„Kontrollierte und angekündigte Abschaltung der Versorgung im Wechselmodus“

Wie kommen die Berliner gut durch die Energiekrise und im schlimmsten Fall durch einen Versorgungskollaps? Ein Krisenforscher gibt Antworten.

Stromversorgung (Symbolbild)
Stromversorgung (Symbolbild)imago/Christian Ohde

Notfallpläne der Berliner Polizei für den Zusammenbruch der Strom- und Wärmeversorgung ließen Mitte September aufhorchen. Der Berliner Senat hält einen Kollaps der Netze als Folge der Energiekrise zwar für unwahrscheinlich, aber nicht für ausgeschlossen. Frank Roselieb, Leiter des Instituts Krisennavigator für Krisenforschung in Kiel, hat sich jahrelang mit Blackout-Szenarien beschäftigt. Sie galten bis vor wenigen Monaten noch den meisten als Stoff für düstere Science-Fiction. Der Experte erklärt, worauf Menschen in Berlin sich einstellen sollten und was jeder tun kann, um gewappnet zu sein.

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Krisennavigator
Krisenforscher
Frank Roselieb
ist seit 1998 geschäftsführender
Direktor des Kieler Instituts für Krisenforschung Krisennavigator. Roselieb ist Mitglied in Krisen- und Katastrophenstäben und wurde nach der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 Sachverständiger im Untersuchungsausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags in Mainz. Der Experte hat Landesregierungen, Rettungsorganisationen, Unternehmen
und Verbände beim Aufbau und Betrieb ihrer Krisen- und Katastrophenmanagementsysteme beraten und unterstützt.

Herr Roselieb, die Berliner Polizei bereitet sich auf Energieknappheit und sogar auf einen Blackout vor. Was droht der öffentlichen Ordnung in Berlin bei einer Verknappung oder gar einem Ausfall von Strom oder Heizung?

Die Berliner Polizei hat in ihren Plänen drei Stufen benannt, von denen die erste, die Verteuerung von Strom und Gas, bereits eingetreten ist. Die Polizei rechnet mit vermehrten Demonstrationen. Die zweite Phase ist eine kontrollierte und angekündigte Abschaltung der Versorgung im Wechselmodus. In Berlin würden die Bezirke dann im Rotationsprinzip nur für bestimmte Stunden mit Strom versorgt werden. Das hat es bisher noch nie längerfristig in Deutschland gegeben.

Wie würden die Menschen darauf reagieren?

Die Unzufriedenheit dürfte größer werden. Aber dann hätten alle noch Strom und Wärme, wenn auch eingeschränkt. Ich erwarte bei einer geplanten und angekündigten Abschaltung kein wirkliches Chaos.

Blackout bleibt unwahrscheinlich

Die Berliner Polizei bereitet sich auch auf den völligen Kollaps der Netze vor. Wie wahrscheinlich ist das?

Unter den aktuellen Bedingungen ist das nicht wirklich zu erwarten. Für ein solches Szenario müsste etwas bei den geplanten Abschaltungen komplett schiefgehen. Die von vielen gekauften Heizlüfter könnten möglicherweise zum Problem werden. Kommen noch weitere Unwägbarkeiten hinzu, könnte es im schlimmsten Fall zu einem Zusammenbruch der Stromversorgung in weiten Teilen Europas kommen. Wenn dieser länger anhält, dann gilt die Gleichung Blackout gleich Bürgerkrieg.

Dann gilt die Gleichung Blackout gleich Bürgerkrieg.

Frank Roselieb, Krisenforscher

Das klingt nach Dystopie.

Es ist natürlich eine überspitzte Formulierung. Ich erinnere an die Folgen des Hurrikans „Katrina“ 2005 in den USA. Mehr als eine Million Menschen waren ohne Strom. Bewaffnete Banden haben Krankenhäuser und Supermärkte überfallen, um Vorräte zu rauben.

Öffentliche Wut gab es auch in der Pandemie

Nun sind die USA ein Land mit vielen sozialen Gegensätzen und viele Amerikaner besitzen Waffen. Sind die Bundesbürger nicht eigentlich besonnen?

