Diesen Ort kann es eigentlich gar nicht geben, sagen seine Macher. „Eine Utopie“, nennen Johannes Heereman, Jakob Turtur, Martin Kowalski und all die anderen ihre Kulturstätte auf der Kreuzberger Lohmühleninsel. Zu schön, um wahr zu sein. Denn mitten im Herzen der Gentrifizierung, wo der Häuserkampf tobt und die Internet-Wirtschaft Firmenkomplexe hochzieht, haben sie einen kleinen Planeten jenseits von Verwertungslogik zusammengezimmert.

Mit dem Jonny Knüppel, gleichzeitig Club, Werkstatt, Theater, Kino, Konzertsaal und offene Bühne, treffen sie offenbar einen Nerv. Denn gerade haben rund 1800 Menschen in einer Crowdfunding-Kampagne fast 65.000 Euro gespendet, um „den Knüppel“ zu retten. In den Dimensionen von Schwarmfinanzierung ist das eine beträchtliche Summe. Von bis zu 100.000 Euro träumen die Macher noch bis zum Ende der Kampagne in elf Tagen. Das Geld soll in Lärm- und Brandschutzumbauten fließen. Setzen die Betreiber diese Auflagen nicht um, bedeutet das für sie das Aus.

„Ich glaube, für viele Unterstützer hat Jonny Knüppel Symbolcharakter“, sagt Jakob Turtur, der so etwas wie der Steuermann der Gruppe ist. „Wir sind naiv, wir sind chaotisch, wir sind enthusiastisch. Wir sind das Gefühl, was Menschen meinen, wenn sie von Berlin schwärmen.“

In der Tat wirkt das Jonny Knüppel wie eine letzte Bastionen der experimentellen Feierkultur, die die Stadt einst zur Metropole der Freigeister machte. Auf der Lohmühleninsel ist eine Insel für Individualisten gewachsen, während andere neue Clubs mit recht angepassten Mischkonzepten aus Partys, Gastronomie und Events daherkamen, um überhaupt die Innenstadtmiete zahlen zu können.

An diesem Februartag türmen sich im Außenbereich des Clubs Bretter, Autoreifen, Regenschirme, Tierfiguren und Discokugeln zu Schrottskulpturen. Ein Wohnwagen steht aufgebockt auf einer Empore, Schlitten hängen in der Luft, eine bemaltes Akkordeon und Katzenohren aus Rostmetall. Was Werkzeug, was Baumaterial, was Relikt und was Restprodukt ist, geht wohl ineinander über.

Johannes Heereman, Jakob Turtur, Martin Kowalski und knapp zehn weitere jungen Leute werkeln heute auf der Außenfläche. Späne liegen auf dem Boden, hinter dem Areal wächst eine Brandschutzmauer. Um den Auflagen zu genügen, soll das Crowdfunding-Geld unter anderem eine Stahlbetondecke für den Innenbereich, eine Heizungsanlage, ein neues Stromnetz, ein Wasserleitungssystem sowie mehrere Gutachten finanzieren. Fast alles passiert in Handarbeit. Etwa 30 Personen bilden die Mannschaft hinter dem Jonny Knüppel, „das Kollektiv“. Es sind Künstler, Architekten, Psychologen, Musiker und Unternehmer. Individualisten, die irgendwann beschlossen, mit ihrem Leben anderes anzufangen, als die Uni ihnen beigebracht hatte. Sie eröffneten einen Club, der unterschiedliche Menschen zusammenbrachte, anstatt sie an der Tür zu selektieren. Je bunter die Mischung, desto besser.

Die Duldungen sind ein finanzieller Einschnitt

Im Frühjahr 2015 mietete einer von ihnen die Fläche, auf der zuvor eine Autowerkstatt saß, von einem Investor. Sie unterschrieben einen Zwischennutzungsvertrag – und „fingen einfach an zu machen“. Erste Partys, eine neue Bar, eine zusätzliche Tanzfläche, dann Lesungen, Jazzkonzerte bis zu einem Vortrag über Gehirnwellen. Sporadischer Betrieb für Freunde von Freunden, der niemanden zu interessieren schien, aber auch nie eine Genehmigung vom Amt erhielt. Dann immer mehr Besucher, ein Veranstaltungskalender – und Lärmbeschwerden aus dem einzigen Wohnhaus hier im Norden der Insel.

Dort leben bloß drei Parteien, das rund hundert Jahre alte Gebäude inmitten der Gewerbegrundstücke genießt Bestandsschutz. Als im vergangenen Spätsommer ein Kabel durchschmorte, besiegelten anrückende Feuerwehrleute und Polizisten das Ende der nie ausgesprochenen Duldung. „Wir verstehen ja die Auflagen und wollen sie umsetzen“, sagt Johannes Heereman. „Aber sie sind ein tiefer finanzieller Einschnitt.“

Umkehren ist unmöglich

Bis zum Frühsommer, sagen die Macher, sollen die Umbauten abgeschlossen sein und „der Knüppel“ wieder öffnen. Doch selbst, wenn das klappt, läuft der Mietvertrag des Kollektivs dann nur maximal zwei Jahre. „Längere Kontrakte gibt der Investor nicht raus“, erklärt Heereman. Möglich also, dass der langersehnte, genehmigte Bauantrag bald auf dem Tisch liegt – und dennoch in zwei Jahren alles vorbei ist.

Woher nimmt man Motivation, mit einem Damoklesschwert im Nacken? „Zur Hälfte ist es die Hoffnung, dass wir uns hier festbeißen“, sagt Jakob Turtur. „Wir wollen mitgestalten, ein Entwicklungskonzept für die Lohmühleninsel vorlegen. Zum anderen ist es Verzweiflung, weil wir schon so weit sind, dass Umkehren unmöglich ist.“ Außerdem, fügt Martin Kowalski hinzu und verdeutlicht einmal mehr, auf welchem Nährboden hier ein Stück Clubkultur in alter, berliner Tradition entstanden ist: „Selbst wenn es nur zwei Jahre sind, es könnten die schönsten zwei Jahre unseres Lebens sein. Und dann ist es das wert.“