Eine Postfrau wurde in Bernau erstochen: 33 Jahre lang war es Mord

1984 starb Helga N. in Bernau bei Berlin durch Messerstiche. Jahrzehntelang wurde ihr Mörder gesucht. Dann findet ein Kommissar neue Hinweise.

Der Tatort: das Wohnheim des Kombinats Industrielle Mast in Bernau. 
Der Tatort: das Wohnheim des Kombinats Industrielle Mast in Bernau. Polizei Brandenburg

Helga N. gilt als zuverlässige Frau. Sie arbeitet bei der Post, kassiert in Bernau bei Berlin monatlich bei den Abonnenten das Geld für die Zeitung „Neuer Tag“, geht dafür von Tür zu Tür. „Neuer Tag“ ist ein SED-Blatt. Es erscheint im Bezirk Frankfurt (Oder), zu dem Bernau zu diesem Zeitpunkt gehört. Manchmal nimmt die 54-Jährige bis zu 1000 DDR-Mark ein, die sie nach Hause trägt und später abrechnet. Manchmal legt sie das Geld für säumige Zahler aus.

Die Postfrau lebt allein und zurückgezogen in einer Ein-Raum-Wohnung im Wohnheim des Kombinats Industrielle Mast (KIM). Der Betrieb versorgt Ost-Berlin mit Frischeiern und Masthähnchen. In der zweigeschossigen Unterkunft gibt es 16 kleine Wohneinheiten, die auch an Betriebsfremde vermietet werden. Oft sind es alleinstehende ältere Frauen. Ein-Zimmer-Wohnungen sind rar, nicht nur in Bernau.

Helga N. nutzt auch die Kantine des Betriebs zum Essen. Deswegen kennt sie im Betrieb fast jeder. Sie hat kaum noch Familienangehörige. In Berlin lebt nur noch ihre ältere Schwester. Zu ihr hat sie sporadisch Kontakt. Ein- bis zweimal im Monat telefonieren die Frauen miteinander. Dafür muss Helga N. ins KIM-Büro gehen, weil sie keinen Telefonanschluss besitzt. Auch die sind in der DDR schwer zu bekommen.

Als sich Helga N. lange nicht meldet und mehrere Tage nicht zur Arbeit erscheint, fährt die Schwester am 26. Juli 1984 nach Bernau. Es ist ein Donnerstag. Sie hat einen Schlüssel für die Wohnung. Die Tür ist abgeschlossen, ein Schlüssel steckt nicht von innen. Problemlos kann sie die Tür öffnen.

Was sie dann entdeckt, wird Mordermittler mehr als drei Jahrzehnte beschäftigen: Helga N. liegt in ihrem eigenen Blut auf dem Boden. Ihre Schwester alarmiert die Schnelle Medizinische Hilfe. Die Notärztin kann nur noch den Tod der Postangestellten feststellen, nach einer ersten Untersuchung ruft sie die Polizei.

Axel Hetke kann sich noch gut an die Wohnung von Helga N. erinnern. Auch noch nach 38 Jahren. Vorn links sei die Küchenzeile gewesen, sagt der einstige Kriminalist. Das Zimmer habe einen aufgeräumten Eindruck gemacht. Als junger Leutnant war Hetke erst wenige Tage zuvor nach Bernau gekommen. Er sollte dort als stellvertretender Leiter der Kriminalpolizei eingearbeitet werden.

Der Fall Helga N. wurde sein erstes Tötungsdelikt an seiner neuen Wirkungsstätte, er hat ihn nie vergessen. Es sollte viele Jahre später auch einer seiner letzten Fälle vor dem Ruhestand werden, den er mit seinen Kollegen aufklären konnte – als Chef der sogenannten Altfall-Mordkommission des Brandenburger Landeskriminalamtes.

Messerschaft war in drei Teile zerbrochen

„So ein Fall prägt sich ein, wenn man ein junger Kripo-Mann ist“, sagt der 64-Jährige, als er am letzten Donnerstag im Oktober in seinen Aufzeichnungen von damals blättert. Der Fall Helga N. habe seine berufliche Vita beeinflusst.

Mit ruhiger Stimme erzählt Hetke, was er damals am Tatort gesehen hat: Das Opfer lag im Wohnzimmer mit dem Kopf unter der Schlafcouch, das Gesicht mit einem Tuch abgedeckt. Auf dem Fußboden war Blut. Die Notärztin hatte der Toten die Kittelschürze aufgeknöpft. Helga N. trug darunter einen Pullover, der voller Blut war. Im Brustbereich lag ein Messer.

