An den Klamauk vor dem Brandenburger Tor hat man sich gewöhnt. Männer in Uniform der DDR-Grenzpolizei verteilen Karten mit Visa-Stempeln und kassieren dafür drei Euro. Dann taucht auf dem Pariser Platz Mickey Mouse auf und wird von einer Touristengruppe in die Mitte genommen. Fotoapparate werden gezückt – das Brandenburger Tor dient vielen als Kulisse für ein nettes Berlin-Foto.

An diesem Wochenende aber ist alles anders. Charlie und Charlie – als US-Soldat und DDR-Volkspolizist uniformiert – nehmen am Sonnabend wie immer ihren Platz auf der gepflasterten Mittelpromenade ein. Sie beginnen ihre Show, schwenken Fahnen und posieren für die Touris. Doch dieses Mal werden sie von einer echten Polizeistreife beobachtet, die sich das Schauspiel nur kurz ansieht. Die Polizisten gehen zu den Darstellern und erklären ihnen, dass ihr Schauspiel verboten ist. „Verlassen Sie den Pariser Platz, um Auseinandersetzungen zu vermeiden.“ Das Ordnungsamt werde jetzt regelmäßig kontrollieren.

Denn der Bezirk Mitte duldet das Touristenspektakel nicht länger. In der vergangenen Woche hat er beschlossen, dass die verkleideten Straßenkünstler wie Soldaten und „lebende Statuen“ am Brandenburger Tor kein Geld mehr verdienen dürfen, er hat ihre Auftritte sowie das Sammeln von Spenden verboten. Begründung: Die Darsteller seien keine Künstler, sondern inszenieren sich und lassen sich für die Fotos bezahlen. Die Auftritte seien damit ein Gewerbe. Derartige Nutzungen sind in der historischen Innenstadt schon seit den 1990er-Jahren grundsätzlich nicht gestattet.

Nur gute Berlin-Bilder

Mittes Baustadtrat Carsten Spallek (CDU) betont: „Mit dem Beschluss haben wir eine stärkere Position, gegen die gewerbliche Nutzung vorzugehen.“ Er kündigt Schwerpunktkontrollen zu Ostern an, wenn besonders viele Touristen in der Stadt sind. Auch die Berlin-Werber von Visit Berlin unterstützen das Vorgehen des Bezirks, weil sie lieber gute Bilder etwa von Silvesterpartys und Marathon-Rekorden in die Welt schicken wollen. „Wir brauchen weder Darth Vader noch Mickey Mouse am Brandenburger Tor“, sagt Burkhard Kieker, der Geschäftsführer der Marketinggesellschaft.

Als eine der ersten sehen sich nun Charlie und Charlie der Staatsmacht gegenüber. Sie fügen sich, aber nur unter lautem Protest. „Ich nehme kein Geld. Picture for free“, ruft der vermeintliche US-Soldat über den Platz. Verständnis für das Verbot hat er keins. „In der ganzen Welt gibt es Plätze, auf denen Straßenkünstler stehen. Das ist für uns Spaß.“ Schließlich hätten die Uniformen und die Fahnen auch etwas mit dem Pariser Platz und mit der Mauergeschichte zu tun. Auf Podeste habe man nach Intervention des Ordnungsamtes schon verzichtet. Auch die Fahnen stelle man nicht mehr auf dem Pflaster, sondern auf den Schuhen ab. Und was ist mit dem Vorwurf, sie würden Geld mit ihrem Schauspiel verdienen? „Wir fordern kein Geld. Wenn uns die Touristen etwas geben oder einen Kaffee spendieren, dann nehmen wir das an“, sagt der als Vopo Verkleidete.

Erstaunlich ruhig ist es nun auf dem Pariser Platz. Drei Greenpeace-Aktivisten entrollen ein Transparent „Kohlestrom gefährdet unsere Gesundheit“ und nehmen das auf Video auf. Pferdekutschen umkreisen das Rondell am Tor. Lauter wird es nur, als ein Bierbike anrollt und die Männer, die sich als Rocker kostümiert haben, kurz von ihren Polstersitzen absteigen, um ein Gruppenfoto zu machen. Auch Bierbikes sind am Brandenburger Tor eigentlich verboten, doch in diesem Moment ist die Polizei nicht da.

Verunsichert durch die Kontrollen haben sich die Soldaten und die anderen Darsteller erst einmal zurückgezogen. Sie posieren auf dem Simsonweg im Großen Tiergarten zwischen Tor und Reichstag. Ratlos diskutieren sie, wie es weitergehen soll, wo es einen ähnlich guten Platz geben könnte. Vielleicht am Tränenpalast neben dem Bahnhof Friedrichstraße, oder am Potsdamer Platz. Ein Darsteller im silbernen Kostüm sagt: „Wir wollen nur die Leute erfreuen.“ Wenn dann einer einen Obolus gebe, sei das okay, wenn nicht, auch. „Ich mach’ das hier schon seit 15 Jahren“, sagt ein Mann im Berliner Bären-Kostüm. „Ich geh’ am Montag zum Jobcenter und beantrage Hartz IV.“ Richtig ernst meint er es wohl nicht. Auch auf dem Simsonweg werden Fotos mit ihm gemacht. „Bei mir ist es kein Problem, Touristen sind überall.“

Das Uniform-Konzept allerdings, das wissen die Schauspieler, funktioniert nur im Zusammenhang mit der Berliner Mauer, am besten am Brandenburger Tor. Gegen die Visa-Stempel-Verkäufer ist der Bezirk schon voriges Jahr vorgegangen, weil er hinter dem Geschäft „mafiöse Strukturen“ ausgemacht hatte. Mehr als 60 Kontrollen gab es. Uniformen und Bargeld wurden beschlagnahmt. Die Stempel-Verkäufer hatten weder einen Gewerbeschein noch eine Genehmigung. Gerichte haben festgestellt, dass der Verkauf eine unerlaubte Sondernutzung darstellt.

Ob das auch für die anderen Darsteller, die sich als Künstler sehen, gilt, ist juristisch umstritten. Die beiden Fahnenträger wollen sich jedenfalls vom Pariser Platz nicht ohne Widerstand vertreiben lassen. „Das ist ein öffentlicher Platz. Wir nehmen uns einen Anwalt.“