Messerangriff auf Betonmischer-Fahrer: Beschuldigter war wütend über Samenraub

Der offenbar psychisch kranker Mann gibt vor dem Landgericht Berlin Messerstich nach tödlichem Unfall zu – und macht wirre Angaben zum Motiv der Tat.

Der Betonmischer von Viktor Z. steht nach dem Unfall mit einer Radfahrerin an der Bundesallee.
Der Betonmischer von Viktor Z. steht nach dem Unfall mit einer Radfahrerin an der Bundesallee.dpa/Paul Zinken

Viktor Z. ist ein kleiner, schmaler Mann von 64 Jahren. Er zieht im Gerichtssaal seinen Anorak nicht aus. Z. ist Lkw-Fahrer. Am 31. Oktober des vergangenen Jahres wurde der Fahrer eines Betonmischers Opfer einer Messerattacke. Der Stich traf den Kraftfahrer in der Herzgegend. Das Messer sei in den Rippen stecken geblieben, sagt Viktor Z. Das habe ihm das Leben gerettet. „Die Ärzte haben zu mir gesagt, dass ich meinen zweiten Geburtstag feiern kann“, erzählt der Lkw-Fahrer.

Viktor Z. ist an diesem ersten Verhandlungstag am Berliner Landgericht gegen den Mann, der ihn mit dem Messer verletzt haben soll, Zeuge und zugleich auch Nebenkläger. Und vermutlich wäre der Schwurgerichtssaal im Kriminalgericht Moabit nicht so vollbesetzt, wäre da nicht diese Vorgeschichte, die die ganze Stadt bewegt hat.

Kurz bevor der Lkw-Fahrer mit einem Messer angegriffen wurde, soll er mit seinem Betonmischer eine Radfahrerin auf der Bundesallee in Wilmersdorf überfahren haben. Die Frau wurde unter dem schweren Fahrzeug eingeklemmt.

Der Unfall machte zum einen Schlagzeilen, weil die Klimakleber dafür verantwortlich gemacht wurden, dass ein für die Befreiung des Opfers benötigtes Spezialfahrzeug der Feuerwehr im Stau gestanden hatte und nicht so schnell zum Unfallort gelangen konnte. Tagelang wurde darüber debattiert, ob bei rechtzeitigem Eintreffen des Fahrzeugs das Leben der Radlerin hätte gerettet werden können. Zum anderen sorgte die Messerattacke auf Viktor Z., den Fahrer des Betonmischers, noch am Unfallort für Aufsehen.

Beschuldigter ist psychisch krank

Auf der Anklagebank sitzt Alexander B., ein 48 Jahre alter Mann, mit Halbglatze und blasser Gesichtsfarbe, der zur Tatzeit obdachlos war. In dem Verfahren ist er Beschuldigter, weil er die Tat im „Zustand der nicht auszuschließenden Schuldunfähigkeit“ begangen haben soll. Alexander B. leidet nach Angaben des Staatsanwalts an einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie. Da er aufgrund seiner Erkrankung auch weiterhin für die Allgemeinheit gefährlich sei, strebe die Staatsanwaltschaft die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus ein.

Laut Antragsschrift, so heißt die Anklage in einem Sicherungsverfahren, war Alexander B. am 31. Oktober gegen 8.30 Uhr auf den Lasterfahrer zugegangen und hatte ihm sein Klappmesser mit einer fast acht Zentimeter langen Klinge „in Verletzungsabsicht und ohne Rechtfertigungsgrund in die linke Brust auf Höhe des Herzens“ gerammt. Seit der Tat sitzt der Beschuldigte im Maßregelvollzug für psychisch kranke Straftäter.

Alexander B. gibt die Vorwürfe vor Gericht unumwunden zu. Sein Anwalt erklärt, dass sein Mandant auf der Mittelinsel gewesen sei und den Unfall akustisch wahrgenommen habe. Auch die Schreie der Verletzten. Aufgrund des Schreckens und auch wegen seiner Erkrankung sei Alexander B. die Idee gekommen, dass der Lkw-Fahrer den Unfall absichtlich verursacht haben könnte.

Das Messer habe sein Mandant noch vom Frühstück in der Hand gehabt und es in Richtung der Schulter von Viktor Z. gestochen. Dann sei er spazieren gegangen und erst abends wieder zu seiner Schlafstätte zurückgekehrt. Die Tat tue seinem Mandanten leid, erklärt der Verteidiger. Alexander B. sei in Behandlung und gehe jetzt davon aus, dass der Lasterfahrer nichts Böses gewollt habe.

Alexander B. hört keine Stimmen mehr

Was der Beschuldigte dann auf Nachfragen der Kammer erzählt, klingt wahrlich sehr merkwürdig. Er lebe seit drei Jahren auf der Straße, erzählt Alexander B. Am Tattag habe er „nur schauen wollen, was da passiert ist“. Zum Frühstück habe er Brot mit Nougatcreme gegessen, das Messer noch in der Hand gehabt, als er zu dem Lkw-Fahrer gegangen sei. „Ich wollte ihn stechen“, gibt Alexander B. zu.

Dann spricht er in kruden Worten von einer Sonja, offenbar seine frühere Freundin, die ihm Samen im Schlaf geraubt haben soll, von einem Wolfgang und von Menschenhandel. Er erzählt auch, dass er die Gestik und die Erschütterung des ausgestiegenen Lkw-Fahrers für „ein ganz schlechtes Schauspiel“ gehalten habe, für eine Inszenierung, die ihn wütend gemacht habe. „Ich kann mir heute alles nicht so richtig erklären“, gibt Alexander B. mit immer leiser werdender Stimme zu. Er nehme Medikamente, höre auch keine Stimmen mehr, die Wut über den Samenraub sei auch geringer geworden.

Der Lkw-Fahrer wurde nach dem Messerangriff in ein Krankenhaus gebracht, die Wunde genäht. Er sagt, er habe den Beschuldigten damals nur aus den Augenwinkeln wahrgenommen, wie er mit einer Kapuze über den Kopf auf ihn zugeeilt sei. „Sein Gesicht habe ich nicht gesehen“, schildert er.

Bei der Polizei hatte Viktor Z. erklärt: Der Angreifer „wirkte bösartig“. Manchmal, so erzählt es der Zeuge, habe er noch immer Schmerzen in der Brust. Siebenmal sei er seit damals bei Psychotherapeuten gewesen. Es komme vor, dass er nachts aufschrecke. „Dann ist alles wieder da, also auch der Unfall“, sagt der Zeuge. Und immer wieder stelle er sich die Frage: Warum ist das passiert?

Zu dem Unfall muss der Lkw-Fahrer in diesem Verfahren nichts sagen, weil gegen ihn wohl wegen fahrlässiger Tötung ermittelt wird. Für den Prozess gegen Alexander B. sind insgesamt drei Verhandlungstage vorgesehen.