Berlin-Mitte - Mit 18 Jahren ist Schluss. Kein Hurra-ich-bin-volljährig, kein Mir-gehört-die-Welt, sondern der Sturz ins Kalte. So empfinden Jahr für Jahr Tausende junge Leute den Übergang ins Erwachsenendasein. Etwa 150.000 Kinder und Jugendliche leben hierzulande in Pflegefamilien, Heimen oder Wohngruppen. Nimmt man die Teilzeit-Betreuungen hinzu, erhöht sich diese Zahl erheblich.

Ein Kindheitshimmel bleibt ohnehin vielen von ihnen verwehrt. Dann schlägt es 18, die Pflegefamilie erhält kein Geld mehr für die Betreuung. Sie muss aber zum Beispiel das neue Dach abbezahlen, setzt umgehend ihr großes Pflegekind vor die Türe und nimmt ein jüngeres. Klingt krass, ist aber nicht ausgedacht.

Das Problem ist groß, aber in der Öffentlichkeit wenig präsent. Der Begriff, der es beschreibt, erleichtert den Zugang nicht: Man nennt die jungen Leute Careleaver. Soll sagen: Sie verlassen (leave) die Betreuung (Care) und stehen vor einem Berg von Problemen. Von nun an sind sie für ihre leiblichen Eltern zuständig, zu denen sie meist keine Beziehung haben. Wenn sie arbeiten, müssen sie 75 Prozent ihres Gehaltes an den Staat abgeben, weil dieser jahrelang „Auslagen“ für sie hatte. Geld aus den Sozialsystemen steht ihnen zu, muss aber mit unendlich vielen Papieren beantragt werden und bis zur ersten Auszahlung dauert es in der Regel ein halbes Jahr. Ausgerechnet in dieser Situation sind sie allein.

Eine Familie auf Dauer für Pflegekinder

In Berlin wird sich das ändern. Wie und wo, das kann man jetzt schon sehen. Im alten Klosterviertel, zwischen der ehrwürdigen Ruine der Franziskanerklosterkirche und den Resten der ersten Berliner Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert, steht der Rohbau des Hauses, das künftig solchen jungen Leuten Schutz, Menschlichkeit und Hilfe beim Übergang in ein selbstständiges Leben bieten soll. Ungewöhnlich wie der Ort sind auch die Eltern des Projektes: Susanne Litzel und Friedrich Loock.

Das Ehepaar, er Kaufmann, Kulturmanager und -wissenschaftler mit Professur in Hamburg, sie Unternehmerin, lebt selbst mit drei Pflegekindern in Berlin. Die Jüngste ist 14, der Älteste 20. Sie sind keine „Durchgangsfamilie“, sondern eine auf Dauer, sagt Friedrich Loock. Das Ehepaar kennt also die Probleme von Pflegekindern aus eigener Erfahrung. Eines haben sie nach langen Mühen adoptiert, im zweiten Fall verschleppen die Behörden das Verfahren. Loock nennt die hiesige Adoptionspraxis „abschreckend“.

Foto: Volkmar Otto
Prof. Dr. Friedrich Loock auf der Baustelle. Er und seine Frau Dr. Susanne Litzel finanzieren das Haus privat – und hoffen auf Spenden.

Das Ehepaar hat 2014 die gemeinnützige GmbH gegründet, die das neue Jugendhilfe-Haus betreiben wird, ehrenamtlich und unentgeltlich. Emmi-Luebeskind-Haus soll es heißen, ein Fantasiename, zusammengesetzt aus Buchstaben der Namen ihrer Kinder. Ohne jeglichen staatlichen Zuschuss haben sie mit privaten Mitteln das Grundstück gekauft und das Haus gebaut – mithilfe von Spenden. Die werden auch gebraucht, wenn das Haus eröffnet sein wird, zum Beispiel in Form von „Patenschaften“ für Careleaver-Wohnungen, damit die jungen Leute unentgeltlich im Haus wohnen können. „Hoffentlich Ende des Jahres wird es soweit sein“, sagt Friedrich Loock beim Baustellenrundgang. Das Richtfest steht nächste Woche an. Man freut sich, dass Ephraim Gothe, SPD-Baustadtrat von Mitte, dabei sein wird. „Er hat das Projekt auch in schwierigen Zeiten unterstützt“, sagt Friedrich Loock dankbar.

Das Gebäude betritt man von der Waisenstraße, was sehr passend ist, schließlich sind unter den künftigen Nutzern auch viele Waisen. In einem Teil des Gebäudes werden zwei große Räume Platz für Begegnungen und Veranstaltungen bieten. „Wir wollen einen Ort schaffen, an dem die jungen Leute zu jeder Zeit weitere Careleaver treffen, sich Rat und gute Tipps holen, Bibliotheken und PC nutzen, eigene Fähigkeiten erfahren, sich weiterbilden, persönliche Dinge deponieren, Wäsche waschen, Ruhe finden können“, sagt Friedrich Loock. Etwa tausend Jugendliche verlassen in Berlin jährlich ihre Pflegefamilien, zehn bis 15 Prozent sind nach zaghaften Schätzungen keine Selbstläufer. „Die brauchen Unterstützung“, sagt Loock.

