Die Zeit ist ein unzuverlässiger Partner. Ständig stellt sie in ihrem Streben nach Neuem die Ansichten infrage, die einmal als richtig und gut galten. Betrachtet man die Forscher, Kaufleute, Seeleute und Abenteurer, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts im Auftrag des Königlichen Völkerkundemuseums Berlin überall auf der Welt Objekte gesammelt haben, kann man den Eindruck gewinnen, dass bei vielen der einst gefeierten Erwerbungen manches nicht mit rechten Dingen zugegangen ist.

Das lässt sich aber nicht pauschal auf die Sammlung übertragen, die nun im Ethnologischen Museum in Berlin-Dahlem zu sehen ist, und die 2019 in das Humboldt-Forum im Zentrum der Stadt ziehen soll. Vielmehr ist die Sammlung eingebunden in einen stetigen Erneuerungsprozess innerhalb der wissenschaftlichen Diskussion. Viola König, Direktorin des Ethnologischen Museums, sagt: „Wir müssen die einzelnen Objekte nach ihrer Geschichte befragen und darüber hinaus Zusammenhänge herstellen.“

Die Ethnologie ist in ihren Methoden eine sensible Wissenschaft. Viele der ethischen Maßstäbe, die heute an alte Sammlungen gelegt werden, wurden in ihren Grundlagen schon früh formuliert. Karl von den Steinen aus Düsseldorf zum Beispiel schrieb 1897 über seine Aufenthalte in der Amazonas-Region von Brasilien: „Die Kultur der Wilden ist im Durchschnitt viel höher, die unsrige viel niedriger als sie gemeinhin geschätzt wird.“ Abgesehen vom Begriff „Wilde“ ist diese Einsicht durchaus fortschrittlich. Sie beruht auf einer Methode, die heute „teilnehmende Beobachtung“ genannt wird, schreibt Viola König in einem Aufsatz über Adolf Bastian, den ersten Direktor des Ethnologischen Museums. Bei seinen Expeditionen habe von den Steinen Interviews „in der Art einer einfach interessierten Person“ geführt. „Er hatte auch keine Probleme damit, selber ein Objekt der Untersuchung zu werden.“ Die teilnehmende Beobachtung gehört heute zu den Grundlagen der Ethnologie.

Viola König bezieht sich in ihrem Aufsatz auf Briefe und Aufzeichnungen. Sie berichtet von ausgeraubten Gräbern, Schenkungen, Ankäufen und Überredung. Nach der blutigen Strafexpedition der Briten 1897 gegen das damalige Königreich Benin im heutigen Nigeria brach ein Benin-Rausch in Europa aus. Die Soldaten erbeuteten Tausende Stücke ungewöhnlicher Bronzegüsse – Büsten und Reliefplatten. Der deutsche Ethnologe und Leiter der Afrika-Abteilung des Museums für Völkerkunde, Felix von Luschan, ersteigerte im selben Jahr in London 580 davon für die Berliner Sammlung.

Von Luschan war sich der mitunter dubiosen Sammlermethoden in Afrika bewusst. König zitiert einen Brief des deutschen Arztes und Afrikaforschers Richard Kandt an den Ethnologen von Luschan. Kandt lebte in dem Gebiet des heutigen Ruanda, das damals zu Deutsch-Ostafrika gehörte. Er schrieb: „Überhaupt ist es sehr schwer, einen Gegenstand zu erhalten, ohne zum mindesten etwas Gewalt anzuwenden. Ich glaube, dass die Hälfte ihres Museums gestohlen ist.“

Auf Grundlage solcher Aufzeichnungen werden von Initiativen wie zum Beispiel der Berliner Kampagne „No Humboldt21!“ Forderungen laut, unrechtmäßig erworbene Stücke aus Afrika zurückzugeben. Die Initiative nennt in dem Zusammenhang auf ihrer Internetseite den Königsthron von Bamum, Kamerun, der in Dahlem ausgestellt wird. Doch taugt der kaum als Beispiel: An das Museum gibt es gar keine Forderung, ihn zurückzugeben. Auch die Benin-Bronzen werden auf der Internetseite genannt. Über die sagt König: „Es gibt einen Zusammenschluss von Museen, die in Kontakt mit den Vertretern in Nigeria stehen. Wir wollen eine größtmögliche Transparenz im Umgang mit den Sammlungen. Es ist ein Prozess mit der Frage, wie geht man mit den formulierten Ansprüchen um? Es gibt sehr unterschiedliche Meinungen.“

Beginn einer Zusammenarbeit

Die Zusammenhänge, die das Ethnologische Museum nun für seine mehr als 500.000 Objekte herstellt, sind regional äußerst unterschiedlich. Viola König sagt: „Wir sehen es als unsere Aufgabe, mit den Vertretern indigener Völker Kontakt aufzunehmen.“ Es gebe Kulturen, denen bedeute das Thema Rückgabe sehr viel. Vielen aber auch nicht. „Die Naga in Indien zum Beispiel haben sich gefreut über das, was wir noch haben, und vor allem haben sie sich gewundert, was es noch alles gibt.“ Forderungen hätten sie nicht. Mit dem Anchorage Museum in Alaska gebe es seit einiger Zeit eine gemeinsame Konzeptarbeit zur Präsentation der Objekte aus dem Nordwesten Amerikas. Und der Besuch von Wissenschaftlern der indigenen Universität de Tauca, Venezuela, vergangenes Jahr in Berlin, bei dem sie historischen Federschmuck und alte Flechtwerken aus der Region Guyana studierten, gilt als Beginn einer Zusammenarbeit. Die Sammlung dokumentiert längst vergessene Handwerkstechniken und bietet Möglichkeiten eines gemeinsamen Erkenntnisprozesses.

Der Direktor des Museums für Asiatische Kunst in Berlin-Dahlem, Klaas Ruitenbeek, arbeitet unter ähnlichen Bedingungen. Das Museum wird – wie das Ethnologische Museum – in das Humboldt-Forum ziehen. Doch da 95 Prozent der Sammlung erst nach dem Zweiten Weltkrieg angeschafft wurden, hat Ruitenbeek wenig Probleme mit dem Erbe des Kolonialismus. „Die chinesischen Behörden zum Beispiel wollen, dass die Kunst ihres Landes hier gezeigt wird. Voraussetzung ist jedoch, dass sie für chinesische Forscher zugänglich gemacht wird“, sagt er. Die Probleme würden bei archäologischen Funden beginnen, deren Herkünfte nicht geklärt seien. „Wir müssen offen sein für die Erwerbungsgeschichte.“ Ein Grundsatz, der ähnlich klingt wie der von Viola König, wenn sie nach der Geschichte der Objekte fragt, und der vor der Unzuverlässigkeit der Zeit schützt.