Berlin - Eine weiße Wange? Das geht so nicht. Ein Mann malt seinem Freund mit einem bunten Stift einen Regenbogen ins Gesicht. Der junge Mann hält lächelnd still, während Freddie Mercurys Stimme durch die Boxen zu hören ist: „I want to break free.“ Der Regenbogen – er ist Symbol für die LGBT-Szene, die Abkürzung, die all die Menschen zusammenfassen soll, die schwul, lesbisch, transsexuell, bisexuell, transgender oder queer sind.

Schon in der U-Bahn sieht man Fahnen, die über Schultern flattern, an den Fassaden hängen sie, Anwohner wedeln mit Fähnchen von den Balkonen. Alle drängen zum Kudamm: Menschen mit Glitzersteinchen im Gesicht, mit ultrahohen Highheels an den Füßen oder Statement-Shirts, die auffordern, sich zu lieben.

Egal wen, Hauptsache frei und jetzt und ohne Zwänge. Wenn nicht hier, wann dann? Frauen sind barbusig unterwegs, Männer in Latex-Hotpants oder gänzlich nackt. Nichts, was heute nicht sein kann oder sein darf. Es ist Samstag, halb eins, knapp 30 Grad zeigt das Thermometer an.

Der 41. Christopher Street Day in Berlin

Gleich soll er losgehen, der 41. Christopher Street Day in Berlin - 50 Jahre nach den Unruhen in Stonewall in New York, als sich die Szene gegen Diskriminierung zur Wehr setzte. Ein Tag, der bis heute als Wendepunkt im Kampf um Gleichberechtigung in der Schulen- und Lesbenszene gilt.

Und so ist auch der CSD in Berlin ein Tag, an dem es um mehr geht als nur Party. Bunt, wild und frei, aber mit ernstem Hintergrund. Denn was so frei und normal wirkt hier in Berlin sind Rechte, die sich die Szene hart erkämpfen musste und immer noch erkämpfen muss. Erst vergangenes Wochenende wurden im Nachbarland Polen schwule Männer bei einer Gay-Pride-Parade mit Flaschen und Steinen beworfen. Die Freiheit, sie kann nur wenige hundert Kilometer weiter so viel anders aussehen. Das viel passiert ist, aber immer noch Luft nach oben ist, weiß auch Peter Kraus.

Kraus ist ein Bayer, in München aufgewachsen und der erste Mann, der in Berlin vor vier Jahren eine Schuhplattler-Gruppe, die „Querplattler Berlin“, gegründet hat. In München, so erzählt er, war an Akzeptanz als schwuler Mann lange nicht zu denken. Das sei heute zum Glück anders. 

Kein Glitzer, kein Regenbogen, keine Lederstrapse, sondern bajuwarische Tracht

Gerade checkt die Männergruppe ihre kleine Musikanlage, übt noch mal einige Tanzschritte ein. Gleich will sich die Truppe in den Umzug einreihen. Ihre Aufmachung fällt auf: Kein Glitzer, kein Regenbogen, keine Lederstrapse oder Plateauschuhe, sondern klassisch bajuwarische Tracht: Dicke Wollstrümpfe, die die Wade bedecken, Lederhose, weißes Hemd, Hut mit Feder. „Ich hätte nie gedacht, dass ich auf so viel Interesse stoße, als ich die Gruppe gegründet habe“, sagt Kraus. Inzwischen sind 20 Männer dabei.

Kraus gehört zu ersten Generation des CSDs, „da war hier alles noch sehr klein“, erinnert er sich. Noch immer sei das ein wichtiger Tag, viel habe sich seitdem geändert. Es gebe mehr Akzeptanz, die Szene sei größer. Aber damit sei auch etwas verloren gegangen, findet Kraus. „Mir fehlt die Gesamtstimme für unsere Szene, jeder spricht für sich allein. Das finde ich schade und stört mich“, kritisiert er. „Berlin“, so Kraus, sei aber immer noch „the place to be“. Also der Ort, an dem man am freisten leben kann, deutschland- aber auch europaweit.

Ein bisschen Bayern in der Hauptstadt, während ein verkleideter Arzt, ein Polizist und eine Braut zum Startpunkt vorbeiströmen. Man sieht, mit wie viel Leidenschaft, sich hier manche ihre Kostüme gebastelt haben: Eine Mann, der einem Scifi-Film oder einem Märchen entsprungen sein könnte, lässt sich geduldig mit Schaulustigen fotografieren, sein Kleid besteht aus Kabelbindern und Spiegeln.

