Anfang November 2020 blieb Agatha vor der Wohnungstür eines Mehrfamilienhauses in der Pankower Parkstraße stehen. Sie war zuvor in den Keller gelaufen, hatte dort an einer Sackkarre verharrt und war dann zielgerichtet – immer der Nase nach – zu der Wohnung getrabt. Vor der Tür setzte sie sich und zeigte ihrem Herrchen mit der Pfote an: Hier sind wir richtig. In der Wohnung lebte Stefan R., Lehrer für Mathematik und Chemie an einer Privatschule. Hinter dieser Tür, so konnte Agathas Verhalten gedeutet werden, war ein Lichtenberger Monteur, den Familie und Freunde seit Wochen vermisst hatten, verschwunden.

Helmut Becker-Zang kann sich gut an den Einsatz von Agatha und seiner beiden anderen Hunde in dem Fall erinnern. Er weiß noch, dass er in der Wohnung des Vermissten 15 Minuten lang ein steriles Tuch in einen Turnschuh des Mannes gesteckt und das Tuch mit der Geruchsspur dann seinen Hunden vor die Nase gehalten hatte, damit sie genau diese Spur aufnehmen konnten.

Die Polizei wusste damals bereits, dass der Monteur nach Pankow fahren wollte. Also begann die Suche am dortigen Bahnhof. Agatha, Aphra und Morwenna, die drei Hündinnen von Becker-Zang, liefen abwechselnd erst zur Berliner Straße, von dort zur Breiten Straße, dann zur Schönholzer Straße. Sie schnüffelten bis zu diesem Mehrfamilienhaus in der Parkstraße. Bis zu dieser Wohnungstür. Tags darauf, so erzählt es ihr Herrchen, sei Stefan R. wegen des dringenden Verdachts, den vermissten Mann ermordet und die Leiche zerstückelt zu haben, festgenommen worden. Mit der Sackkarre aus dem Keller soll er Leichenteile des Monteurs transportiert haben.

Es ist ein warmer Junitag, als Helmut Becker-Zang mit ein wenig Stolz in der Stimme davon erzählt, dass seine Hündinnen zur Aufklärung des Verbrechens zumindest beigetragen hätten. Der 69-Jährige sitzt auf einem Gesundheitsball in seinem Büro in Wilmersdorf. Vor ihm, auf dem Schreibtisch, steht eine durchsichtige Plastikkiste mit Klickverschlussdeckel, in der er die Geruchsproben und die Suchprotokolle aufbewahrt. Jeder Fall hat eine solche Dose. So weiß Becker-Zang genau, wann er mit seinen Hunden wofür unterwegs war. Mindestens 300 solcher Frischhalteschachteln befänden sich in seinem Keller, sagt er.

Während es sich die Magyar-Vizsla-Hündin Aphra unter dem Schreibtisch bequem macht und Morwenna, mit 14 Jahren die Älteste in der Tierrunde, im Körbchen liegt, kommt Agatha – rotblonde Mähne, ein wenig zottelig – neugierig näher. Sie ist wie Morwenna eine ungarische Straßenhündin, die Becker-Zang vor Jahren bei einer Tierschutzvereinigung geholt hat. Er kaufe sich immer einen Zuchthund, dann wieder ein Tier aus dem Heim, dann wieder einen Zuchthund, erklärt er.

Agatha lässt sich ausgiebig kraulen und weicht einem danach mit ihrem bettelnden Blick aus großen braunen Augen nicht mehr von der Seite. Hört das Liebkosen auf, stupst sie wie zur Erinnerung mit ihrer Nase gegen das Bein. Die etwa sieben Jahre alte Hündin ist der neunte Vierbeiner, den Becker-Zang zur Spürnase ausgebildet hat. Immer habe er sich Hündinnen geholt, sagt er. „Es ist wie im Leben: Frauen arbeiten einfach besser.“

Helmut Becker-Zang, wache Augen hinter runden, randlosen Brillengläsern, ein lang gewachsener Haarkranz um den Kopf und stets ein Lächeln im Gesicht, ist Ingenieur, die Mantrailer-Ausbildung sein Hobby, das er jedoch professionell betreibt. Er gilt als einer der gefragtesten Hundespezialisten in Berlin bei der Aufklärung von Verbrechen und Vermisstenfällen oder beim Erstellen von Bewegungsprofilen.

