Es gibt bekannte Erziehungsratgeber, den dänischen Familientherapeut Jesper Juul zum Beispiel oder den Schweizer Kinderarzt Remo Largo. Weniger bekannt ist die pädagogische Arbeit der Berliner Ämter. Es handelt sich um ein geheimes Programm zur Erziehung der Eltern, das Berliner Bildungsprogramm.

Das Training beginnt harmlos, man denkt, man stellt nach der Geburt einen Antrag zur finanziellen Unterstützung bei der Elterngeldstelle, aber schon ist man mittendrin. Die Elterngeld-Anträge sind so entworfen, dass sie maximale Aufmerksamkeit verlangen, mit Formularen, die „Anlage E +“ heißen. Sie sollen die Mütter und Väter, nach der Geburt oft emotional überwältigt, wohl in das gesellschaftliche Leben zurückführen.

"Aus dem Leben wurde Amt"

Leben und Amt tauschten die Plätze, aus dem Leben wurde Amt, und aus dem Amt wurde Leben. Das schrieb einst Franz Kafka als einen Vorgriff auf die Erfindung des Elterngeldes. Mit ein bisschen Mühe kommt man beim Ausfüllen der Formulare im Wochenbett in Schwung. Wenn man das Wort „Einkommensersatzleistungen“ zwanzig Mal still aufsagt, klappt das mit dem Milcheinschuss gleich besser.

Ich sammelte Papiere, Belege, Formulare. 52 Seiten schickte ich dem Amt, fast ein kleines Buch. Nach zwei Wochen erhielt ich einen Brief, in dem Unterlagen nachgefordert wurden. Darunter waren einige Papiere, die ich bereits gesendet hatte. Das Amt hatte eine Nummer, die man zwei Mal pro Woche für jeweils eine Stunde anrufen konnte. Leider war dann immer besetzt.

Ich marschierte die Wohnung auf und ab, das Telefon in der einen Hand, das Baby in der anderen, die Zeit tickte, bald würde die Sprechstunde vorüber sein. War ich gestresst? Unsinn. Ich genoss das, und mit jedem Anruf würde ich ruhiger werden, gelassener. Das Kind war wenig beeindruckt und bekam Hunger.

So macht das die Kanzlerin doch auch

Schließlich nahm jemand ab. Ich trug mein Anliegen vor, wartete auf eine Antwort. Die Sachbearbeiterin schimpfte zärtlich und bat, alles noch einmal zu schicken.

Beim ersten Kind hat die Bearbeitung des Elterngeld-Antrages sechzehn Wochen gedauert, das heißt, wir haben vier Monate auf das Geld gewartet und lebten in der Zeit von Ersparnissen. Hinter der langen Wartezeit steckte nicht etwas Behördenversagen, sondern eine Lektion: Wenn man auf das Elterngeld angewiesen ist, sollte man rechtzeitig anfangen, etwas zurückzulegen. Und wer das nicht kann, sollte vielleicht mit dem Kinderkriegen warten, bis er ordentlich verdient.

Nicht überall werden Eltern so energisch trainiert

Manch einer mag das zynisch oder sogar skandalös – aber er hat das Berliner Eltern-Bildungs-Programm verstanden. Man soll vorausschauendes Denken lernen, die Dinge vom Ende her denken, so macht das die Kanzlerin doch auch. Irgendwann, wenn die Kinder größer werden, braucht man sowieso einen Kopf wie ein Manager, Termine für Klassenausflüge, Arztbesuche, Wettkämpfe, Gitarrenunterricht. Die Finanzplanung während der Elternzeit ist da nur der Anfang.

Beim zweiten Kind dauerte es bei uns bis zur Bewilligung des Elterngeldes nur acht Wochen, wir hatten sogar noch Geld übrig. Danke, liebes Amt.
Nicht in allen Städten wird das Eltern-Training so energisch vorangetrieben. In Hannover und Weimar dauert beispielsweise die Bearbeitung der Anträge angeblich nur eine Woche. Die armen Eltern.