Der Mann, der an diesem Mittwochnachmittag als Zeuge in den Gerichtssaal geführt wird, kommt direkt aus dem Gefängnis. Jamal H. ist 30 Jahre alt. Er trägt eine schwarze Jeans zu einer schwarzen Jacke und schwarzen Turnschuhen. Vielleicht wirkt er deshalb so blass. Jamal H. kommt durch einen unterirdischen Gang in den Saal, durch den auch die Angeklagten gebracht werden. Der eher schmächtig wirkende Mann, der wegen einer Gewalttat in Haft sitzt, nimmt im Zeugenstand Platz.

Er arbeite im Gefängnis als Gärtner, antwortet er auf die Frage nach seiner Arbeit. „Sind das ihre Brüder?“, will Thomas Groß, der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer, dann von dem Zeugen wissen. Jamal H. schaut die beiden Männer, die hinter einer Balustrade aus Holz und Glas sitzen, an. Yousuf und Mahdi H., 27 und 23 Jahre alt, erwidern den Blick. Sie hätten ihrem Bruder gerne Hallo gesagt, doch der Richter hatte dieses Ansinnen abgelehnt. Jamal H. nickt und beantwortet so die Frage.

Die Brüder sind angeklagt, ihre Schwester Maryam H. im Sommer vorigen Jahres in Berlin ermordet zu haben. Die Leiche der zweifachen Mutter sollen sie dann in einem Rollkoffer mit dem ICE nach Bayern transportiert und dort verscharrt haben. Maryam H. war auch die Schwester von Jamal H.

Jamal H. hört aufmerksam zu, als er von Groß nun darauf hingewiesen wird, dass er als Bruder der Angeklagten ein Zeugnisverweigerungsrecht habe und dass dies nicht für oder gegen Yousuf und Mahdi H. ausgelegt werden könne. „Es ist so, als gäbe es Sie gar nicht“, sagt der Richter. Jamal H. nickt. Dann antwortet er in seiner afghanischen Muttersprache Dari, die der Dolmetscher übersetzt. „Ich habe nichts zu sagen“, erklärt der Zeuge, steht auf und geht.

Vier Minuten hat sein Auftritt im Gerichtssaal gedauert. Auch der Onkel der Brüder, der als Zeuge gehört werden soll, 32 Jahre alt und Bäcker von Beruf, beruft sich auf sein Schweigerecht, muss der Kammer dann doch noch etwas sagen: „Worüber ich nichts weiß, kann ich auch nichts sagen.“

Es ist an diesem 18. Verhandlungstag ein Versuch, die Motivation der mutmaßlichen Mörder von Maryam H. zu erkunden. Laut Anklage soll die afghanische Familie des Opfers entschieden haben, dass Maryam H. sterben müsse. Nur die Mutter soll sich dagegen ausgesprochen haben.

Maryam H. war als 16-Jährige zwangsverheiratet worden, hatte sich nach ihrer Flucht nach Deutschland von ihrem gewalttätigen Ehemann getrennt und einen neuen Mann kennengelernt, den sie auch heiraten wollte. Damit soll die 34-Jährige die angebliche Ehre ihrer archaisch geprägten afghanischen Familie verletzt haben.

Zahlreiche Zeugen haben in diesem Verfahren, in dem die Angeklagten schweigen, bereits ausgesagt, darunter der neue Freund von Maryam H., Freundinnen des Opfers sowie die Lebensgefährtin des älteren Bruders Yousuf H., die die Ermittler in Bayern zu der verscharrten Leiche geführt hatte.

Auch die gefilmte richterliche Vernehmung der Kinder des Opfers, zehn und 14 Jahre alt, wurde im Gerichtssaal vorgeführt. Das Mädchen und der Junge hatten übereinstimmend ausgesagt, dass die Angeklagten die Mutter kontrolliert und auch geschlagen hätten. „Sie haben sie geknechtet, nachdem sie sich hat scheiden lassen“, sagte der 14-Jährige. Seine Mutter habe nicht zur Polizei gehen wollen, weil sie ihre Brüder geliebt habe.

Die Ermittler gehen davon aus, dass Maryam H. am 13. Juli vorigen Jahres von ihren Brüdern unter dem Vorwand, eine Wohnung für sie und die Kinder gefunden zu haben, aus der Flüchtlingsunterkunft gelockt wurde. Die eigenen vier Wände sollen der Traum der Frau gewesen sein.

Wo genau Maryam H. getötet wurde, ist unklar. Die Brüder werden aber verdächtigt, ihre Schwester in einem Hostel in Neukölln umgebracht zu haben. Dort hatten die Angeklagten zunächst gemeinsam gelebt, bis Yousuf, der Ältere, nach Bayern zog – zu seiner Lebensgefährtin.

Mit einem Taxi sollen die Brüder den Koffer mit der Leiche von Maryam H. von dem Hostel zum Bahnhof Südkreuz transportiert und dort einen ICE nach Donauwörth genommen haben.

Die verscharrte Leiche von Maryam H. wurde Anfang August vorigen Jahres in einem Waldstück in Holzkirchen gefunden. Der Kopf der Toten steckte in einer Plastiktüte, die am Hals mit Klebeband umwickelt war. Auch Mund und Nase der Toten sollen verklebt und die Hände gefesselt gewesen sein. Laut Anklage starb Maryam H. durch Drosseln und Würgen, zudem wurde ihr die Kehle durchgeschnitten.

Zehn Verhandlungstage hat die Schwurgerichtskammer noch terminiert. Am Freitag soll der einstige Ehemann von Maryam H. als Zeuge gehört werden. Fraglich ist, ob er etwas sagen wird. Wie der Richter erklärt, hat auch Saeeb H. ein Zeugnisverweigerungsrecht.