Social Seating – was ist das denn? Ganz einfach, sagt Derek Ladewig. Beim Social Seating sucht man sich die Menschen, mit denen man im Zug zusammensitzen will, im Internet aus. „Wer will, kann uns sein Profil mit den persönlichen Interessen schicken. Etwa: Ich unterhalte mich gern über Fußball. Wenn dann jemand einen Sitzplatz bei uns reserviert, kann er sich durch die Profile der anderen Reisenden klicken – und sich dazu buchen“, erklärt der Chef des Bahnunternehmens Locomore. Social Seating ist nicht die einzige Besonderheit, die sich Ladewig und sein Team ausgedacht haben. Um den geplanten Fernzug zwischen Berlin und Stuttgart zu finanzieren, setzen sie auf Crowdfunding. Nun gibt es eine erste Bilanz.

Crowdfunding heißt: Möglichst viele Menschen geben Geld für ein Projekt, das sie für sinnvoll halten. Meist geht es um kleinere Vorhaben, etwa im Kulturbereich. Dass ein Verkehrsunternehmen diese Finanzierungsmöglichkeit nutzt, ist neu.

Fast die Hälfte des Geldes ist da

Ungewöhnlich ist auch die Summe, um die es geht. Bis Ende Januar 2016 müssen mindestens 460 000 Euro zusammenkommen, damit der Zug seinen Betrieb aufnehmen kann.

„So viel Geld brauchen wir, um Fahrzeuge zu besorgen und den Betrieb für drei Monate abzusichern“, sagt Derek Ladewig. Wer das Projekt unterstützen will, kann auf der Internetplattform Startnext Ticketgutscheine erwerben. So kostet ein Coupon für zwei Fahrten Berlin– Stuttgart 44 Euro. Noch mehr Förderer nutzen die zweite Möglichkeit: Sie gewähren Darlehen mit vier Jahren Laufzeit, die Locomore mit Bargeld oder Fahrguthaben verzinst.

Ladewig zeigte sich zufrieden. „Wir sind kurz davor, die Hälfte der Summe zu erreichen“, sagt er. Nach Angaben des Unternehmens seien bereits 228 495 Euro gesichert.

Wer sind die Privatinvestoren? Mit einigen ist Ladewig ins Gespräch gekommen. „Meist handelt es sich um verkehrspolitisch Interessierte“, erzählt er. Um Menschen, die sich für den Fernverkehr, der von der Deutschen Bahn (DB) beherrscht wird, Konkurrenz und Vielfalt wünschen. Und die den Fernbussen etwas entgegensetzen wollen. Manche haben auch ein Eigeninteresse: „In Heidelberg, das die DB vom Fernverkehr abgehängt hat, haben wir mehrere Unterstützer.“

Seinen Berufsweg begann Ladewig beim Nahverkehrs-Zweckverband ZÖLS in der Lausitz. Bis 2011 war er Geschäftsführer beim ebenfalls privaten Hamburg-Köln-Express. Zwischendurch war Ladewig Bahnreferent bei der Grünen-Bundestagsfraktion. Der 44-Jährige, der mit seiner Familie in Kreuzberg wohnt, achtet auf ein trendiges Image: jung und öko. Der Locomore-Chef verspricht Gratis-WLAN und Platz für sechs Fahrräder. Die Lok soll mit Ökostrom fahren, Speisen und Getränke im Bordverkauf sollen meist das Biosiegel tragen und aus fairem Handel stammen.

Locomore will eine Lok und bis zu acht Abteilwagen mieten – voraussichtlich frühere Intercity-Wagen der DB. Für die Trasse hat Locomore Rahmenverträge mit fünf Jahren Laufzeit. Vom 4. September 2016 an soll der Zug täglich fahren. Los geht es 6.40 Uhr in Stuttgart, unterwegs halten die orangerot lackierten Wagen unter anderem in Heidelberg, Frankfurt Süd und Hannover. Nach Stopps am Zoo, an der Friedrichstraße und im Ostbahnhof wird Lichtenberg um 13.27 Uhr erreicht. Die Rückfahrt startet um 14.29 Uhr, Stuttgart wird 21.19 Uhr erreicht.

Damit ist der private Fernzug nur knapp eine Stunde langsamer als der Intercity Express der DB. Doch die Tickets sollen weniger kosten: zwischen 22 und 66 Euro für die gesamte Strecke, ab 13 Euro für Teilstrecken wie Berlin–Hannover.

Ein unternehmerisches Wagnis

2017 sollen weitere Verbindungen dazu kommen – zweimal täglich Berlin–Köln, in der Saison einzelne Züge zwischen Berlin und Rügen.

Ladewig weiß: Ein privater Fernzug ist ein Wagnis. Die Kosten sind hoch, allein die Nutzungsgebühren für Strecken und Stationen werden auf weit mehr als zehntausend Euro pro Tour Berlin–Stuttgart beziffert.

Zuletzt unterlag der private Interconnex (Leipzig–Rostock) der Fernbus-Konkurrenz. Darum steht im Locomore-Prospekt auch eine Warnung an potenzielle Investoren: Es gebe Risiken. Wenn Locomore pleite geht, ist das Geld weg. „Damit rechnen wir aber nicht“, sagt Ladewig. „Wir glauben an unser Projekt.“