Berlin - Heuschnupfen, Neurodermitis, Asthma – mehr als ein Viertel der Berliner Kinder leiden unter diesen Krankheiten. Besonders schlimm wird es, wenn die Beschwerden chronisch werden. Das geht aus dem Kinder- und Jugendreport der Ersatzkasse DAK Gesundheit hervor. Demnach hatten „rund 27 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in der Stadt im Untersuchungszeitraum eine potenziell chronische Erkrankung“, sagte Julian Witte vom Lehrstuhl für Gesundheitsökonomie der Universität Bielefeld, der die Studie erarbeitete. Jungen sind mit 29 Prozent häufiger betroffen als Mädchen (26 Prozent).

Witte wertete Abrechnungsdaten von 2016 von etwa 26.400 Kindern und Jugendlichen bis 17 Jahren aus. „Es ist das erste Mal, das eine repräsentative Studie zur Kinder- und Jugendgesundheit auf solchen Daten basiert“, sagte Volker Röttsches, Leiter der DAK-Landesvertretung. Die Untersuchung betrachte einen Querschnitt durch die Bevölkerung. „Es sind sowohl niedrige wie hohe Einkommensgruppen vertreten.“

Schon Rückenschmerzen sind bei Berlins Kindern verbreitet

Ein weiteres zentrales Ergebnis der Studie: neun Prozent der Berliner Kinder hatten eine potenziell chronisch verlaufende psychische Erkrankung. Auch hier ist die Zahl der Jungen (elf Prozent) höher als die der Mädchen (acht Prozent).

Besonders häufig lautete die Diagnose: Depression. Bei 2,8 Prozent der Kinder und Jugendlichen ab zehn Jahren wurde sie gestellt. Fast neun Prozent der Mädchen im Alter von 16 Jahren waren diagnostiziert depressiv. „Ein Drittel bekam Medikamente verschrieben“, sagte Witte. Im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten lag die Zahl der Depressionsfälle in Berlin um zehn Prozent höher.

Witte sieht einen Zusammenhang zwischen Adipositas, also Fettleibigkeit, und Depressionen. 3,5 Prozent aller Kinder waren diagnostiziert übergewichtig – bei 12- bis 13-Jährigen sechs Prozent. Bei ihnen ist die Wahrscheinlichkeit depressiv zu werden bis zu dreifach höher.

Verbindung zwischen dem Bildungsgrad der Eltern und den Krankheiten der Kinder

Ein unerwartetes Ergebnis war für Witte, dass Rückenschmerzen schon bei Kindern weit verbreitet sind. Fünf Prozent der Jungen und 7,4 Prozent der Mädchen ab 12 Jahren wurden wenigstens einmal deshalb ärztlich behandelt.

Jugendliche entwickeln häufiger psychische und Verhaltensstörungen durch den Missbrauch von Tabak, Alkohol oder anderen Substanzen als im Bundesschnitt. Besonders bei Tabak war der Unterschied groß: Die Studie zeigte hier eine Differenz zum Bund von 64 Prozent. Bei Alkohol lag sie bei neun Prozent, bei anderen Substanzen bei 53 Prozent.

Die Studie stellte zudem eine Verbindung zwischen dem Bildungsgrad der Eltern und den Krankheiten der Kinder her. Kinder von Eltern ohne Ausbildungsabschluss hatten vielfach öfter Karies als Kinder von Eltern mit hohem Abschluss. Das gleiche galt für Adipositas. Auch eine Erkrankung der Eltern führte zur erhöhten Wahrscheinlichkeit fürs Kind, krank zu werden. Das wies die Studie ebenfalls für Adipositas und Karies nach – zwei Krankheiten, die vor allem verhaltensbedingt sind.

In Berlin bekommen Kinder häufiger Viruserkrankungen

Neun von zehn Kindern waren 2016 wenigstens einmal beim Arzt oder im Klinikum. Die häufigsten Ursachen: Atemwegerkrankungen (59 Prozent), Infektionskrankheiten wie Keuchhusten, Virusinfektionen oder Windpocken (43 Prozent), psychische Erkrankungen (27 Prozent).

Im Vergleich zu anderen Großstädten wurden Kinder in Berlin häufiger wegen Viruskrankheiten, grippalen Infekten oder einer Neurodermitis behandelt. Seltener kamen Behandlungen vor zur Korrektur einer Kurz- und Weitsichtigkeit oder wegen Heuschnupfens, Allergien oder einer akuten Bronchitis.

Durchschnittskosten eines Krankenhausaufenthalts: 3350 Euro

Die Gesundheitskosten, die Kinder und Jugendliche aus Berlin der DAK verursachten, lagen unter denen des Bundesdurchschnitts: 808 Euro in Berlin versus 939 Euro im Bund. 5,4 Prozent der Kinder wurden ins Krankenhaus eingewiesen (im Bundesgebiet: sieben Prozent). Die Durchschnittskosten eines Krankenhausaufenthalts lagen bei 3350 Euro.

Der Direktor der Klinik für Pädiatrie der Charité, Philip Bufler, zeigte sich von den Ergebnissen überrascht. „Sie zeigen, wie relevant das Thema der chronischen Erkrankungen ist und dass wir diesen Kindern gerecht werden müssen – und zwar in allen Bereichen.“ Neben der medizinischen Versorgung sei auch der psychosoziale Bereich wesentlich, also die Unterstützung durch soziale und therapeutische Beratung.

Den Zusammenhang zwischen Bildungsabschluss und Kindergesundheit beziehungsweise Eltern- und Kindesgesundheit nannte er dramatisch. „Hieran muss man arbeiten und mehr Chancengleichheit schaffen.“