Darf ich meiner Tochter ein Tattoo verbieten?

Der Berliner Rechtsanwalt Ehssan Khazaeli beantwortet eine Frage aus dem Alltag. Heute: Gibt es eine rechtliche Handhabe, um eine Tätowierung zu verhindern?

Kann man das eigene Kind rechtlich von einer dauerhaften Tätowierung abhalten?
Kann man das eigene Kind rechtlich von einer dauerhaften Tätowierung abhalten?imago/Hans Lucas

Sarah D., 44 Jahre: Meine Tochter ist jetzt 16 Jahre alt und möchte sich den Namen ihres Freundes tätowieren lassen. Die beiden sind jetzt seit einem Jahr zusammen. Ich möchte das nicht. Gibt es eine rechtliche Handhabe, um ihr das zu verbieten?

Liebe Sarah D., Teenager können sich manchmal echt was in den Kopf setzen. Menschlich würde ich ihr sagen, dass das eine blöde Idee ist. Juristisch lässt sich die Frage nicht so einfach beantworten, weil sie zwei verschiedene Aspekte berührt. Strafrechtlich stellt sich die Frage, ob sich etwa der Tätowierer strafbar macht, wenn er Ihrer Tochter das Tattoo sticht; zivilrechtlich geht es darum, ob Ihre Tochter einen wirksamen Vertrag über die Tätowierung abschließen kann.

Eine Tätowierung stellt immer eine Körperverletzung im Sinne von Paragraf 223 des Strafgesetzbuchs (StGB) dar. In diese Verletzung kann aber nach § 228 StGB eingewilligt werden. Die Frage ist, wer die Einwilligung erteilen kann. Dazu kommt es auf Einwilligungsfähigkeit und -berechtigung an. Generell ist allein Ihre Tochter für die Einwilligung verantwortlich. Ihnen als Erziehungsberechtigter steht aber eventuell ein Vetorecht zu, das sich aus der elterlichen Sorge ergibt. Nach Paragraf 1626 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) haben Eltern nämlich die Pflicht und das Recht, für ihr minderjähriges Kind zu sorgen. Dies umfasst sowohl die Sorge für die Person als auch das Vermögen des Kindes. Ein Vetorecht steht Ihnen dann zu, wenn Ihre Tochter die Bedeutung und Tragweite des vorzunehmenden Eingriffs in seinem Für und Wider nicht hinreichend beurteilen kann. In diesem Fall wäre Ihre Tochter grundsätzlich nicht in der Lage, in die Tätowierung selbst einzuwilligen.

Bei Tattoos spielen die Schwere des Eingriffs und seine möglichen späteren sozialen Auswirkungen eine entscheidende Rolle zur Beurteilung der Einwilligungsfähigkeit eines Kindes. Insbesondere ist auch ein Blick auf die Persönlichkeitsentwicklung Ihrer Tochter wichtig. Das bedeutet, je kleiner und neutraler ein Tattoo ist, umso eher wird Ihre Tochter selbst, ohne Sie vorher fragen zu müssen, einwilligen können. Lässt sie sich ein Tattoo etwa sehr klein und unauffällig stechen – vielleicht noch an einer Körperstelle, die nicht unbedingt gesehen werden kann –, könnte sie selbst einwilligen. Je größer und auffälliger das Tattoo wird, umso eher dürfte anzunehmen sein, dass Sie zustimmen müssen. Da sie sich einen Namen stechen lassen will, wird man eher davon ausgehen müssen, dass es Ihrer Einwilligung bedarf, egal wie groß das Tattoo wird. Ein Name ist sicherlich anders zu behandeln als eine kleine Blume.

Mein Rat ist, führen Sie nochmal ein ernsthaftes Gespräch mit Ihrer Tochter

Die zivilrechtliche Komponente ist dagegen recht einfach: Es stellt sich nur die Frage, ob Ihre Tochter wirksam einen Vertrag schließen kann. Solange sie die Mittel dafür aus ihrem Taschengeld aufbringen kann, braucht sie Ihre Zustimmung nicht. Der als Taschengeldparagraf bezeichnete Paragraf 110 des BGB besagt nämlich nicht, dass das Kind Anspruch auf Taschengeld hat, sondern nur, dass Verträge, die ein Kind mit seinem Taschengeld bezahlen kann, wirksam sind.

Mein Rat ist, führen Sie nochmal ein ernsthaftes Gespräch mit Ihrer Tochter und führen Sie ihr vor Augen, dass sie möglicherweise ihr Leben lang an das Tattoo gebunden wäre. Vielleicht überzeugen Sie sie davon, sich erst zum fünfjährigen Jubiläum der Beziehung oder nach einer Verlobung den Namen stechen zu lassen. Vielleicht denkt sie bis dahin auch schon anders darüber.