Sechsfache Mutter auf offener Straße erstochen: Ehemann schweigt vor Gericht

Ein Mord mit Ansage: Behörden in Berlin konnten Tötungsdelikt nicht verhindern. Nun muss sich der Ehemann von Zohra G. vor Gericht verantworten

Gul A. schweigt am ersten Verhandlungstag vor Gericht.
Gul A. schweigt am ersten Verhandlungstag vor Gericht.Pressefoto Wagner

Gul A. sitzt hinter der Scheibe aus schusssicherem Glas im großen Schwurgerichtssaal des Kriminalgerichts und schweigt. Er sagt nichts zu den schweren Vorwürfen, die in der Anklage stehen. Er werde sich am nächsten Verhandlungstag äußern, erklärt sein Anwalt Robert Tietze. Ihn stört offenbar, dass derzeit zu viel Publikum im Saal sitzt. Gul A. muss sich wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen an seiner Ehefrau verantworten.

Vor 42 Jahren wurde der Angeklagte im afghanischen Kunduz geboren. 15 Jahre war er nach islamischem Recht mit Zohra G. verheiratet. Mit ihr hatte er sechs Kinder. Die Tat, derer er beschuldigt wird, sorgte deutschlandweit für Entsetzen. Am 29. April dieses Jahres soll er in Pankow seiner Frau vor dem Flüchtlingsheim aufgelauert, sie nach einem kurzen Streit mit einem Messer angegriffen und getötet haben. Zohra G. starb mit 31 Jahren.

Den Grund für die Bluttat nennt Oberstaatsanwalt Ralph Knispel in seiner Anklage: Weil sich seine Frau von ihm trennen wollte, fühlte sich Gul A. in seinem Ehrgefühl und seinem Stolz verletzt. Zudem wollte der Angeklagte Zohra G. wegen ihrer angeblichen Kontakte zu anderen Männern bestrafen. Ein derartiger Lebenswandel sei mit den Vorstellungen des Angeklagten vom Verhalten einer Frau unvereinbar gewesen, so der Anklagevertreter. Auch habe Gul A. nach der Trennung seine Kinder nicht mehr so häufig sehen können, wie er gewollt habe.

Es heißt, dass die 31-jährige Zohra G. am Vormittag des Tattages auf dem Weg zum Briefkasten war, um ein Schreiben einzuwerfen. Als sie an der Mühlen-, Ecke Maximilianstraße in Pankow auf ihren gewalttätigen Mann traf, war sie nicht weit entfernt von dem Flüchtlingsheim, in dem sie und ihre Kinder im Alter von drei bis zwölf Jahren lebten.

Würgemale und erzwungener Sex

Gul A. soll nach einem kurzen Streit ein Messer mit einer 20 Zentimeter langen Klinge gezogen und 13-mal auf seine Frau eingestochen haben. Ein Stich verletzte Herz und Lunge von Zohra G. Anschließend soll der Angeklagte seinem Opfer die Kehle durchtrennt haben. Die 31-Jährige verstarb, bevor alarmierte Rettungskräfte am Tatort eintrafen. Gul A. wurde noch am selben Tag festgenommen. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. Mit dem Tod seiner Frau habe er seine Ehre wiederherstellen wollen, heißt es in der Anklage.

Zohra G. und Gul A. waren aus Afghanistan und dem Iran im vorigen Jahr nach Berlin geflüchtet. Bis Ende Februar hatte die Familie gemeinsam in einem Flüchtlingsheim gelebt. Dann wurde Gul A. wegen Gewalttätigkeiten gegen seine Frau aus der Unterkunft verwiesen. Es gab mehrere Anzeigen wegen häuslicher Gewalt. Doch Gul A. drangsalierte seine Frau offenbar weiter, drohte ihr, sie mit einem Messer umzubringen. Deswegen muss er sich auch wegen zweifacher Körperverletzung und Bedrohung verantworten.

Zwei Wochen vor ihrem Tod soll Zohra G. eine richterliche Anordnung von Kontaktverbot gegen ihren Ehemann beantragt haben. Doch das Gericht entschied nicht sofort, es hatte noch Fragen. Und auch die Polizei konnte die Mutter nicht vor diesem Tod mit Ansage schützen. Udo Grönheit, der als Anwalt im Prozess die Kinder der getöteten Frau vertritt, sagt, die Polizei habe eine konkrete Lebensgefahr für die Frau verneint. Sie habe ihr wohl deswegen den Schutz verweigert. In ein Frauenhaus wollte die Frau nicht ziehen, um die Kinder nicht aus ihrem gewohnten Umfeld zu reißen.

Zohra G. hatte ihren Ehemann vor der Hochzeit nicht gekannt. So berichtet es ihre Schwester Zahra R., die als Zeugin aus Oldenburg angereist ist. Sie und die Kinder ihrer getöteten Schwester sind im Prozess Nebenkläger. Zunächst hätte das junge Paar im Haus ihrer Eltern gelebt. Schon dort sei ihre Schwester geschlagen worden, sodass sie ihr erstes Kind verloren habe, erzählt die Zeugin. Ihre Schwester habe sich trennen wollen, den Wunsch damals aber wieder zurückgezogen.

Die Polizei habe sie nicht ernst genommen

Die Zeugin berichtet von Würgemalen am Hals von Zohra G., von gewaltsam erzwungenem Geschlechtsverkehr, davon, dass ihre Schwester Angst vor ihrem Ehemann gehabt habe. Und sie erzählt, dass Gul A. auch sie bedroht habe. „Ich bringe dich um, wenn mein Leben nicht in Ordnung kommt“, soll der Angeklagte der Zeugin vier Tage vor dem Tod von Zohra G. gesagt haben. Zahra R. ging nach eigenen Worten zur Polizei. Doch dort habe man sie nicht ernst genommen. Auch ihrer Schwester habe sie öfter geraten, Anzeige zu erstatten.

Zohra G. war offenbar dabei, in Berlin ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Sie hatte einen Deutschkurs besucht, sich ein Handy besorgt und, offenbar gegen den Willen ihres Mannes, ein eigenes Konto mit Geldkarte eröffnet. Damit verstieß sie gegen die Regeln, die Gul A. ihr als Frau aufgestellt hatte.

„Zohra G. war eine fürsorgliche Mutter“, sagt Sascha Barnewske, der gesetzlich bestellte Vormund der sechs Kinder von Zohra G., in einer Prozesspause. „Ihr war es wichtig, dass ihre älteren Kinder in die Schule gehen.“ Er berichtet, dass die zwei Mädchen und vier Jungen derzeit in einem Berliner Kinderheim untergebracht seien. Eine andere Perspektive zeichne sich derzeit nicht ab.

Die kleineren Geschwister, ein dreijähriges Mädchen und die fünf Jahre alten Zwillinge, verstehen laut Barnewske noch nicht, was mit ihrer Mama geschehen ist. Die älteren Kinder könnten das Geschehen einordnen. „Sie leiden sehr“, erzählt der Vormund. Die Kinder seien traumatisiert und befänden sich in psychologischer Behandlung. Der zwölfjährige Sohn von Zohra G. stehe zwar auf der Zeugenliste, doch hoffe er als Vormund sehr, dass der Junge nicht in dem Prozess gegen seinen Vater aussagen müsse.