Darum bleibt Corona für Bewohner und Mitarbeiter von Pflegeheimen ein Problem

Nie waren während der Pandemie so viele Pflegekräfte mit Covid-19 krankgeschrieben. Die Einrichtungen bleiben Hotspots, sagt der Barmer-Pflegereport.

Ein Pfleger führt einen Heimbewohner über einen Gang: Viele Pflegekräfte fallen in diesem Jahr erkrankt aus.
Ein Pfleger führt einen Heimbewohner über einen Gang: Viele Pflegekräfte fallen in diesem Jahr erkrankt aus.epd/Stark

Es ist noch nicht vorbei. Corona dürfte die Gesellschaft weiter beschäftigen. Das jedenfalls ist die Botschaft, die vom Barmer-Gesundheitsreport 2022 ausgehen soll. Die Krankenkasse hat ihn am Dienstag in Berlin vorgestellt. Ein Fazit der fast 200 Seiten umfassenden Analyse: Pflegeheime müssen weiter geschützt werden; für die Bewohner sind nach wie vor besondere Vorkehrungen zu treffen, aber auch für die Beschäftigten. 

Seit 2020 und dem Beginn der Pandemie waren nie so viele Pflegekräfte mit Covid-19 arbeitsunfähig wie in diesem Jahr. Fast 40-mal so hoch lag die Zahl der Ausfälle im Juli verglichen mit dem Juli 2021. 

Heinz Rothgang sieht sich durch den Pflegereport in seiner Ansicht bestätigt, dass sich die Personalsituation so rasch wie möglich ändern muss. „Wir benötigen ein Drittel mehr Fachkräfte in den Pflegeheimen“, sagt der Professor der Universität Bremen. Mit 150.000 Vollzeitstellen beziffert Rothgang den Bedarf – unabhängig von möglichen Belastungen durch Covid-19 in der Zukunft. Die vielen Ausfälle machen lediglich die Schwachstelle im System deutlich und verlangen nach Tempo. „Das Personal ist der Engpassfaktor“, sagt Rothgang. „Wir brauchen eine bessere Personalausstattung schon jetzt.“

Zum Schutz der Heimbewohner sollte die Politik zumindest für den Pflegesektor erwägen, eine Pflicht zur Isolation von positiv auf das Virus getesteten Beschäftigten beizubehalten. Die Gefahr, dass sie Corona in eine Einrichtung tragen und für einen größeren Ausbruch sorgen könnten, sei hoch, sagt Rothgang. Eine Maskenpflicht in den Wohnräumen von Heimbewohnern hält der Bremer zwar für problematisch, in Gemeinschaftsräumen jedoch für ein gutes Mittel, um Ansteckungen zu vermeiden.

Barmer-Chef: „Corona-Konzept mit Augenmaß“

Ein „Corona-Konzept mit Augenmaß“ fordert der Barmer-Vorstandsvorsitzende Christoph Straub. Darin schließt er Impfungen ein, nicht nur für Bewohner, sondern auch für das Personal. Ob die einrichtungsbezogene Impfpflicht über den 31. Dezember hinaus verlängert werden sollte, dazu möchte der Barmer-Chef nicht öffentlich Stellung nehmen. „Über diese Frage soll der Bundestag entscheiden.“ Straub sagt allerdings: „In der ersten Welle, als es noch keine Impfungen gab, waren Pflegekräfte in Pflegeeinrichtungen überproportional von Infektionen betroffen. Durch die Impfungen wurde das stark limitiert.“ Auf Freiwilligkeit zu setzen, sei daher „auch ein möglicher Weg“.

Straub und Rothgang sagen nicht nur besondere Herausforderungen für stationäre Einrichtungen in der Zukunft voraus. „Die pflegenden Angehörigen waren in der Pandemie bisher schwer belastet“, stellt Straub fest und geht davon aus, dass dies weiterhin so ist. Rothgang sagt: „Den größten Pflegedienst in Deutschland repräsentieren immer noch die Angehörigen.“ Gut zwei Drittel werden auf diese Art versorgt. Doch zu Beginn der Pandemie sank die Zahl derer stark, die von der häuslichen Pflege in ein Heim wechselten: von jeweils mehr als 25.000 in den beiden Jahren vor Corona auf 17.000 im Mai 2020.

Das blieb auch wirtschaftlich nicht folgenlos. Freie Heimplätze sorgten bei den Trägern für weniger Einnahmen. Dagegen stiegen die Kosten, zum Beispiel für Personal und Material, zum Beispiel aber auch für Schutzkleidung oder Antigen-Schnelltests. Nach Berechnungen der Barmer blieben bis zum ersten Quartal dieses Jahres 6,4 Milliarden Euro offen. Bis Ende 2022 dürfte sich die finanzielle Lage für die Anbieter stationärer und ambulanter Pflege nicht nennenswert verbessert haben, sagt Rothgang. Darauf müsse der Bund schnell reagieren.

„Corona hat für viele den Schrecken verloren“, sagt Straub. Doch vor allem für einen Teil der Bevölkerung bleibt das Virus gefährlich. „Im Pflegeheim leben die schwächsten und besonders vulnerablen Menschen“, sagt der Barmer-Chef, und das ist dann auch die Botschaft des Pflegereports seiner Krankenkasse: „Sie benötigen weiter unseren Schutz.“