Spektakuläre Entführung eines Geschäftsmannes nach Vietnam – Angeklagter schweigt

Trinh Xuan Thanh wurde mitten am Tag in Berlin verschleppt und in Vietnam verurteilt. Jetzt muss sich ein Landsmann vor dem Kammergericht verantworten.

Der 32-jährige Angeklagte Anh Tu L. mit seinem Verteidiger Marvin Schroth.
Der 32-jährige Angeklagte Anh Tu L. mit seinem Verteidiger Marvin Schroth.dpa/Jörg Carstensen

Anh Tu L. sieht jünger aus, als er mit seinen 32 Jahren ist. Er sitzt an diesem Mittwoch im größten Saal des Kammergerichts gebeugt zwischen seinen Anwälten, trägt einen schwarzen Jogginganzug und Kopfhörer, über die er die Worte des Dolmetschers hört. Er ist vietnamesischer Staatsbürger. Im April dieses Jahres wurde er in Tschechien festgenommen und am 8. Juni nach Deutschland ausgeliefert.

Anh Tu L., der wegen eines Waffendelikts vorbestraft ist, soll eine nicht unwesentliche Rolle bei der spektakulären Entführung des vietnamesischen Geschäftsmannes Trinh Xuan Thanh im Berliner Tiergarten vor mehr als fünf Jahren gespielt haben. Geplant worden sei die Operation vom vietnamesischen Geheimdienst, sagt die Bundesanwaltschaft.

Sie wirft dem Angeklagten Beihilfe zur Freiheitsberaubung und geheimdienstliche Agententätigkeit vor. Anh Tu L. soll ein bei der Tatausführung genutztes Fahrzeug von Prag nach Berlin gebracht haben. In der Hauptstadt habe er das Opfer mit ausgespäht. Und er sei auch – zumindest als Mitglied der Absicherungseinheit – an der Entführung beteiligt gewesen, so die Anklage. Zudem habe Anh Tu L. anschließend geholfen, Trinh Xuan Thanh aus dem Schengenraum herauszubringen.

Was sich am 23. Juli 2017 in Berlin abgespielt hat, kann sich mit jedem Agentenkrimi messen: An jenem Sonntag war der 51-jährige Trinh Xuan Thanh, genannt TXT, mit seiner 28-jährigen Geliebten im Tiergarten spazieren. Kurz vor 11 Uhr hielt neben ihnen an der Hofjägerallee ein VW-Bus mit tschechischem Kennzeichen. Mehrere Männer sprangen aus dem Wagen, zerrten das Paar gewaltsam in den Multivan T5. Zeugen alarmierten die Polizei.

Die Verschleppten wurden laut Bundesanwaltschaft in die vietnamesische Botschaft in Treptow gebracht. Noch am selben Abend flog die Geliebte mit zwei Begleitern nach Hanoi zurück. Dort kam sie in ein Krankenhaus, wo ihr Armbruch, den sie sich bei der Entführung zugezogen hatte, behandelt wurde. Dann verliert sich ihre Spur.

TXT wurde nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft in einem Auto nach Tschechien und von dort in die Slowakei gebracht. Dort soll ein Treffen des vietnamesischen Ministers für Sicherheit mit seinem damaligen slowakischen Amtskollegen dafür genutzt worden sein, den Verschleppten aus dem Schengenraum zu bringen. Nach dem Treffen war der vietnamesischen Delegation eine slowakische Regierungsmaschine für den Flug nach Moskau zur Verfügung gestellt worden, so die Bundesanwaltschaft. Sie ist sich sicher, dass in dem Flieger auch Trinh Xuan Thanh saß.

Dem Entführten drohte in seiner Heimat die Todesstrafe

Die Entführung belastete die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Vietnam schwer. Das Auswärtige Amt sprach von einem präzedenzlosen und eklatanten Verstoß gegen deutsches Recht und gegen das Völkerrecht. Zwei Mitarbeiter der vietnamesischen Botschaft wurden des Landes verwiesen.

Der aus Berlin entführte vietnamesische Geschäftsmann Trinh Xuan Thanh steht im Januar 2018 in Hanoi vor Gericht.
Der aus Berlin entführte vietnamesische Geschäftsmann Trinh Xuan Thanh steht im Januar 2018 in Hanoi vor Gericht.dpa/VNA

Doch warum hatte Vietnam ein derartig großes Interesse an TXT? Der Geschäftsmann gehörte zum westlich orientierten Reformflügel der Kommunistischen Partei, war Vorstandschef eines Staatsunternehmens, schaffte es in ein Ministerium. 2016 endete seine Karriere, als sich auf einem KP-Parteitag konservative Kräfte durchgesetzt hatten. Vorwürfe wurden laut, TXT habe staatliche Gelder veruntreut. Ihm drohte in seinem Heimatland die Todesstrafe.

Am 20. August 2016 floh er nach Deutschland, wo sich seine Frau und seine Kinder bereits befanden. Laut Bundesanwaltschaft hielt sich TXT zunächst in Berlin verborgen. Es habe Warnungen gegeben, dass staatliche Stellen seine Entführung planen würden. Denn Versuche, ihn ausgeliefert zu bekommen, waren gescheitert. Im Mai 2017 beantragte er politisches Asyl, das ihm auch gewährt wurde – fünf Monate nach seiner Entführung.

Nach seiner Rückkehr hatte Trinh Xuan Thanh im vietnamesischen Staatsfernsehen erklärt, er sei aus freien Stücken in seine Heimat zurückgekommen. Er wurde in zwei Verfahren zu lebenslanger Haft verurteilt. Mittlerweile sei er aus dem Hochsicherheitsgefängnis des Geheimdienstes in eine reguläre Haftanstalt bei Hanoi verlegt worden, sagt seine Berliner Anwältin Petra Schlagenhauf. Die deutsche Botschaft habe Kontakt zu ihm aufnehmen können. Für sie als Anwältin seien die Bemühungen aber erst erfolgreich, wenn ihr Mandant die Gangway in Schönefeld hinabsteige.

An diesem ersten Prozesstag schweigt der Angeklagte. Ein Deal – höchstens fünf Jahre Haft bei einem Geständnis – kommt nicht zustande. Seine Verteidiger erklären, die Rolle von Anh Tu L. bei der Tat sei nicht so herausragend gewesen wie behauptet. Ihr Mandant sei an der direkten Verschleppung nicht beteiligt gewesen. Eine Einlassung werde am kommenden Montag folgen.

Es ist der zweite Prozess um die Entführung des Geschäftsmannes. Bereits 2018 war ein ebenfalls aus Vietnam stammender Angeklagter zu einer Haftstrafe von drei Jahren und zehn Monaten verurteilt worden.