Berlin - „Berliner machen sich nackig und fotografieren sich dabei.“ Das klingt erst einmal so außergewöhnlich wie „Berliner S-Bahn versinkt im Winterchaos“ oder „Berliner Frühling säuft im Regen ab“. Nämlich gar nicht.

In keiner anderen deutschen Stadt lassen die Menschen so schnell die Hüllen fallen wie in Berlin. Partygänger geben an den Garderoben der Clubs gerne mal ihre komplette Garnitur ab (ja, komplett!) und so ziemlich jede U-Bahnlinie, hat ihren etatmäßigen FKK-Hallodri. Den kennt man zwar nicht mit Namen, dafür aber das Ausmaß seiner Pobackenbehaarung (sofern man nicht rechtzeitig wegschauen konnte).

Wie ist das möglich? Weil es niemanden wirklich interessiert! Und hier kommen wir der Sache schon näher. Das Projekt „Daily Portrait Berlin“ zielt genau auf fehlendes Interesse der Menschen füreinander ab. Denn was als großstädtische Liberalität getarnt daherkommt, ist in Wahrheit oft pure Ignoranz. Die will der tschechische Fotokünstler Martin Gabriel Pavel überwinden und Menschen verbinden.

Dazu hat er vor einigen Wochen seine Kamera auf Reisen durch Berliner Wohnungen geschickt. 365 Berliner fotografieren sich jeweils an einem Tag ein Jahr lang. Und immer der Reihe nach in den eigenen vier Wänden. Meistens nackt, manchmal in Unterwäsche. Das Prinzip ist ähnlich einem Staffellauf: Eine Person wird fotografiert. Diese geht tags darauf in eine andere Wohnung und knipst einen anderen Menschen.

So beweist Pavel: Nacktheit in Berlin kann also doch noch eine Botschaft sein. Mit „Daily Portrait Berlin“ hat er eine künstlerische Kettenreaktion in Gang gesetzt, an deren Anfang und Ende er selbst steht. Pavel hat das erste Foto der Serie gemacht und er wird das letzte Nacktmodel der Serie sein.

Ihr Projekt bringt fremde Menschen zusammen, die sich sonst vielleicht niemals begegnet wären. Dazu in einem sehr intimen Moment. Wie kam es zu der Idee?

Die ersten Anfänge des „Daily Portrait“-Projekts gehen bis ins Jahr 2012 zurück. Damals hatte ich 365 Menschen in mein Prager Studio eingeladen und mit meiner DSLR Kamera Video-Frames von ihnen vor einer weißen Wand aufgenommen. Im Jahr darauf habe ich dann 365 Leute mit meiner Polaroid auf den Prager Straßen fotografiert.

Im Sommer 2013 hatte mich Marek Kučera nach Potsdam eingeladen, um dort das „Daily Portrait“-Projekt fortzusetzen. Marek selbst wollte auch fotografiert werden und mich bei dem Projekt unterstützen. Ich konnte damals bei ihm wohnen. Bis dahin kannten wir uns überhaupt nicht, wir waren zwei völlig Fremde.

Ich habe also 16 wunderbare Leute aus Berlin und Potsdam in ihren Wohnungen fotografiert, was auch eine tolle Erfahrung war. Als ich einen Monat später zurück in Prag war und die Filme entwickelt habe, stellte ich fest: Die Aufnahmen funktionierten so nicht. Irgendetwas fehlte.

Danach habe ich mehr als ein Jahr lang über mein Berliner Projekt gegrübelt und währenddessen an einer anderen „Daily Portrait“-Serie gearbeitet: In der Prager Metro habe ich tausende Menschen mit einer Kamera aufgenommen, in die Sonnengläser eingebaut waren.

Anfang 2015 ging meine Kamera in einer Prager Bar verloren. Am nächsten Morgen stellte ich völlig verkatert fest, dass ich die Kamera eigentlich gar nicht brauche, um Fotos zu machen. Damit war das Rätsel um das „Daily Portrait Berlin“ gelöst! Das Wort „Berlin“ muss sich eigentlich gar nicht auf Stadt selbst beziehen, im geographischen Sinne. Sondern man kann es mehr als „Prinzip“ verstehen. Ich als Fotograf kann dieses Prinzip gar nicht ausdrücken, aber diese Idee kann durch das Zusammenspiel der Berliner untereinander ausgedrückt werden.

Ich hab mir also die gleiche Kamera noch einmal gekauft, bin zurück nach Berlin, um das „Daily Portrait“-Projekt“ neu zu starten. Dort hab ich dann Elle in ihrer Wohnung fotografiert und ihr meine Kamera gegeben. Elle hat am nächsten Tag dann ein Foto von M in deren Wohnung gemacht. Und M hat ein Foto von Jonathan gemacht, Jonathan von Carise….und so weiter.

Wählen Sie ihre Models nach bestimmten Kriterien aus oder entwickeln sich die Shootings zufällig?