Für die große Mehrheit mag das zutreffen. Es gab in Deutschland in der Pandemie aber heftige Reaktionen auf die Maskenpflicht und die Impfkampagne. Die Regierung versucht derzeit, mit sozialpolitischen Maßnahmen dem Eindruck entgegenzuwirken, dass der Staat versagt. Hilfsgelder allein nützen für die Dauer eines Blackouts aber herzlich wenig. Das Einzige, was dann hilft, ist das schnelle Wiederhochfahren der Systeme.

Warum könnte eine Minderheit die Nerven verlieren?

Wir leben in einem Land, in dem die Menschen erwarten, dass ihre Bedürfnisse stets erfüllt werden. Es kommt einem totalen Kontrollverlust gleich, wenn plötzlich kein fließendes Wasser mehr da ist, Supermärkte schließen müssen und gewohnte Informationsflüsse abreißen. Das ist eine extreme Situation, die schnell zu Panik führen kann.

Das ist eine extreme Situation.

Frank Roselieb, Krisenforscher

Städte verfügen über mehr Notbrunnen

Wäre das Chaos in Berlin schlimmer als anderswo?

In Städten ist die Versorgung mit Trinkwasser über Notbrunnen meistens besser organisiert. Auf dem Land haben die Menschen dafür eher einen Vorratskeller parat.

Was können die Behörden tun, damit die Bürger ihnen in einem solchen Ausnahmezustand vertrauen?

Der Katastrophenschutz ist in Deutschland auf Kreisebene organisiert. In Berlin wären also im Kern die Bezirksämter gemeinsam mit der Senatsverwaltung zuständig. Hier gilt es, Panik zu vermeiden, aber gleichzeitig Entschlossenheit zu zeigen. Es muss deutlich werden, dass Politik und Behörden in Szenarien denken und bei Bedarf flexibel reagieren können.

Bundeswehr könnte eingesetzt werden

Dann hat die Berliner Polizei mit ihren Einsatzplänen ja alles richtig gemacht. Was wäre im Ernstfall besonders wichtig? 

Im Blackout-Fall sollten Sicherheitsbehörden wie die Polizei ansprechbar bleiben. Problematisch wird es nach etwa 72 Stunden. Dann gehen in der Regel die Akkus im Behördenfunk zur Neige. Für die Bürger werden daher nach etwa 48 Stunden zentrale Anlaufstellen auf den Marktplätzen und an zentralen Orten eingerichtet. Dort wären auch die Polizei und Rettungskräfte präsent.

Es ist nun immer wieder von Resilienz die Rede, also der psychischen Widerstandskraft, als Mittel gegen die Krise. Ist der Umgang mit Knappheit oder einem Netzausfall am Ende eine Frage der Einstellung? 

Die Resilienz allein hilft wenig. Sie beschreibt eigentlich nur die eigenen Stehaufmännchen-Qualitäten. Man gibt also nicht so schnell auf. Entscheidend ist aber der Vierklang aus Resilienz, Redundanz, Reaktanz und Robustheit.

Grundvertrauen in den Staat hilft

Was verbirgt sich hinter diesen Begriffen?

Erst die Redundanz führt dazu, dass sich die Menschen nach alternativen Wegen zum Ziel umsehen, also etwa das batteriebetriebene Autoradio anstelle des Smartphones im Krisenfall nutzen, um sich zu informieren. Die Reaktanz sorgt dafür, dass die Menschen nicht die Orientierung verlieren, sondern zum Ausgangszustand vor der Krise zurückkehren möchten. Die Robustheit hilft schließlich, die Grenzen der eigenen Leidensfähigkeit deutlich zu verschieben. Auch 15 Grad im Wohnzimmer statt 22 Grad erscheinen dann erträglich.

Die Menschen auf ihre eigenen psychischen Ressourcen zu verweisen, klingt darwinistisch. Nur der mental Starke überlebt.

Eine Mischung aus solidem Grundvertrauen in den Staat und einer Portion Eigenvorsorge mit Augenmaß hilft schon viel. Einerseits haben uns die Demokratie und Marktwirtschaft auch durch andere Krisen recht gut geführt. Andererseits braucht der staatliche Bevölkerungsschutz im Katastrophenfall etwas Zeit, um auf Touren zu kommen. Daher kann eine maßvolle Eigenvorsorge für die ersten acht bis zehn Tage nicht schaden. Hand in Hand müsste die Krisenbewältigung auch bei einem länger andauernden Blackout oder einer angekündigten Abschaltung wegen einer Mangellage dann ganz gut klappen.