Rätselhaftes Verbrechen: Wie eine Berliner Krankenschwester durch 33 Messerstiche starb

1990 wurde die 24-jährige Uta S. aus Berlin umgebracht. Erst 14 Jahre später konnte der  Täter gefasst werden – weil er noch einmal getötet hatte

Staatsanwalt Jörg Tegge wurde 1990 zum Fundort der getöteten Uta S. gerufen. Es war sein erster Fall. 
Staatsanwalt Jörg Tegge wurde 1990 zum Fundort der getöteten Uta S. gerufen. Es war sein erster Fall. Berliner Zeitung/Markus Wächter

Das Mithilfeersuchen, das Jörg Tegge in den Händen hält, ist vergilbt und aus einer alten, zerfledderten Akte. Die fetten roten Buchstaben auf dem Stück Papier fallen auf: „Fahndung“. Darüber ist der grüne Schriftzug „Deutsche Volkspolizei“ zu lesen. Die Phantombilder zweier Männer, mit Bleistift gezeichnet, folgen. Die Beschreibung der Gesuchten ist mit Schreibmaschine verfasst.

Der Fahndungsaufruf stammt aus einem Land, das es nicht mehr gibt, aus den letzten Tagen der DDR, als die Einheit noch nicht vollzogen und Jörg Tegge ins Berufsleben eingestiegen war – als junger Staatsanwalt in einem sterbenden Staat. Mit dem Fahndungsaufruf im DIN-A4-Format wurde damals nach Hinweisen gesucht, die zur Aufklärung eines Tötungsverbrechens an einer Krankenschwester aus Berlin führen sollten. Die beschriebenen Männer waren in der Nähe der Klinik gesehen worden, in der die Frau gearbeitet hatte.

Im Büro von Staatsanwalt Jörg Tegge in Frankfurt (Oder) hängen gerahmte Trikots und Fotos von Berliner Sportclubs. Er ist Fan des 1. FC Union und der Eisbären. Auf dem Schreibtisch liegen Akten, die er gerade bearbeitet – sie gehören zu Tötungsdelikten.

Tegge arbeitet in der Abteilung für Kapitaldelikte der Staatsanwaltschaft. Er hat viele Anklagen gegen Mörder und Totschläger verfasst und vor Gericht vertreten, darunter gegen Jan G., der in Müllrose und Oegeln zunächst seine Großmutter und dann zwei Polizisten ermordete, und Daniela J., die 1999 in Frankfurt (Oder) ihre beiden Kinder verdursten ließ und als erste Frau in Brandenburg zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Auf dem Boden vor seinem Schreibtisch liegen Stapel von alten Akten, die aus dem Archiv stammen. Es sind die Unterlagen von zwei Verbrechen, die den 58-Jährigen immer wieder beschäftigt haben, und bei denen erst nach Jahren erkannt wurde, dass sie zusammenhängen: der gewaltsame Tod der 24-jährigen Krankenschwester Uta S. aus Berlin und einer 17-jährigen Schülerin aus dem uckermärkischen Schwedt. „Das Tötungsdelikt an Uta S. war mein erster Fall als Staatsanwalt“, erzählt Tegge. Genau erinnern kann er sich an den Tag, als er zum Tatort gerufen wurde.

Der 17. Juni 1990 ist ein Sonntag, ein für das noch geteilte Land historischer Tag. Die Mauer ist rund sieben Monate zuvor gefallen. Erstmals gedenken Volkskammer und Bundestag gemeinsam in Ost-Berlin der Opfer des Volksaufstands in der DDR vor 37 Jahren. An dem Tag wird auch das Treuhandgesetz verabschiedet.

Vermisstenanzeige der Schwester

Jörg Tegge ist aus kriminalistischem Interesse Staatsanwalt geworden und hat nach dem Jurastudium in der Kreisstaatsanwaltschaft Beeskow angefangen. In seiner Freizeit betreibt er Kraftsport. An jenem Sonntagnachmittag ist er beim Training, als ihn ein Funkstreifenwagen abholt. Tegge hat Bereitschaft, und die Kollegen der Polizei wissen, wo er zu finden ist. Es gibt noch keine Mobiltelefone. Er erfährt, dass ein Revierförster in einem Wald zwischen Schneeberg und Grunow, östlich von Beeskow, eine Leiche entdeckt hat.

