Mit Kopfschuss getötet: War der Tote der „Drogenboss von Rüdersdorf“?

Angeklagter Hobbyjäger aus Brandenburg weist Mordvorwurf von sich und erzählt vor Gericht eine mysteriöse Geschichte von Drogengeschäften und Rockern.

Sascha K. (l.) muss sich vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) wegen Mordes verantworten. Er wird von Anwalt Peter Parzyjegla verteidigt.
Sascha K. (l.) muss sich vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) wegen Mordes verantworten. Er wird von Anwalt Peter Parzyjegla verteidigt.

Sascha K. sagt an diesem Dienstag kein Wort zu seiner Verteidigung. Stattdessen lässt der untersetzte Mann mit der hohen Stirn seinen Verteidiger reden. Das Vertrauen seines Mandanten in Polizei und Staatsanwaltschaft sei nachhaltig erschüttert, erklärt Anwalt Peter Parzyjegla die Schweigsamkeit des 42-Jährigen. Die Erklärung, die der Verteidiger verliest, suggeriert:  Am Landgericht Frankfurt (Oder) sitzt der Falsche wegen Mordes auf der Anklagebank.

Staatsanwalt Raoul Drust wirft dem angeklagten Hobbyjäger Mord aus Habgier, Heimtücke und zur Verdeckung einer anderen Straftat vor. Sascha K., der auf einer Hühnerfarm gearbeitet haben soll, hat laut Anklage „zu einem nicht mehr näher bestimmbaren Zeitpunkt“ geplant, seinen Bekannten Domenic F. aus Rüdersdorf (Märkisch-Oderland) zu töten, um an dessen Geld und an das Handy zu gelangen.

Am 11. Mai des vergangenen Jahres soll Sascha K. das 27-jährige Opfer unter dem Vorwand, sich mit einem Waffenhändler treffen zu wollen, aus dessen Wohnung gelockt haben. 

Was dann geschah, beschreibt Drust so: Sascha K. sei in seinem Ford-Kombi mit Domenic F. zu einer Autobahnbrücke gefahren, um ihn dort zu erschießen. Gegen 22.40 Uhr habe der Angeklagte eine unter einer Decke versteckte Handfeuerwaffe, Kaliber 22, hervorgeholt und den jungen Mann, der sich keines Angriffs versah, aus kurzer Distanz in die linke Seite des Kopfes geschossen. Das Projektil drang in den Hirnstamm und tötete Domenic F..

Mit dem Geld des Opfers, mindestens 3200 Euro, und dem Handy vom Typ Samsung Galaxy habe Sascha F. den Tatort verlassen. Erst zwei Tage nach der Tat wurde die Leiche gefunden. Sechs Wochen später nahm ein Spezialeinsatzkommando Sascha K. in seiner Wohnung im Landkreis Oder-Spree fest.

Als Messerstecher vorbestraft

Was an diesem ersten Verhandlungstag zur Sprache kommt, hört sich ein wenig an wie eine Räuberpistole. Ein Zeuge, der offenbar als Drogenkurier für den getöteten Mann agierte und vor Gericht nicht so recht mit der Sprache herausrücken will, erzählt zunächst von dubiosen Treffen des Opfers, bei denen es um den Kauf von Waffen gegangen sein soll. Domenic F. habe unbedingt eine Waffe haben wollen, erzählt der Zeuge. Später wird seine polizeiliche Vernehmung verlesen. Darin hatte der Mann Domenic F. als den „Drogenboss von Rüdersdorf“ bezeichnet und erklärt, dass er Angst vor F. gehabt habe. Das Opfer soll zudem als Messerstecher vorbestraft gewesen sein. 

Auch der Angeklagte berichtet in der vom Verteidiger verlesenen Erklärung von dubiosen Geschäften des getöteten Mannes. Vor einiger Zeit seien zwei Personen, die der Angeklagte dem Rockermilieu zuordnet, auf seiner Arbeitsstelle erschienen. Diese seien stark tätowiert gewesen, sie trugen Gel im Haar und szenetypische Kleidung. In der Erklärung ist von dubiosen Drogengeschäften die Rede, in die das Opfer verwickelt gewesen sein soll, und davon, dass der Angeklagte geklärt haben wolle, nichts mit den Drogendeals zu tun gehabt zu haben.

In der Erklärung heißt es, dass dem Angeklagten zweimal von einem stark tätowierten Typen in seinem Heimatort aufgelauert worden sei. Deswegen habe er den Unbekannten zu einem klärenden Gespräch überredet, zu dem auch Domenic F. kommen sollte. Da er, der Angeklagte, gewusst habe, dass F. an einem Treffen nicht interessiert sei, gerne jedoch eine Waffe besitzen würde, habe er ihm von einem Waffenhändler erzählt, der Pistolen verkaufe.

Sascha K. gibt in der Erklärung zu, das Opfer am Tatabend abgeholt zu haben. Seine Pistole will er lediglich zum Selbstschutz mitgenommen haben. Er habe gedacht, der Typ, mit dem sie sich treffen würden, sei gefährlich. Domenic F. soll einen Stoffbeutel mit Geld dabeigehabt haben.

An der Autobahnbrücke kam es laut Sascha K. zu dem verhängnisvollen Treffen. Der Unbekannte habe sich auf die Rückbank des Autos gesetzt, Geld von Domenic F. gefordert. Der habe unter Protest seinen Stoffbeutel nach hinten gereicht. Doch die Summe habe dem Unbekannten nicht genügt. Es sei zum Streit gekommen, bei dem der mysteriöse dritte Mann die Pistole entdeckt und damit auf Domenic F. geschossen haben soll. Auch auf ihn, den Angeklagten, habe der Mann die Waffe gerichtet. Doch sie habe versagt.

Anwalt Parzyjegla sagt, dass sein Mandant den Toten in Panik aus dem Auto gezogen habe, nach Hause gefahren sei und die Pistole in den Waffenschrank zurückgelegt habe. Eine Hülse klemmte in der Waffe. Sein Mandant habe Glück gehabt, nicht selbst auch umgebracht worden zu sein. Das Handy des Opfers fand Sascha K. demnach in seinem Auto und nahm es an sich. Zur Polizei ging der Angeklagte nicht, weil er dachte, dass man ihm nicht glauben würde.

Das Handy des Opfers wurde wohl bei dem Angeklagten gefunden, das Geld jedoch nicht.

Geplant sind insgesamt zwölf Verhandlungstage. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.