Verabredung zum Mord: Angeklagter wollte das Leben eines Gangsters führen

Zwei Angeklagte aus Berlin sollten laut Staatsanwaltschaft einen Mann töten, der bei einem Drogengeschäft betrogen haben soll. Anwälte weisen den Vorwurf zurück.

Tim H. (M.) und Thomas F. (r.) müssen sich vor einer Schwurgerichtskammer wegen Verabredung zum Mord verantworten.
Tim H. (M.) und Thomas F. (r.) müssen sich vor einer Schwurgerichtskammer wegen Verabredung zum Mord verantworten.Olaf Wagner

Tim H. wollte das Leben eines Gangsters führen, so sagt er es vor Gericht und spricht von einem gewissen Größenwahn. Im Kryptomessengerdienst Enchrochat gab sich der 24-Jährige den Usernamen „xxx-el-chapo-xxx“, weil er so sein wollte wie der berüchtigte Boss eines Drogenkartells. Damit habe er sich profilieren wollen, heißt es in der Einlassung von Tim H., die sein Anwalt verliest. Die anderen sollten in ihm einen „Jungen mit Potenzial“ sehen. Heute sei er froh, dass es nicht zu der in Betracht gezogenen Tötung eines Menschen gekommen sei.

An diesem Montag sitzt Tim H. auf der Anklagebank. Die Haare hat er kurz geschoren, er trägt einen hellen Rolli, Mund und Nase sind hinter einer FFP2-Maske versteckt. Neben ihm hat Thomas F. Platz genommen, ein bulliger Mann mit Glatze und tätowiertem Hals. Die beiden Angeklagten befinden sich seit Langem in Haft. Tim H. wurde erst im Mai zusammen mit einem Clanmitglied wegen Drogenhandels im großen Stil zu elf Jahren Haft verurteilt. Der 40 Jahre alte Thomas F. erhielt wegen Handels mit Betäubungsmitteln eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und zwei Monaten.

Nun allerdings stehen sie vor einer Schwurgerichtskammer, denn es geht um ein mutmaßliches Kapitalverbrechen. Die Staatsanwältin wirft ihnen Verabredung zum Mord vor. Die beiden Männer sollen sich mit zwei weiteren Enchrochat-Nutzern zusammengetan haben, um Boban T., Spitzname „Boby“, heimtückisch und aus Habgier umzubringen. Auftraggeber soll Andreas H. gewesen sein, der sich in einem fehlgeschlagenen Drogengeschäft von „Boby“ um 650.000 Euro betrogen gefühlt habe, erklärt die Staatsanwältin.

Laut Anklage soll es am 5. April 2020 zu einem ersten Kontakt zwischen dem Angeklagten Tim H. und dem mutmaßlichen Auftraggeber gekommen sein, gegen den separate Ermittlungen laufen. Dabei habe Tim H. angegeben, dass er zwei Tage benötige, um einsatzbereit zu sein. Für die Tatausführung sollten er und die anderen an dem Mordkomplott Beteiligten jeweils 10.000 Euro erhalten.

Für die genaue Absprache des Auftrags soll sich Tim H. einen Tag später mit dem Auftraggeber auf einem Parkplatz in der Nähe der brandenburgischen Stadt Beelitz getroffen haben. Um die Tat ausführen zu können, habe Andreas H. ein Drogengeschäft mit Boban T. vereinbart, das am Abend des 7. April 2020 außerhalb von Halle abgewickelt werden sollte, heißt es in der Anklage.

Tim H. bestellte angeblich vier Waffen – am besten mit Schalldämpfer

An jenem Tag soll Tim H. um 14.36 Uhr eine Nachricht an Andreas H. geschickt haben: Er benötige zur Tatausführung vier Waffen– am besten mit Schalldämpfer, hieß es darin. Auf seine Bitte hin habe er auch die genaue Adresse des Treffens mit Boban T. erhalten. Doch weil „Boby“ zu dem Drogengeschäft nicht allein gekommen sei, sondern in Begleitung eines „Riesen mit Vollbart“, den die Angeklagten als bewaffnet eingeschätzt hätten, sei das Vorhaben abgeblasen worden, so die Staatsanwältin. „Die Vorstellung der Tätergruppe, Boban T. ohne Gegenwehr einfach erschießen zu können, hatte sich aufgrund des Auftauchens des ,Riesen‘ erledigt“, sagt die Vertreterin der Anklage.

Zu einer Verständigung im Vorfeld des Verfahrens kam es nicht. Den Grund nennt Dirk Lammer, einer von drei Verteidigern von Tim H. Sein Mandant könne ein Geständnis im Sinne der Anklage nicht ablegen. Dass es sich um eine Verbrechensverabredung gehandelt habe, sei eine Fehleinschätzung der Staatsanwaltschaft, erklärt der Jurist. Es sei vielmehr so, dass die Tötung von Boban T. lediglich eine Option gewesen sei.

Lammer sagt, dass für die Beurteilung des Geschehens auch der Chat zwischen den Beteiligten nach dem 7. April 2020 beachtet werden müsse. Dort sei zu lesen, dass sein Mandant von einer Verabredung zu einem Verbrechen zurückgetreten sei. „Am Ende waren sich alle einig, dass das Ziel nicht umzusetzen ist“, sagt Lammer. Und Boban T. lebe schließlich immer noch. Regina Alex, die Vorsitzende Richterin, sagt, dass die Argumentation des Anwalts plausibel klinge, die Kammer derzeit noch völlig offen sei.

Tim H. hat vor Gericht bekundet, dass er selbst kein eigenes Interesse daran hatte, Boban T. umzubringen. Er sei ihm lediglich um Loyalität zu Andreas H. gegangen. Im Raum gestanden habe auch Verprügeln, so der Angeklagte. Dafür habe er seine „Knüppeltruppe“ mitnehmen sollen.

Am nächsten Verhandlungstag soll die Ermittlungsführerin in dem Fall aussagen. Dann soll es auch um Enchrochat gehen. Über Jahre hatten Kriminelle ihre illegalen Geschäfte über die Krypo-Software abgewickelt. Lange Zeit hatte diese den Ruf, nicht geknackt werden zu können. Im Frühjahr 2020 war es französischen und niederländischen Ermittlern jedoch gelungen, das von 60.000 Nutzern verwendete Netzwerk zu hacken.

Die Fahnder lasen 20 Millionen Nachrichten mit. Ein Dutzend europäischer Länder erhielt diese Daten. Die für Deutschland relevanten Nachrichten konnte das Bundeskriminalamt zwischen April und Ende Juni 2020 transferieren. Sie betrafen 4500 Handys. Wohl auch die Mobiltelefone der Angeklagten.