Als Tegge eintrifft, ist die Mordkommission schon vor Ort. Die tote Frau liegt rücklings auf einer Lichtung. Sie trägt Jeans, über dem roten Pullover eine blaue Jacke und am Handgelenk eine Armbanduhr. Ein Schlüsselbund hat sie dabei, sonst nichts: keinen Ausweis, keine Geldbörse. Auf dem sandigen Waldweg entdecken Kriminaltechniker eine Reifenspur. „Zu welchem Autotyp sie gehörte, konnten wir damals nicht ermitteln“, sagt Tegge, als er durch die Akten blättert.

Bei der Absuche der Umgebung stoßen die Spurenexperten auf einen Baum, der etwa 150 Meter vom Fundort der Leiche entfernt steht. Neben dem Stamm liegen zwei schwarze Trageriemen, die von einem Rucksack stammen. An der Rinde werden blonde Haare entdeckt, die später der Toten zugeordnet werden.

Fotos vom Tatort: Uta S. trug nur eine Uhr und ein Schlüsselbund mit sich. Eine Reifenspur konnte gesichert werden.
Fotos vom Tatort: Uta S. trug nur eine Uhr und ein Schlüsselbund mit sich. Eine Reifenspur konnte gesichert werden.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Bei der Obduktion der Leiche zählen die Gerichtsmediziner 33 Messerstiche, davon 15 im linken Brustbereich. Die Tatwaffe fehlt. Zudem ist das Siebbein der Toten gebrochen. Der wuchtige, tödliche Schlag ins Gesicht wurde mit einem Ast ausgeführt, der neben der Leiche lag. Am Hals finden die Mediziner Würgemale.

Die Ermittler rekonstruieren die Tat. Danach war die Frau mit einem Auto in den Wald geschafft und mit den Rucksackriemen an den Baum gefesselt worden. Als sie sich befreien konnte, versuchte sie zu fliehen und wurde vom Täter zunächst mit dem Ast niedergeschlagen und dann mit einem Messer attackiert.

Aber wer ist die Frau? Mit Zetteln, auf dem das Foto der Toten abgebildet ist, sind Polizisten in Grunow und Schneeberg unterwegs. Darauf ist zu lesen, dass die Frau 18 bis 25 Jahre alt, 1,70 bis 1,75 Meter groß und von schlanker Gestalt war. Hinweise sollen an das Kreiskriminalamt Beeskow gerichtet werden. Doch die Hoffnung, dass die Tote aus einem der kleinen Orte stammt, erfüllt sich nicht.

Zwei Tage nach dem Leichenfund taucht eine 25-jährige Frau im Kriminalamt Berlin-Mitte auf und gibt eine Vermisstenanzeige auf. Sie berichtet, dass ihre um ein Jahr jüngere Schwester seit Sonnabend, dem 16. Juni 1990, verschwunden sei. Nach ihren Worten hatte Uta S. an jenem Tag Spätdienst im St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin-Mitte. Dort arbeitete sie als Krankenschwester auf der Station für Chirurgie und Urologie.

Gegen 21 Uhr hätten sie miteinander telefoniert und sich für den Abend verabredet, gibt die Frau zu Protokoll. Nach ihrem Dienst habe ihre Schwester zu ihr fahren wollen, sie sei jedoch nicht erschienen. In die Vermisstenanzeige aufgenommen wird auch, dass Uta S. mit Leib und Seele Krankenschwester ist.

Sechs Tage nach dem Leichenfund wissen die Ermittler um Staatsanwalt Jörg Tegge, dass die Tote im Wald bei Grunow die als vermisst gemeldete Uta S. ist. „Die Zusammenarbeit mit Berlin war damals schon sehr gut. Auch ohne Computer“, erklärt der Staatsanwalt.

Uta S. plante eine Reise zu ihrem Freund

Im St. Hedwig-Krankenhaus erfahren die Fahnder aus Brandenburg, dass der 16. Juni der letzte Arbeitstag von Uta S. vor ihrem Urlaub war. Die bei Patienten und Kollegen beliebte junge Frau hatte in einer Kaffeepause erzählt, dass sie nach dem Dienst noch mit ihrem französischen Freund François telefonieren, ihn im Urlaub besuchen wolle.

Uta S. freute sich auf die Fahrt nach Frankreich. „Es wäre ihre erste Reise ins westliche Ausland gewesen“, erinnert sich Jörg Tegge. Und auch daran, dass es damals nach dem Mauerfall nicht einfach war, in andere Staaten zu telefonieren. Uta S. wollte dafür zur Post am Ost-Berliner Hauptbahnhof, dem heutigen Ostbahnhof, fahren.