Seit mehr als 30 Jahren haben Helmut Becker-Zang und seine Frau Brigitte Hunde. Irgendwann hätten sie sich gesagt, dass die Tiere eine Aufgabe bräuchten, die „nicht nur Spazierengehen“ heißen sollte, erzählt der Ingenieur – während eines Spaziergangs. Jeder Hund habe schließlich einen ausgebildeten Trieb und eine „tolle Nase“. So besitze der Mensch fünf Millionen Riechzellen, bei einem Deutschen Schäferhund seien es 220 Millionen.

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Die Magyar-Vizsla-Hündin Aphra nimmt eine Geruchsspur auf.

Becker-Zang muss es wissen, er hat, wie er sagt, „noch in hohem Alter“ Kriminalistik studiert und vor drei Jahren seine Masterarbeit geschrieben. Thema: „Die Beweiswürdigkeit von Mantrailer-Einsätzen im gerichtlichen Strafverfahren“. Ein durchaus aktuelles Thema. Gerade wird es im Prozess um den Diebstahl der Juwelen aus dem Dresdener Grünen Gewölbe heftig diskutiert. In dem Museum hatten zwei Mantrailer-Hunde Spuren von zwei der sechs Angeklagten angezeigt.

Becker-Zangs Tiere waren nicht darunter. Wohl auch, weil Sachsen nicht sein Gebiet ist. Aber es kommt durchaus vor, dass seine Tiere außerhalb von Berlin und Brandenburg zum Einsatz kommen.

Sein Team ist immer dann gefragt, wenn die Ermittler nicht weiterkommen oder die Spürhunde der Polizei nicht verfügbar sind. „Mantrailer-Hunde können überall dort arbeiten, wo Menschen Spuren hinterlassen“, erklärt Becker-Zang. Jeder Mensch verliere Geruchsmoleküle, die sich da verteilten, wo er unterwegs war. Sogar wenn die Person im Auto gesessen habe, könnten speziell ausgebildete Hunde den Weg des Fahrzeugs verfolgen. Noch Monate später, davon ist Becker-Zang überzeugt.

Zunächst hatte er sich bei der Rettungshundestaffel engagiert. Aber er habe schnell gemerkt, dass das nichts für seine Hunde sei. „Und für mich auch nicht“, ergänzt er. Die Kriminalistik hatte es dem Ingenieur angetan. Und so begann er, mit seinen Hunden die Ortung von Menschen im Wasser und das Mantrailen, zu Deutsch: die Verfolgung eines Menschen, zu trainieren.

„Eine Spur zu verfolgen ist für die Tiere nichts anderes, als ihrem Trieb nachzugehen“, sagt der Trainer. Er pole seine Hündinnen eigentlich nur um. Statt Wild zu jagen, versuchten die Tiere nun, anhand des Geruchs Menschen aufzuspüren. Jede ihrer Bewegungen könne er dabei deuten. Aber wie? „Das ist ganz einfach. Sie müssen die Hunde lesen können.“  So müsse er auch sofort mitbekommen, wenn Agatha die Geruchsspur eines Menschen verlasse und ihren Lieblingstieren hinterherjage: Wildschweinen und Hasen.

Einmal in der Woche trainiert Becker-Zang seine Tiere. Geübt wird mit Leichengeruch. Er hängt an Wattestäbchen, die sich der Hundetrainer aus der Pathologie besorgt hat. Aber auch am „lebenden Subjekt“ wird trainiert. So bittet Becker-Zang manchmal einen Freund, ein Stück Stoff für eine halbe Stunde unter der Achsel zu tragen – und so einen Geruchsträger zu produzieren. „Dieses Stück Stoff ziehen meine Frau und ich dann nachts durch Berlin. Manchmal einen Kilometer weit, manchmal sind es auch 15 Kilometer.“

Es ist wie im Leben: Frauen arbeiten einfach besser.

Helmut Becker-Zang

Am nächsten Tag wird den drei Hunden der Stofffetzen unter die Nase gehalten. In Etappen folgen sie dann einzeln dieser Geruchsspur, an deren Ende der Freund wartet. Dann gibt es, wie auch bei jedem erfolgreichen Einsatz, eine Belohnung für jede Hündin: eine Butterstulle. „Die Spurensuche ist für Hunde harte Arbeit“, erklärt Becker-Zang. Er passe auf, dass seine Tiere nicht zu lange schnüffeln. Ist eine Hündin müde, kommt die nächste dran.