Ein Tuch, das Helga N. um den Hals getragen habe, sei ebenfalls blutdurchtränkt gewesen, sagt Hetke. Dort habe man ein weiteres Messer gefunden. Der Schaft sei in drei Teile zerbrochen gewesen. Der frühere Kriminalist erzählt, dass damals Kollegen der Morduntersuchungskommission aus Frankfurt (Oder) die Ermittlungen übernommen hätten. Vieles habe auf ein Tötungsdelikt hingewiesen.

Axel Hetke leitete die Altfall-Mordkommission des Landeskriminalamtes Brandenburg.
Axel Hetke leitete die Altfall-Mordkommission des Landeskriminalamtes Brandenburg.Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Die Obduktion der Toten erfolgt schon am nächsten Tag in Berlin. Die Leiche der Postfrau weist eine Stichverletzung im Brustkorb und einen Einstich im Hals auf. Zudem sind linksseitig mehrere Rippen gebrochen, der Körper weist Hämatome auf. Es sind Anzeichen stumpfer Gewalteinwirkung. Im Obduktionsbericht heißt es: „Eine Selbstbeibringung der Verletzungen ist wenig wahrscheinlich.“

Doch warum musste Helga N. sterben, wo ist das Motiv? Es gibt keine Hinweise auf ein Sexualdelikt, keine Kampfspuren in der gerade einmal 30 Quadratmeter kleinen Wohnung. Weder ist ein Stuhl umgekippt noch ein Schrank durchwühlt. Selbst die Kleiderstapel, die sich überall befinden, sehen ordentlich aus. Für sie gibt es eine plausible Erklärung: Helga N. hatte kurz vor ihrem Tod das Haus ihrer verstorbenen Eltern ausgeräumt und die Kleider noch nicht aussortiert.

Die Ermittlungen ergeben auch, dass die Postfrau für DDR-Verhältnisse finanziell gut ausgestattet war. Sie hatte 25.000 Mark auf ihrem Konto. Davon stammten 12.000 Mark vom Verkauf des alten Siedlungshauses, das ihren Eltern gehört hatte. Trotzdem lebte Helga N. bescheiden. Feinde hatte sie nicht, Kontakt nur zu einer älteren Dame im Wohnheim, der sie ab und zu die Haare frisierte.

Letztmalig lebend wurde Helga N. drei Tage vor dem Auffinden ihrer Leiche gesehen. Sie hatte einer Nachbarin altes Brot und Kartoffeln als Kaninchenfutter gebracht. Die Ermittler reden mit Bekannten von Helga N.: Nachbarn, Arbeitskollegen, auch Mitarbeiter ihres einstigen Arbeitsplatzes in Berlin. Mehrere hundert Personen werden befragt. Die Fahnder erfahren viel über die Tote. Aber nichts über ihren mutmaßlichen Mörder.

Helga N. hatte studiert, war Diplom-Landwirtin und arbeitete von 1967 bis 1977 als Fachberaterin im Fleischkombinat Berlin. Für damalige Verhältnisse verdiente sie gut: 900 Mark im Monat. In dieser Zeit lebte sie auch in einer Beziehung. 1977 gab es einen Bruch in ihrem Leben. Sie beendete ihre Partnerschaft, kündigte ihre Arbeit und fing in Bernau bei der Post an. Dort verdiente sie mit 250 Mark monatlich weit weniger als zuvor.

Was war geschehen? Die Ermittler fanden heraus, dass Helga N. seit 1968 in psychiatrischer Behandlung war. Sie litt unter Depressionen. Ein Jahr vor ihrem Tod hatte sie ihrer Schwester und ihrem Arzt von Suizidabsichten berichtet. Als der Mediziner sie in eine Klinik einweisen wollte, beendete Helga N. die Behandlung. Dass sich die Frau selbst umgebrachte haben könnte, erwägen die Fahnder zwar. Doch sie halten es wegen der Spuren am Tatort und an der Leiche für unwahrscheinlich.

17 Jahre passierte nichts im Fall Helga N.

Im zu jener Zeit 19.000 Einwohner zählenden Städtchen Bernau ist die tote Postfrau, die so viele Menschen wegen ihrer Arbeit kannten, Stadtgespräch. Als alle Hinweise abgearbeitet, alle Kontaktpersonen von Helga N. befragt sind, werden die Ermittlungen Ende 1985 ergebnislos eingestellt. Sie füllen 16 dicke Leitzordner und einen Sonderband. 17 Jahre passiert nichts, der Fall gerät in Vergessenheit.

