Er suchte im Darknet einen Killer: 28-Jähriger muss viereinhalb Jahre in Haft

Landgericht Berlin spricht Angeklagten der versuchten Anstiftung zum Mord schuldig – auch wenn er bei der Suche nach einem Mörder Betrügern auf den Leim ging.

Nico F. wurde wegen versuchter Anstiftung zum heimtückischen Mord zu einer Haftstrafe verurteilt.
Nico F. wurde wegen versuchter Anstiftung zum heimtückischen Mord zu einer Haftstrafe verurteilt.Pressefoto Wagner

Mark Sautter sucht an diesem Donnerstagvormittag immer wieder den Blickkontakt zu dem Angeklagten. Doch Nico F. schaut nicht einmal hoch, als Sautter, Vorsitzender Richter einer Schwurgerichtskammer am Berliner Landgericht, das Urteil gegen ihn verkündet. Nico F. muss für viereinhalb Jahre ins Gefängnis.

Der 28-jährige Kellner, der im Darknet einen Killer engagieren wollte, hat sich der versuchten Anstiftung zum heimtückischen Mord schuldig gemacht. Mit dem Urteil bleibt die Kammer unter der von der Staatsanwaltschaft geforderten Haftstrafe von sechs Jahren. Mit dem Urteil endet einer der wohl skurrilsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre in Berlin. Denn Nico F. war bei seinem Bestreben, einen Mörder zu dingen, auf Betrüger hereingefallen.

In seiner Urteilsbegründung lässt Sautter noch einmal die ungewöhnliche Geschichte dieser Mördersuche Revue passieren: Nico F. hatte im Internet Enrico F. kennengelernt, zehn Jahre älter als er und Grafiker von Beruf. Im vorigen Jahr sahen sich die Männer, die in Dresden lebten, das erste Mal. Sie gingen regelmäßig in dasselbe Sportstudio, unternahmen gemeinsam etwas, wurden Freunde.

Nico F. bewunderte den Älteren, der sein Leben im Griff zu haben schien. Er kleidete sich wie Enrico F. und trug eine ähnliche Frisur. Er schwärmte für ihn, verliebte sich schließlich. Nach einem Straßenfest im Herbst vorigen Jahres kam es zum One-Night-Stand. Doch Enrico F. lebte in einer festen Beziehung, die er nicht aufgeben wollte. Ende 2021 zog er zu seinem Partner nach Berlin.

Sautter sagt, dass es dem Angeklagten damals nicht gut gegangen sei. Er spricht von Vereinsamung. Nico F. schrieb Beschwörungsformeln, knetete Figuren, denen er das Gesicht seines Konkurrenten gab. Im Frühjahr dieses Jahres kam Nico F. der Gedanke, den Lebensgefährten seines Schwarms umbringen zu lassen. Darin habe der Angeklagte „die Lösung aller Probleme“ gesehen, sagt der Richter.

Nico F. stieß im Darknet auf eine Seite, auf der man vermeintlich Mörder engagieren konnte. Der Angeklagte hielt die Angebote für echt; davon zeugen die Anweisungen, die er für den Auftragsmord auf der Website erteilt hatte: Danach sollte das Opfer an der Haustür abgepasst und erschossen oder erstochen werden, der Tod des Konkurrenten wie ein Unfall oder ein missglückter Raubüberfall aussehen. Zudem lud er Fotos des zu Tötenden hoch und gab dessen Adresse bekannt, die er vorher bei einer Reise nach Berlin ermittelt hatte.

Mindestens 15 potenzielle Täter im Darknet angeschrieben

Auch zahlte der Angeklagte für die Ausführung seines Auftrags nicht wenig Geld. Insgesamt waren es 24.263 US-Dollar, rund 22.000 Euro. Dafür hatte Nico F. einen Kredit genutzt, der ihm Ende Februar von der Bank gewährt worden war. Ursprünglich wollte er das Geld zum Einrichten seiner Wohnung, für eine Nasenkorrektur und den Kauf eines Hundes nutzen.

Bei der Mördersuche sei der 28-Jährige mit erheblicher Vehemenz vorgegangen, sagt Sautter. „Die intensive Art, seinen Plan umzusetzen, war beeindruckend.“ Als der Administrator der „Killer-Seite“ Nico F. mitgeteilt hatte, dass der beauftragte Mörder festgenommen worden sei und der bereits überwiesene Killerlohn zurückgezahlt werden könne, zog Nico F. nicht etwa seine Bestellung zurück, sondern blieb bei seinem mörderischen Wunsch. Er würde es vorziehen, dass der Auftrag ausgeführt werde, statt das Geld zurückzubekommen, schrieb er dem Administrator zurück.

Laut Sautter hatte Nico F. auf der Darknet-Seite mindestens 15 potenzielle Mörder auch direkt angeschrieben. „Der Angeklagte hat alles in seiner Macht Stehende getan, um die rasche Ausführung seines Auftrags zu erreichen“, erklärt der Vorsitzende Richter.

Schließlich teilte der Administrator Nico F. mit, dass die Website-Angebote ein Betrug seien und die dort aufgeführten Mörder nur Fake. Und er drohte: Falls Nico F. vorhabe, Anzeige zu erstatten, würde man seine Angaben zum Tötungsauftrag der Polizei übergeben.

Es waren Investigativjournalisten, die bei ihren Recherchen im Darknet auf die angebliche Killer-Website stießen und die Behörden alarmierten. Anfang April dieses Jahres warnte die Polizei in Berlin das mutmaßliche Opfer. Eine Woche später konnte auch ermittelt werden, wer hinter dem Mordauftrag steckte. Nico F. wurde an seinem Arbeitsplatz festgenommen – in einem Dresdener Restaurant.

Im Prozess legte der Angeklagte ein umfangreiches Geständnis ab und entschuldigte sich bei Enrico F. und dessen Partner. Das habe sich strafmildernd ausgewirkt, sagt Sautter. Die Folgen für den Mann, der durch den Killer getötet werden sollte, seien allerdings erheblich gewesen. Er habe sich auf Anraten der Polizei zunächst lange Zeit nicht auf die Straße getraut, und auch heute verlasse er seine Wohnung nicht allein. Allerdings sei das Opfer zu keinen Zeitpunkt objektiv gefährdet gewesen, erklärt der Vorsitzende Richter. Trotzdem habe es eine Haftstrafe geben müssen – schon als Signal für Kriminelle, die sich im Darknet tummelten.

„Hätte der Mordauftrag geklappt, würden wir hier definitiv über eine lebenslange Haft reden“, sagt Sautter am Ende der Urteilsbegründung und schaut den Angeklagten erneut an. Nico F. sitzt noch immer mit gesenktem Kopf neben seiner Anwältin. Das Urteil gegen ihn ist noch nicht rechtskräftig.