Zufällig. Ich treffe keine Auswahl. Wenn zwei Teilnehmer Zeit haben, arrangiere ich das Shooting. Aber ich versuche nach Geschlecht abzuwechseln. Heute ein Mann, morgen eine Frau. Aber manchmal fotografiert auch ein männlicher Teilnehmer einen anderen Mann, oder eine Frau macht ein Foto einer Frau. Auch das trägt ja ebenso die Idee der „Gleichheit und Abwechslung“. Manchmal erfahre ich das Geschlecht des Teilnehmers sogar erst dann, wenn ich das Foto sehe.

Wie läuft ein solches Shooting ab, gibt es ein bestimmtes Schema? Zum Beispiel: Klingel drücken, Tür auf, drinnen wartet das Nacktmodel, Auslöser drücken und dann „Auf Wiedersehen“?

Das Model und der Fotograf treffen sich zuerst an einem öffentlichen Ort. Es ist besser, sich vor dem Shooting zuerst auf einem „neutralen Boden“ kennenzulernen.

Über die Teilnehmer erfährt man nicht viel. Es gibt zu den Fotos keine Hintergrundinformationen, wie zum Beispiel über den Bezirk, in dem die sie leben oder ihren Beruf. Warum nicht?

Ich denke, man kann versuchen, all das über das Foto selbst herauszufinden. So beschäftigt man sich auch viel intensiver mit dem Bild. Liest man diese Infos als Text, dann denkt man nicht mehr so sehr darüber nach. Menschen neigen üblicherweise zu einfachen Kategorisierungen. Ich will diesen Prozess unterbrechen.

Die Arbeit oder der Wohnort machen ja nicht die vollständige Person aus. Man kann sich auch anhand anderer Informationen ein Bild von den Menschen machen: Warum nicht durch ihre Lieblingsfarbe oder Lieblingsblumen? Das und noch vieles mehr kann man in den Bildern lesen.

Die Fotoserie zeigt die Menschen also in ihrer persönlichen Umgebung, nicht etwa vor neutralen Fotowänden oder an neutralen Orten. Welche Idee steckt dahinter? Geht es vielleicht auch darum, mit der Darstellung der persönlichen Umwelt ein soziales oder politisches Statement abzugeben?

Ich denke, dass Menschen in unserer Gesellschaft „überdefiniert“ sind. Wir konzentrieren uns zu sehr darauf, uns selbst und andere Menschen einzuordnen. Unter diesen ganzen Schichten und Ebenen von Kategorien verlieren wir unsere Beziehung zueinander.

So nackt und anonym wie die Berliner in den Bildern gezeigt werden, können sie sich frei wie nach der Geburt fühlen: Unkategorisiert, frei von Schubladen. Diese Kategorien, diese Einteilungsmuster der Teilnehmer werden durch die Sachen repräsentiert, die auf den Bildern zu sehen sind. Sie treten in den Hintergrund. Deswegen sind die Personen selbst unbekleidet - um sich aus diesen Kategorien zu lösen und nur für sich selbst zu stehen.

Ich denke, dieser Akt kann sehr befreiend sein. Das Projekt hat kein politisches Statement, es ist eine Dokumentation und will das Menschsein feiern.

Heutzutage scheint Nacktsein in unserer Gegenwartskultur weit mehr akzeptiert und selbstverständlich als noch vor einigen Jahrzehnten. Vor allem online, aber auch draußen im „realen“ Leben. Besonders in einer liberalen Stadt wie Berlin. Was macht die Nacktaufnahmen in ihrer Serie so besonders? Was unterscheidet sie von der Nacktheit, die wir täglich in sozialen Netzwerken oder auf Dating-Apps sehen? Außer natürlich, dass die Bilder in „Daily Portrait Berlin“ nicht erotisch oder sexuell gefärbt sind?

Menschen machen ihre Nacktbilder üblicherweise dann, wenn sie alleine sind. Das ist der Unterschied. Sie machen „Nackt-Selfies“. Was bedeutet: Sie sind ihrer eigenen Perspektive auf sich selbst gefangen. Das verzerrt die Fotos, sie sind unvollständig. Menschen müssen von anderen Menschen gesehen werden, das macht sie vollständig. Allerdings sollte das nicht via Bildschirm geschehen, sondern in der Realität.

Ein Teil der Idee hinter dem Projekt ist, dass sich Menschen neu kennenlernen. Was ist bisher nach den Shootings passiert? Wie sind die Erfahrungen der Teilnehmer?

Marek und ich sind sehr gute Freunde geworden. Auch einige Teilnehmer von „Daily Portrait Berlin“ haben nach den Shootings schon gemeinsam Dinge unternommen, haben sich zum Kaffee verabredet oder zusammen Ausstellungen besucht.

Das Gespräch führte Clemens Schnur.

Wenn Sie auch bei „Daily Portrait Berlin“ mitmachen möchten, schreiben Sie eine E-Mail an: portraitdaily@gmail.com

Die Teilnahme ist kostenlos. Das Projekt ist nicht-kommerziell.

Teilnehmer müssen mindestens 18 Jahre alt sein. Im Herbst 2016 werden alle Fotos in einer Galerie ausgestellt und ein Buch mit den Aufnahmen veröffentlicht.

Mehr Informationen und alle Bilder der Serie finden Sie unter  facebook.com/dailyportrait und http://dp4.portraitdaily.com