Bis Axel Hetke im Jahr 2002 die Mordkommission in Eberswalde, eine Außenstelle des Polizeipräsidiums Frankfurt (Oder), übernimmt. „Wenn wir Zeit hatten, haben wir uns die Akten alter, ungeklärter Tötungsdelikte aus unserem Bereich angeschaut“, erzählt der Kriminalist. Auch der Fall Helga N. ist dabei.

Doch die Fahnder haben ein Problem: Damals gesicherte Spuren vom Tatort sind ebenso verschwunden wie die Kleidung der Toten. „Vermutlich sind sie in den Wirren der Wende vernichtet worden“, sagt Hetke. Offenbar in der Annahme, dass alles untersucht worden sei. Den Mordermittlern bleiben nur die Leitzordner. Doch auch aus ihnen lässt sich nichts Neues, vor allem kein Motiv herauslesen. Die Akte Helga N. wird wieder geschlossen.

Doch der Fall zieht sich wie ein roter Faden durch Hetkes Berufsleben. Im Jahr 2011 wird der Erste Kriminalhauptkommissar Chef der neugegründeten Mordkommission für ungeklärte Altfälle beim Landeskriminalamt Brandenburg. Und der Fall Helga N. ist so ein Altfall, ein Cold Case.

Hetke holt die Fallanalytiker mit ins Boot. Anhand der Akte und der Fotos vom vermeintlichen Tatort versuchen sie, das Geschehen im KIM-Wohnheim zu rekonstruieren. „Wir dachten an Suizid“, erzählt der einstige Chefermittler. Nur das Verletzungsmuster habe nicht in das Bild gepasst.

Deswegen soll eine Expertin für Blutspurenmusteranlayse und Tathergangsrekonstruktion klären, ob sich die außergewöhnliche Lage der Leiche und die Verletzungen am Körper von Helga N. mit einem Selbstmord vereinbaren lassen. Anhand von Blutspritzern kann sie erkennen, wie ein Verbrechen vermutlich ablief. Und noch eine Fragen wollen die Mordermittler beantwortet bekommen: Wie kam das Tuch auf das Gesicht der Toten?

Die Spezialistin baut die Liege am Fundort der Leiche nach. Sie kommt nach zahlreichen Untersuchungen zu dem Schluss: Ein Suizid sei durchaus möglich. Demnach saß Helga N. an einem Tisch, der neben der Liege stand. Sie hatte ein Messer in der Hand, das sie mit dem Schaft fest auf den Tisch vor sich stellte. Dann ließ sie Hals und Kopf mit solcher Wucht auf die Messerspitze fallen, dass der Schaft zerbrach.

Anschließend muss sie sich mit letzter Kraft ein bereitgelegtes zweites Messer in den Brustkorb gestoßen haben. Sie stürzte zu Boden, lag zunächst auf der linken Körperseite. Dann streckte und drehte sich ihr Körper im Todeskampf auf den Rücken, sodass ihr Kopf unter die Schlafcouch geriet. Beim Sturz muss ihr Kopf ein Tuch, das sich auf der Liege befand, mitgerissen haben. Dieser Bewegungsablauf konnte durch die Gutachterin in einem Experiment nachvollzogen werden.

Tod der Postfrau war ein atypischer Suizid

Mit dem Ergebnis des Gutachtens werden nun noch einmal die Rechtsmediziner zu Rate gezogen. Für sie passen die Verletzungen von Helga N. zu dem rekonstruierten Hergang des Suizids. Sie kommen zu dem Schluss, dass sich Helga N. die Rippen beim Sturz auf die linke Körperseite brach und sich dabei auch Hämatome zufügte.

In ihrer Expertise  schreiben sie: „Zusammenfassend handelt es sich aus Sicht der Unterzeichnenden im vorliegenden Fall um einen atypischen Suizid.“ In jedem Fall sprächen aus rechtsmedizinischer Sicht wesentlich mehr Befunde für einen Selbstmord als für ein Verbrechen.

2017 gehen die Ermittler mit diesem Ergebnis an die Öffentlichkeit. „Ich bin fest davon überzeugt, dass sich die Frau auf diese ungewöhnliche Art und Weise umgebracht hat. Sie wollte wohl sichergehen“, sagt Hetke. Gerne hätte er der Schwester von Helga N. die Nachricht überbracht, dass der Fall gelöst sei. Doch die letzte Verwandte der Postfrau starb bereits in den 1990er-Jahren. Und auch das Wohnheim, in dem Helga N. lebte und zu Tode kam, existiert nicht mehr. Es wurde nach der Wende abgerissen. An derselben Stelle steht nun ein Hotel.