten Arbeitstag nach dem Urlaub erschossen. Sie wurde 54 Jahre alt. 
Doris K. wurde an ihrem ersten Arbeitstag nach dem Urlaub erschossen. Sie wurde 54 Jahre alt. Polizei

Die Beschreibungen der Zeugen vom Täter helfen der Mordkommission auch nicht weiter, sie gehen stark auseinander. Mal ist der Schütze 1,60 Meter groß, mal 1,80 Meter. Einig sind sie sich in der Haarfarbe: schwarz. Die Ermittler können ein Phantombild erstellen. Es wird veröffentlicht. Zudem lobt der Polizeipräsident von Berlin für Hinweise, die zur Aufklärung des Tötungsdelikts führen, eine Belohnung in Höhe von 10.000 Mark aus. Diesen Betrag erhöht der Chef von Doris K. auf 50.000 Mark.

Doch trotz des Phantombildes und der hohen Belohnung kommt die Mordkommission nicht weiter. Etwas Wichtiges fehlt: das Motiv. Die Polizei ermittelt im privaten und beruflichen Umfeld. Doch weder in der Firma von Doris K. noch in der Kleingartenkolonie, in der sie eine Parzelle besaß und ehrenamtlich im Vorstand arbeitete, hatte sie Feinde. Die Buchhalterin war allseits beliebt.

Am 6. November 1993 wird der Fall in der ZDF-Fernsehsendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ ausgestrahlt, die Schrotflinte gezeigt, die Tat nachgestellt. Schon oft hat die Sendung den Ermittlern im Bundesgebiet weitergeholfen. Doch zu diesem Fall gehen nach der Ausstrahlung nur wenige Hinweise bei der Mordkommission ein. Sie bringen die Ermittler nicht weiter. Monate vergehen, die zu Jahren werden. Das Verbrechen scheint zu einem Cold Case zu werden, zu einem ungelösten Fall.

Im Oktober 1997 wird der Mord an Doris K. beim Privatsender Sat.1 in der Sendung „Fahndungsakte“ thematisiert. Diesmal haben die Fahnder mehr Glück. Aus der Justizvollzugsanstalt Bayreuth meldet sich ein Häftling, der dort wegen Drogenhandels eine Strafe verbüßt. Ihm droht die Ausweisung nach Griechenland. Doch er will in Deutschland bleiben. Offenbar ist das der Grund, warum er sich den Ermittlern offenbart. Er will ins Zeugenschutzprogramm, nennt den Namen des vermeintlichen Schützen. Es ist ein Landsmann von ihm.

Es stellt sich heraus, dass der Tippgeber eine Randfigur im Mordfall Doris K. war. Wochen vor dem Verbrechen hatte er den Auftrag erhalten, die Buchhalterin zu beobachten. 200 Mark habe er dafür bekommen, berichtet er der Polizei. Aus der Sache sei er ausgestiegen, weil er geahnt habe, dass etwas Schlimmes passieren würde. „Der Auftrag heißt töten“, soll ihm der Mann gesagt haben, dessen Namen er der Polizei preisgegeben hat. Ein weiterer Zeuge meldet sich bei der Mordkommission. Auch er kennt die Täter.

Im Mai 1998 verhaften die Ermittler in Berlin zwei tatverdächtige Männer: Eberhard H. ist 54 Jahre alt und Makler. Joannis S. ist 30 Jahre alt, hat in seiner griechischen Heimat Schlosser gelernt und sich in Berlin als Bauhelfer durchgeschlagen. Er soll auch für den Makler gearbeitet, ihn als Bodyguard begleitet und für ihn Geld eingetrieben haben.

Der dritte tatverdächtige Mann ist Georgios D., ein Freund und Landsmann von Joannis S. und für den Makler ebenfalls als „Mann fürs Grobe“ tätig. Er ist zu dieser Zeit 25 Jahre alt und nicht auffindbar. Nach der Tat ging er nach Griechenland zurück, um dort zunächst seinen Wehrdienst abzuleisten.

Die Fahnder sind sicher, den Fall gelöst zu haben. Der Tod von Doris K. war ein Auftragsmord und Eberhard H. der Auftraggeber. Und nun haben die Ermittler endlich auch das Motiv für den gewaltsamen Tod von Doris K.: Es ging um die Wohnung, aus der sich die Frau nicht vertreiben lassen wollte.

