Eigentlich ist alles hier illegal. Die Schüler, die am Nachmittag in Plastiksäcke gekleidet ein Fotoshooting machen. Die Hundebesitzer, die ihre Lieblinge zu jeder Tageszeit frei über die riesige Rasenfläche laufen lassen. Die jungen Leute, die zum Sonnenuntergang mit einem Bier auf der Mauer an der Spree sitzen und versonnen aufs Wasser blicken oder auf der Wiese grillen. Die Angler, von denen Bilder im Internet existieren. Und erst recht die zwei Gemeinschaftsgärten, die Anwohner nahe der Schlesischen Straße errichtet haben, aus übereinandergestapelten Kisten, die man auch woanders hinschaffen kann und in denen Salat und Kräuter wachsen.

Doch die Elemente des plakatbeklebten Bauzauns, der die 10 000 Quadratmeter große Brache an der Cuvrystraße 50/51 umgibt, sind an mehreren Stellen auseinandergeschoben und machen es Besuchern nicht schwer, auf das Gelände zu gelangen.

Die größte und letzte Brache im Kiez sollte eigentlich schon seit 2001 mit einem riesigen Einkaufszentrum namens Cuvry-Center bebaut sein. Doch das letzte Mal rückten 1999 Bauarbeiter an, um zwei Lagerhäuser abzureißen. Seitdem wachsen zwischen Spree und Schlesischer Straße nur Gras und Büsche in die Höhe und in einem Krater wuchert Schilf. Irgendjemand hat einen rostigen Mülleimer aufgestellt und an eine der angrenzenden Brandwände drängt sich eine kleine Hütte, vielleicht die Unterkunft eines Obdachlosen.

Die benachbarten 20 Meter hohen Brandwände sind zum Wahrzeichen geworden, sie sind wahrscheinlich das meistfotografierte Motiv im Wrangelkiez: Der italienische Street-Art-Künstler Blu hat zwei riesige Wandgemälde geschaffen. Eines zeigt einen kopflosen Torso mit Krawatte und Handschellen aus goldenen Uhren. Das andere zwei Riesen mit Sturmhaube und Fliegerbrille. Die unteren Bereiche der Wand sind so was wie eine „Graffiti-Akademie“, so nennen es Anwohner. Das Quartiermanagement hätte gerne eine Zwischennutzung auf dem Gelände, wie es sie mit dem Yaam 1998 schon mal gab, auch der Bezirksbürgermeister hat sich dafür ausgesprochen. Dabei gibt es die längst. Ein Geograf hat an der Universität Utrecht sogar eine Abschlussarbeit über die Brache geschrieben, diesen Spielplatz für Große.

Seine Geschichte begann 1992, als die Botag das Gelände von der Rhenus AG kaufte. Ihre Pläne für ein überdimensioniertes Einkaufszentrum erzürnten Anwohner und Gewerbetreibende im Kiez. Die verschuldete Botag wurde schließlich von der IVG Immobilien AG übernommen und die plante um. Neue Spreespeicher hieß das Projekt nun, das weniger Einzelhandel und dafür noch Wohn- und Büroflächen, Gastronomie und ein Hotel vorsah. 2003 sollte es fertig sein, aber Nutzer fehlten. Jetzt sagt die IVG, das Grundstück gehöre ihr gar nicht mehr richtig. Zum 1. September werde es verkauft. Bis gebaut wird, dürfte es noch Jahre dauern.