Becker-Zang kann sich noch gut an den ersten Fall erinnern, zu dem er mit seinen Tieren von der Mordkommission gerufen wurde. Das ist fast 20 Jahre her. Anfang 2003 suchte die Berliner Polizei nach zwei vermissten ukrainischen Gebrauchtwarenhändlern. Die Fahnder glaubten, dass sie ermordet und im Peetschsee im brandenburgischen Landkreis Oberhavel versenkt worden waren.

Mit einer seiner Hündinnen fuhr Becker-Zang auf einem Boot der Polizei mit hinaus. An einer Stelle des bis zu 23 Meter tiefen Gewässers schlug das Tier an. Becker-Zang ließ drei Bojen setzen. Und wirklich, in dem abgesteckten Bereich fanden die Taucher im schlammigen Untergrund die mit Steinen beschwerten Leichen der gesuchten Männer.

Zu 65 bis 70 Fällen im Jahr wird Becker-Zang mit seinen Detektivinnen mittlerweile gerufen. Nicht nur die Polizei, auch Detekteien heuern die Tiere an oder auch Privatpersonen, die nach vermissten Verwandten suchen.

Manchmal endet so ein Einsatz auch glücklich, erzählt der Hundetrainer. 2014 etwa, als Jagdhündin Miss Marple einen gesuchten jungen Mann aus München in einem Hotelzimmer in Berlin ausfindig machen konnte. Der Vermisste hatte vor, sich das Leben zu nehmen. „Die Eltern waren glücklich, dass ihrem Sohn nichts passiert war“, erzählt Becker-Zang. Der so Gerettete schreibe ihm noch immer jedes Jahr zu Weihnachten eine Karte. Miss Marple starb 2016. Sie sei eine tolle Spürnase gewesen, schwärmt ihr Herrchen noch heute. Ihr zu Ehren habe er seine jüngste Hündin Agatha genannt.

Becker-Zangs Schnüfflerinnen hatten schon immer einen guten Ruf. Wohl deshalb waren sie bei den Ermittlungen vieler großer Berliner und auch Brandenburger Kriminalfälle dabei. 2011 etwa, als es um das Verbrechen an einem Tätowierer ging; dessen Leichenteile konnte Miss Marple in der Spree aufspüren. Oder bei der Fahndung nach dem sogenannten Maskenmann, der in Bad Saarow eine reiche Familie überfallen und ein Jahr später im nahe gelegenen Storkow einen Manager entführt hatte.

Die Hunde waren auch bei der Suche nach Rebecca im Einsatz, die vor mehr als drei Jahren verschwand. Ermittler gingen sehr schnell davon aus, dass die damals 15-Jährige das elterliche Wohnhaus nicht lebend verlassen hatte. Noch immer ist der Tatverdacht gegen den Schwager des Mädchens nicht ausgeräumt. Seine Hunde hätten die Spur der Schülerin bis ins märkische Beeskow verfolgt. Dann sei die Suche abgebrochen worden. Ein Fehler, sagt Becker-Zang. „Die Hunde hätten den Schwager belasten, aber auch entlasten können.“

Zuletzt schnupperte das Trio um Fährtenhund Agatha im Fall der Prominenten-Kosmetikerin Oksana Romberg herum. Die 50-Jährige war im April vorigen Jahres tot in ihrer Wohnung am Kurfürstendamm gefunden worden. Erzählen darf Becker-Zang nichts über die Ermittlungen, der Fall ist noch nicht aufgeklärt. Er wurde erst kürzlich bei „Aktenzeichen XY... ungelöst“ präsentiert. Und nächste Woche geht es nach Rheinland-Pfalz. Die Polizei hat Becker-Zang und seine drei Hündinnen angefordert – wegen des Falls einer verbrannten Leiche unter einer Autobahnbrücke.

Eine Spur zu verfolgen ist für die Tiere nichts anderes, als ihrem Trieb nachzugehen.

Helmut Becker-Zang

Gab es nie Misserfolge? Becker-Zang denkt lange nach, schüttelt dann energisch den Kopf. „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir mal richtig danebengelegen hätten“, sagt er und schaut in seinen Computer, in dem er jeden Fall gespeichert hat. Jeder Einsatz habe zu Ergebnissen geführt, die für die Ermittlungen relevant gewesen seien.

Manchmal tritt Becker-Zang vor Polizeischülern auf, zeigt, was für eine Spürnase in jedem Hund schlummert. Denkt er manchmal an den Ruhestand? Er schaut auf seine Tiere, die friedlich an der Leine neben ihm traben. „Wir wollten jetzt keinen neuen Hund mehr“, sagt er. Das letzte Wort sei aber noch nicht gesprochen.