Teilnehmer beim Dyke Marsch mit einer großen Regenbogenflagge (25.7.2020).
Foto: dpa/Christophe Gateau

BerlinCorona hat auch dem Christopher Street Day in Berlin einen fetten Strich durch die Rechnung gemacht. Anstatt wie im vergangenen Jahr mit rund einer Million Menschen auf den Straßen Berlins mit einer bunten Parade queeres Leben für alle sicht- und hörbar zu machen, fand am Sonnabend alles im Internet statt:

Zu sehen und zu hören war und ist ein Livestream mit zehn Stunden ununterbrochenem Programm voller eingespielter Präsentationen von Gruppen und Initiativen, Live-Podiumsgesprächen auf Bühnen im Haus der Statistik am Alexanderplatz und an der Eisenacher Straße in Schönberg, Talks, Kabaretteinlagen und Kurz-Konzerten.

An den Bühnen sammelten sich jeweils Dutzende Zuschauer, in Schöneberg durften noch Hunderte Neugierige dazugerechnet werden, die vor Bars und Kneipen oder einfach auf dem Bürgersteig saßen. Zu Beginn klappten im Stream nicht alle Schalten auf Anhieb.

An Gruß- und Jubelbotschaften hat es dem CSD aber auch dieses Jahr nicht gemangelt. So wünschten nicht nur Sebastian Walter und Anja Kofbinger, queerpolitische Sprecher und Sprecherin der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, sondern auch CDU-Chef Kai Wegner und der Berliner Bundestagsabgeordnete Jan-Marco Luczak einen „Happy Pride 2020“. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte sich vor dem Roten Rathaus aufgebaut und ein paar aufbauende Worte gesendet. Kultursenator und Bürgermeister Klaus Lederer (Linke) legte für das Land Berlin am Denkmal für die Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen im Tiergarten einen Kranz nieder.

Eines der wichtigsten Themen in diesem Jahr war die dramatische Situation Homosexueller in Ländern wie Russland, Ungarn oder Polen, wo sich absurderweise bereits mehr als 100 Städte zu LGBT-freien Zonen erklärt haben. Vor dem Haus Ungarn am Boulevard Unter den Linden führte Dragqueen Gloria Viagra durch ein kleines Programm. Betroffene berichteten von Verfolgung und Diskriminierung.

Kein Auftritt von Nina Queer

Aber der CSD hatte in diesem Jahr auch sein eigenes Politikum. Die stadtbekannte Dragqueen, Moderatorin und Partymacherin Nina Queer gilt wegen provokanter Aussagen vielen in der Community als islamfeindliche Rassistin. Ihre Aussage in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel, dann sei sie „eben die erste Hitler-Transe“, fachte den Streit noch an. Am Ende jedenfalls sahen sich die CSD-Veranstalter gezwungen, in ihrem Stream auf eine Live-Schalte zu einer Veranstaltung ins Strandbad Grünau zu verzichten, bei dem Nina Queer hatte auftreten wollen. Stattdessen kamen zum Beispiel Aktivisten der „Anlaufstelle für Islam und Diversity‘‘ zu Wort, einem Projekt der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Moabit der Berliner Anwältin und Menschenrechtlerin Seyran Ates für junge queere Muslime.

Allerdings war der Streit um Nina Queer beileibe nicht das einzige Politikum des diesjährigen CSD. Denn was wäre ein CSD ohne eine kleine, bissige Gegenveranstaltung zum großen, quasi offiziellen, manchmal etwas behäbigen Umzug? Nun gab es ironischerweise ausgerechnet im Corona-Jahr gleich zwei solcher Gegen-Demos auf der Straße. Am Nachmittag startete der Dyke*March am Alexanderplatz, der sich für „lesbische Sichtbarkeit“ unter Einhaltung eines Hygienekonzepts starkmachte. Am frühen Abend trafen sich Aktivisten zu einem „anarchistischen Christopher Street Day“ am Kottbusser Tor. Bei dem Zug durch Kreuzberg und Neukölln zum Hermannplatz wollte man sich gegen „rassistische, homo- und transfeindliche Übergriffe“ in der Gegend positionieren und ein Zeichen setzen gegen „Fundamentalisten, sprich Faschisten und Macker“.

Tatsächlich gibt es auch in Berlin weiter Anlass, Homosexuellen-feindliche Attacken zu beklagen. So gab es laut Polizeistatistik seit Anfang 2017 insgesamt 43 Fälle von explizit lesbenfeindlicher Gewalt. Das geht aus der Antwort der Innenverwaltung auf eine Anfrage des Linksfraktionschefs im Abgeordnetenhaus, Carsten Schatz, hervor, die dieser passend zum CSD veröffentlichte. Umso wichtiger sicher das Motto des diesjährigen Berliner CSD: „Don’t hide your pride“, verstecke deinen Stolz nicht.