Ermittlungen ergeben, dass die Krankenschwester gegen 22 Uhr die Klinik verlassen hatte. Der Pförtner war der letzte, der die junge Frau lebend sah. Mit ihrem roten Rucksack, der schwarze Schulterriemen hatte, stieg Uta S. vor der Klinik auf ihr silberfarbenes Mifa-Herrenfahrrad mit Rennradlenker. Das Fahrrad bleibt verschwunden, von dem Rucksack tauchten nur die schwarzen Riemen wieder auf. Der Täter hatte sie benutzt, um sein Opfer an den Baum zu fesseln.

Die alten Akten zum Fall der Berliner Krankenschwester Uta S. 
Die alten Akten zum Fall der Berliner Krankenschwester Uta S. Berliner Zeitung/Markus Wächter

Zeugen melden sich bei der Polizei und geben an, einen Verdächtigen beobachtet zu haben. Am Morgen des 17. Juni waren sie im Wald spazieren, als sie gegen neun Uhr in der Nähe des späteren Fundortes der Toten einen jungen Mann sahen. Er stand neben einem roten Fahrzeug. Als er die Spaziergänger erblickte, stieg er ins Auto und fuhr davon.

Einen Monat nach dem Tod von Uta S. gehen die Fahnder mit einem Phantombild des Verdächtigen aus dem Wald an die Öffentlichkeit. Es wird auch in Zeitungen abgedruckt. Gesucht wird nach einem etwa 30 Jahre alten Mann mit kurzen, dunklen Haaren und Scheitel. Eine Beschreibung, die auf sehr viele Männer passen dürfte. Auch andere Zeugenhinweise, etwa die Beschreibung von zwei Männern, die vor dem Krankenhaus standen, erweisen sich als Flop.

„Wir kamen einfach nicht weiter“, erzählt der Staatsanwalt. Und er berichtet, dass die Zeiten damals auch schwierig gewesen seien. Berlin, die so lange geteilte Stadt, war voller Menschen. Es gab viele Fremde in der Metropole: Reisende, die Ost-Berlin kennenlernen wollten, Menschen aus Osteuropa, die Arbeit suchten, Glücksritter, die auf der Jagd nach dem großen Geld waren.

Am 8. Mai 1992 werden in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ die letzten Stunden im Leben von Uta S. nachgestellt. Der Moderator Eduard Zimmermann spricht von einem rätselhaften Verbrechen. Kurz darauf wird eine Belohnung in Höhe von 5000 Mark ausgelobt für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen. Doch die Kriminalpolizei erhält auch darauf keine brauchbaren Informationen.

Ende 1992 werden die Akten geschlossen. Inzwischen ist die Kreisstaatsanwaltschaft Beeskow aufgelöst und, wie andere Behörden in Ost-Brandenburg, in der Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) aufgegangen. Hier arbeitet Jörg Tegge in der Abteilung, die in Fällen von Mord und Totschlag zuständig ist. Daher lässt ihn auch der Fall Uta S. nicht los. Immer wieder gibt es neue Hinweise, immer wieder bringt sich die Familie der getöteten Krankenschwester bei den Ermittlern in Erinnerung.

Mehr als zehn Jahre nach dem Verbrechen werden auch in Brandenburg alte, ungeklärte Mordfälle wieder aufgerollt. Grund sind neue wissenschaftliche Analysemethoden, mit denen kleinste DNA-Spuren vom Tatort untersucht werden, die wie ein genetischer Fingerabdruck zum Täter führen können.

Ein Treffer in der DNA-Datenbank

Die einst sichergestellten Kleidungsstücke von Uta S. werden zu den Experten des Brandenburger Landeskriminalamtes geschickt, auf DNA untersucht und die herausgefilterten Spuren dann mit der zentrale DNA-Datenbank abgeglichen, die es seit 1998 beim Bundeskriminalamt gibt. Durch die Vielzahl von Aufträgen müssen die Ermittler Geduld aufbringen. Am 11. August 2004 vermeldet das Landeskriminalamt im Fall Uta S. einen Treffer. Eine DNA-Spur am Slip der Toten konnte zugeordnet werden. Sie gehört Olaf H.

Der Gebrauchtwarenhändler aus Brandenburg war kurz vor dem Mauerfall über Ungarn in die Bundesrepublik geflüchtet und kurz nach der Wende zurückgekehrt. Für die Polizei ist der 40-Jährige kein unbeschriebenes Blatt. Auch Jörg Tegge ist der Mann bekannt Der Staatsanwalt hatte gegen Olaf H. schon einmal eine Anklage verfasst – wegen Mordes an einer 17-jährigen Schülerin.