Ein Arzt kaufte die Wohnung von Doris K. für 400.000 Mark

Doch der Reihe nach: 1984 waren die Wohnungen in dem Mietshaus in der Nassauischen Straße in Eigentumswohnungen umgewandelt worden. Fünf Jahre später kaufte ein Berliner Arzt die von Doris K. gemietete Wohnung für 400.000 Mark. Der Mediziner wollte, dass die Frau auszog, um die Immobilie gewinnbringend weiter verkaufen oder zumindest wesentlich teurer vermieten zu können.

Doch Doris K. ließ sich nicht überreden, ihre Wohnung zu räumen. Daran änderten auch die 50.000 Mark nichts, die ihr der Arzt für den Auszug bot. Doris K. verlangte stattdessen für die Modernisierung der Wohnung und die Einbauten den doppelten Betrag und eine Ersatzwohnung, die ihr gefiel. 

Was dann geschah, geht aus dem Urteil gegen den Makler und Joannis D. hervor: Der Arzt erzählte von der störrischen Mieterin Bekannten, die sich mit ihm regelmäßig in einem griechischen Restaurant trafen und über Geschäfte sprachen. Es waren Immobilienbesitzer, Makler, Anwälte. Auch Eberhard H. gehörte zu diesem Kreis. Seit 1982 war er als Makler tätig.  Er bot dem Arzt an, die Wohnung zu verkaufen. Für eine erfolgreiche Vermittlung hätte er eine hohe Provision erhalten. Der Arzt widersprach dem Angebot nicht. Doch die Immobilie ließ sich vermietet nicht veräußern.

Die Ermittlungen ergaben, dass der Makler deswegen auf die Idee kam, Doris K. töten zu lassen. Eberhard H. forderte Anfang Januar 1993 Joannis S. und Georgios D. auf, die Mieterin für ihn umzubringen. 10.000 Mark soll er ihnen im „Erfolgsfall“ in Aussicht gestellt haben. Nach den Ermittlungen war es auch der Makler, der die Tatwaffe besorgt hatte. Mitte Januar 1993 übergab Eberhard H. demnach die Flinte samt Schrotpatronen den angeheuerten Killern. Zu dieser Zeit begann die Observation von Doris K. Das mörderische Trio plante, die Buchhalterin in ihrem Büro zu töten. Am ersten Arbeitstag nach dem Urlaub setzten die Täter ihren Plan um.

Wegen einer Wohnung in der Nassauischen Straße in Wilmersdorf musste Doris K. sterben.
Wegen einer Wohnung in der Nassauischen Straße in Wilmersdorf musste Doris K. sterben.Gerd Engelsmann

Am 13. April 1999 beginnt vor der 32. Großen Strafkammer, einer für versuchte und vollendete Tötungsdelikte zuständigen Schwurgerichtskammer, der Prozess gegen Joannis S. und Eberhard H. Die Staatsanwaltschaft wirft S. Mord, dem Makler Anstiftung zum Mord vor. Die Angeklagten schweigen. Nur in ihrem letzten Wort äußern sie sich. Sie seien unschuldig, bekunden sie.

Doch die Beweislage ist erdrückend, die Zeugen für die Richter glaubhaft. Sechseinhalb Jahre nach dem gewaltsamen Tod von Doris K. werden die beiden Männer zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. Dem verurteilten Makler bescheinigt das Gericht bei der Urteilsverkündung im Oktober 1999 ein „rücksichtsloses Gewinnstreben“. Die Urteile werden neun Monate später rechtskräftig.

Nach Georgios D. wird indes weiter gefahndet, denn Mord verjährt nicht. Im Herbst 2000 wird der Gesuchte an der griechisch-bulgarischen Grenze festgenommen. Auch ihm wird in Berlin der Prozess gemacht. Auch er beteuert seine Unschuld. Doch die Richter sind überzeugt davon, dass er der Mann war, der seinem Landsmann gesagt hatte, „wo es lang ging“, und der bei dem Mord an Doris K. Schmiere stand.

Ende November 2001 wird auch der dritte Täter dieses Mordkomplotts verurteilt. Der 29-Jährige muss wegen gemeinschaftlichen Mordes 14 Jahre ins Gefängnis. Weil er zur Tatzeit erst 20 Jahre alt war, kommt er um eine lebenslange Freiheitsstrafe herum. Dass Doris K. wegen ihrer Wohnung ermordet wurde, nennen die Richter „ein unglaubliches Motiv“.

Und der Arzt? Ihm konnten die Ermittler keine Tatbeteiligung nachweisen. Er vermietete die Wohnung von Doris K. nach ihrem Tod zunächst für 3000 Mark im Monat an einen Bordellbetreiber. Als er Ärger mit den Behörden bekam, kündigte der Mediziner den Mietvertrag und verkaufte die Wohnung für knapp 800.000 Mark – unvermietet.