Zimmer für den Übergang

Im anderen Gebäudeteil, dem „Turm“, liegen Büros und oben 16 kleine Zimmer, in denen die jungen Erwachsenen in der Regel drei Monate kostenfrei, aber selbstständig wohnen und ihr neues Leben unter sicheren Umständen organisieren können. Fest steht: Schöner geht es nicht in Mitte mit Blick auf Bäume, die 800 Jahre alten Klosterreste, den Fernsehturm, auf das imposante Amtsgericht an der Littenstraße oder den Turm der Parochialkirche mit seinem Glockenspiel.

Mittendrin, so sollte es nach dem Wunsch der Hausstifter sein. Die jungen Leute sollten nicht wieder an den sprichwörtlichen Rand abgeschoben werden. Mitten in Mitte macht das Haus durch seine bloße Existenz auf das Problem aufmerksam – zumal in Sichtweite des Roten Rathauses.

An diesen exquisiten Ort hätte auch ein Investor eine dekadente Villa hinsetzen können. Dass es trotz der Bestlage nicht so kam, liegt auch an einer Fernwärmeleitung, deren Riesenrohre quer über das Grundstück laufen und nun einen Teil des Kellers im neuen Haus beanspruchen. Nach der Wende war das Grundstück an den Altbesitzer restituiert und seither mehrfach verkauft worden, bis schließlich Loock und Litzel darauf aufmerksam wurden. Sie erwarben das Komplettpaket samt bestehendem Baurecht und dem Architekturentwurf aus dem Büro Klaus Theo Brenner – sie konnten nichts beeinflussen. So entsteht jetzt ein Gebäude, das zwar klein genug ist, um die Kirche nicht zu erschlagen, aber in seiner legohaften Würfel-Schlichtheit so gar keine reizvollen Beziehungen zum Umfeld bietet.

Denkmalschutz übergangen

Schwieriger noch: Die Denkmalschützer schlugen Alarm. Der Landesdenkmalrat reagierte 2017 mit „Bestürzung“ auf das Projekt und sprach von „kaum mehr korrigierbarer Beeinträchtigungen des für Berlin einzigartigen historischen Ortes“ und empfahl dem Land Berlin, das Grundstück zu übernehmen und dem Bezirksamt Mitte, ein anderes Grundstück zu suchen.

Das Landesdenkmalamt lehnte den Bau ab. Die Obere Denkmalbehörde beim Kultursenator teilte am 22. Mai 2018 dem Bezirksamt Mitte mit: „Gegen den Bauantrag bestehen aus denkmalrechtlicher und denkmalfachlicher Sicht erhebliche Bedenken“ und beklagte die „mangelhafte Einbeziehung beziehungsweise Ausgrenzung der Denkmalpflege in entscheidungsrelevanten Projektentwicklungsphasen“. Und: „Dem Bauantrag wird denkmalrechtlich nicht zugestimmt.“

Gregor Hitzfeld, Justiziar im Landesdenkmalamt, nahm zur Kenntnis, dass trotz dieser eigentlich bindenden Entscheidung der Bezirk Mitte das Vorhaben dennoch genehmigte. Die Senatsverwaltung für Kultur und Europa hat es dabei bewenden lassen.

Bau blockiert Streifen des ältesten Berlin

Michael Malliaris, Archäologe des Landesdenkmalamtes, bedauert noch heute, dass das Landesdenkmalamt seine starken Bedenken nicht durchsetzen konnte, sodass der Bezirk eine Baugenehmigung erteilt habe: „Immerhin fanden wir bei der archäologischen Untersuchung neben frühneuzeitlichen Fundamentresten auch Spuren des mittelalterlichen Befestigungswalls des 13. Jahrhunderts.“ Ihn stört vor allem, dass „dieser Bau den freien Streifen im ältesten Berlin blockiert“. Zur Einordnung und zum Nachvollzug des weiteren Verlaufs der unmittelbar benachbarten mittelalterlichen Stadtmauer hätte er den Streifen gerne weiterhin frei beziehungsweise angemessen begrünt gesehen. Wie auch immer, das Bezirksamt Mitte hat sich über die Bedenken hinweggesetzt.

Friedrich Loock wäre mit einem Tauschgrundstück einverstanden gewesen, aber es gab immer nur vage Andeutungen, es gebe mal was im künftigen Molkenmarktviertel oder an der Breiten Straße. Eher Ideen als Vorschläge, keine praktikablen Alternativen. 

Der Stadthistoriker Benedikt Goebel vom Bürgerforum Berlin begrüßt den Neubau ausdrücklich: „Er zeigt auf, was für wunderbare Nutzungen Einzug in die Berliner Mitte halten, wenn vom Senat privaten Bauherren – nicht Investoren! – kleine Grundstücke zugestanden werden.“