Dragqueens Eva Labosse und Pimmela van Döschen

Auch die Dragqueens Eva Labosse und Pimmela van Döschen von Trash Deluxe fallen mit ihrer Pferdekopf-Maskierung auf. „Der CSD bedeutet für mich alles. Wir sind in Deutschland weit gekommen, aber noch immer gibt es viel zu tun“, sagt Eva Labosse, die vor 20 Jahren zum ersten Mal auf dem CSD war. So dürften schwule Männer noch immer kein Blut spenden und das Transsexuellen-Gesetz benachteilige Menschen mehr, als dass es ihnen nutze.

„Straftaten gegen Menschen aus der LGBT-Szene müssen stärker verfolgt werden“, findet Eva Labosse. Für sie ist der CSD noch immer ein politischer Umzug, das sei vor ein paar Jahren mal weniger gewesen. Heute aber, „ist der CSD wieder politisch.“ Gerade in diesen Zeiten sei es wichtig, dass der Berliner Christopher Street Day eine Message in die Welt heraustrage. Aus gutem Grund hätten die beiden Dragqueens auf den rosa Umhang „Sex ist Liebe, Folter und Mord ist ein Verbrechen“ geschrieben. Aber natürlich darf die Party nicht zu kurz kommen, „das gehört dazu“. Die Kritik, dass jede der vielen Communities für sich spreche, teilt Eva Labosse nicht. „Wenn es drauf ankommt, hält die Szene zusammen.“

So wie Freddie Mercury hat auch Katy Perry einen Hymnen-Song für die Szene und irgendwie auch ein bisschen für den CSD geschrieben. „I kissed a girl and I liked it“ - man hört ihn immer wieder von den rund 90 Wagen, die am Samstag durch die Stadt zum Brandenburger Tor vorbei an zehntausenden Feiernden rollen.

„Hier ist die Ausgrenzungserfahrung, die man immer wieder erlebt, nicht präsent“

Theresa Lehmann kommt eigentlich aus Heilbronn, wohnt aber in Berlin. Der CSD ist für sie der Tag im Jahr, „an dem man nicht die Minderheit darstellt, sondern endlich mal Mehrheit ist“, sagt sie. „Hier ist die Ausgrenzungserfahrung, die man immer wieder erlebt, nicht präsent.“

„Gleichzeitig erinnert mich der Tag immer an mein Outing vor fünf Jahren als ich meine erste Freundin hatte“, erzählt sie. Ihre Mutter habe danach geweint. „Auch, weil sie wohl gehofft hatte, noch Enkelkinder zu bekommen“, erzählt Theresa Lehmann. Berlin ist für sie der Ort, an dem sie sich am freisten fühlt. „Hier lernt man auch eher jemanden kennen“, sagt sie.

Aber der Umzug dürfte ihrer Meinung nach ruhig politischer sein. „Man sollte nicht vergessen, dass in Zeiten des Rechtsrucks in den Ländern unsere Freiheit auch schnell wieder vorbei sein kann“, sagt die junge Frau, die mit zwei Freundinnen da ist. Die Unternehmen, die hier aktiv dabei sind, sollten sich auch an den anderen Tagen im Jahr für die Rechte der Szene einsetzen, „und nicht nur heute“. Gleichzeitig zeige der CSD auch, wie weit man schon gekommen sei.

Michael Müller: „Jeder Aufstand beginnt mit einer Stimme“

Bei der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor betonte auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), dass der CSD immer wieder an die Ereignisse in Stonewall vor 50 Jahren erinnere. „Jeder Aufstand beginnt mit einer Stimme“, sagte Müller, „jeder kann und muss jeden Tag etwas gegen Diskriminierung und Übergriffe tun“. Noch sei längst nicht alles gut, doch jeder könne sich engagieren und seine Stimme erheben.

Jeder solle so leben können, wie er möchte, ganz gleich welcher Religion man angehöre oder welche sexuelle Orientierung man habe. „Das ist doch völlig Schnuppe“, sagte Müller. Berlin sei eine Stadt der Freiheit. „Und wir wollen, dass jeder überall so leben kann.“