Der Rosenmontagsumzug zum Karneval in Köln. 
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BerlinSeit Donnerstag ist alles vorbei. Für mich hier in Berlin wird das nicht so schlimm, aber es gibt viele Leute, besonders im Westteil des Landes, die am Aschermittwoch traurig ihre Kostüme weghängen und mit dem Fasten beginnen – von der Ausschweifung in die Askese. Schon ein Bruch. In den Fernsehsendern, die Prunksitzungen aus Saarbrücken, Flörsheim, Cottbus, aus Köln, Frankenthal, Veitshöchheim, Mombach, aus Münster und anderswo übertrugen, gibt es auf lange Sicht kein Dadaa! Dadaa! Dadaa! mehr.

Ich sah in einer Satiresendung einen Mann, der sich mit Wucht an die Stirn klatschte: Er konnte es nicht fassen, dass Menschen solche Bühnenprogramme gut finden. Auf Instagram schrieb ein Publizist und Filmemacher: „Die bekloppten Kölner lassen wegen ihres beschissenen Karneval sogar ihre bekackten Waschsalons geschlossen, was man natürlich erst erfährt, wenn man mit der fucking Wäschetasche quer durch die dämliche Stadt gefahren ist, in einer U-Bahn voller Besoffener.“

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Einige Bekannte halten Karnevalsfeiern für unbegreifliche Ausrutscher in die Anspruchslosigkeit. Aber die Büttenrede von Andreas Schmitt in Mainz gegen Rechtsextremismus wurde im Netz Zehntausende Male geteilt und steht in der ZDF-Mediathek. Und überhaupt – warum regen sich manche so auf? Karneval gibt es mindestens seit dem Mittelalter. Alkohol und Gruppenbildung gehörten immer dazu. Karneval ist Narrenzeit.

Berliner haben mit Karneval wenig am Hut 

Leute tragen Kostüme und Perücken, malen sich an und gehen aus dem Haus. In großen Sälen sitzen sie an langen Tischen mit anderen Narren. Es gibt ein Programm mit Spott, Gesang und Tanz. Die Feiernden trinken und lachen. Oder sie stehen bei kaltem Wetter eng zusammen auf den Straßen und beklatschen die politischen und anzüglichen Mottos derber Umzüge. Was ist so schlimm daran? Muss man immer auf hohem Niveau lachen? Ich könnte das nicht.

Ich sah im Fernsehen einige dieser Veranstaltungen und bin ein bisschen neidisch. Wann war ich zum letzten Mal unter vielen Menschen, die alle gute Laune hatten? 2006 während der Fußball-WM? Berliner haben mit Karneval wenig am Hut. Er heißt hier Fasching. Karneval klingt in meinen Ohren eleganter, ich denke auch an die optische Überwältigung bei den Feiern in Venedig, in Rio. Filme, die während des Karnevals spielen, wie „Spectre“, „Orfeo Negro“ oder „Kinder des Olymp“ besitzen durch diese Kostüme und Masken in den Szenen etwas Magisches, sehr Eigenes.

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Mich bedrückt nur eine persönliche Erinnerung. Während meiner Studienzeit lief diese Fernsehwerbung für Zahncreme: Eine Person in einem engen, schwarzen Dress, durch Kapuze und Maske unerkennbar, schleicht Fremden hinterher und schmiegt sich an. Auf ihrer Brust steht in weißen Buchstaben „Karies“. So unbedacht hatte ich mich kostümiert. Man flüchtete vor mir, und kein einziger Mann nahm die damals übliche Kussfreiheit in Anspruch.

Die Kita in meiner Straße veranstaltete vor ein paar Tagen Fasching für die Kleinen. Ein Vater brachte seinen Sohn mit dem Fahrrad. Er hatte ihm das Gesicht bemalt, und das Kind durfte das Gesicht des Vaters bemalen. Es hatte dick aufgetragen. Hoffentlich kam der Vater danach gut durch die Stadt. Regine Sylvester liest am 1. April 2020 aus ihren Kolumnen. Pfefferberg Theater, 20 Uhr