Am 23. April 1993 hatte Olaf H. mit der Jugendlichen aus Schwedt in seinem Haus Geschlechtsverkehr. Das Mädchen war die Freundin eines guten Bekannten. Kurz darauf erstickte er es mit einem Kissen. Erbost sei er gewesen, weil sich die Jugendliche nicht von ihrem Freund habe trennen wollen, schildert Tegge die Motivation des Mannes.

Fotos der Schuhe des Opfers und des Astes, mit dem Uta S. erschlagen wurde.
Fotos der Schuhe des Opfers und des Astes, mit dem Uta S. erschlagen wurde.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Die Leiche rollte Olaf H. in einen Teppich und verbrannte sie auf einer illegalen Müllkippe in Mecklenburg-Vorpommern. Ein durch die Flammen aufmerksam gewordener Spaziergänger fand die Tote, die bereits als vermisst gemeldet worden war.

Olaf H. sei damals zunächst als Zeuge vernommen worden, habe sich dann aber in Widersprüche verwickelt, erzählt der Staatsanwalt. Er habe die Tat schließlich eingeräumt, von einvernehmlichem Sex gesprochen und den Tod des Mädchens als Unfall bezeichnet. Im Prozess konnte ihm ein Mord, wie ihn Tegge angeklagt hatte, nicht nachgewiesen werden.

Doch auch die Unfallversion nahmen die Richter dem Angeklagten nicht ab. 1994 wurde Olaf H. wegen Totschlags zu einer Gefängnisstrafe von acht Jahren verurteilt. Das Gericht ordnete zudem auch die Unterbringung im Maßregelvollzug an. Wegen dieses Verbrechens musste Olaf H. später eine DNA-Probe für die bundesweite Datenbank abgeben, die zum Treffer im Fall Uta S. führte.

Als Olaf H. wegen des Verdachts des Mordes an der Krankenschwester festgenommen wird, ist er zur Bewährung auf freien Fuß. Zunächst leugnet er, etwas mit dem Tod der 24-Jährigen zu tun zu haben. Konfrontiert mit der DNA-Spur, knickt er ein. „Er gab damals zu, der Frau sehr wehgetan zu haben. Das waren seine Worte“, erinnert sich der Staatsanwalt.

H. gesteht, die Krankenschwester in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs angesprochen zu haben. Sie habe telefonieren wollen, was nicht gelungen sei. Deswegen habe er höflich sein, ihr helfen wollen. Der Gebrauchtwarenhändler erzählt, dass Uta S. freiwillig in sein Auto gestiegen und sie zusammen zu ihm nach Hause gefahren seien. Dort habe man miteinander geschlafen – einvernehmlich.

Am nächsten Morgen seien sie gemeinsam mit seinem Transporter in Richtung Beeskow gefahren. Olaf H. gibt an, wieder Sex gewollt zu haben, was Uta S. jedoch abgelehnt habe. Es sei zum Streit gekommen, in dessen Verlauf die junge Frau ein Messer gezogen habe. „Er hat erzählt, dass sie ihn angegriffen und er sich nur gewehrt hat“, berichte Tegge.

Mit einem Stock will Olaf H. seinem Opfer das Messer aus der Hand geschlagen haben. Doch wie glaubwürdig ist diese Aussage? „Uta S. hatte immer ein kleines Apfelschälmesser dabei, das durchaus als Tatwaffe in Betracht kommen könnte“, sagt Tegge.

15 Jahre Haft wegen Totschlags

Doch die Angaben von Olaf H. zum Tathergang ergeben für die Ermittler keine Sinn. Die Krankenschwester galt als zurückhaltend, was Männerbekanntschaften betraf. Zudem hatte sie sich auf ein Wiedersehen mit ihrem französischen Freund gefreut. Und warum sollte sie freiwillig mit einem ihr fremden Mann in Richtung Beeskow fahren? „Uta S. war groß und sportlich und womöglich schon im Auto bewusstlos und gefesselt“, sagt der Staatsanwalt.

Jörg Tegge klagt Olaf H. wegen Mordes an der Krankenschwester an. Im Prozess vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) fordert er eine lebenslange Haft. Die Verteidigung sieht ihren Mandanten nicht überführt, sie plädiert auf Freispruch. Am 5. April 2005 wird der Angeklagte wegen Totschlags zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. „Einen Fall nach so langer Zeit noch aufzuklären, ist schon ein sehr gutes Gefühl. Es bedeutet vor allem für die Angehörigen sehr viel“, sagt der Staatsanwalt.

Olaf H. hat die Strafe bis zum letzten Tag verbüßt. Er ist nach seiner Entlassung in ein anderes Bundesland gezogen. Jörg Tegge ermittelt noch immer bei Tötungsdelikten.