Berlin - Herrn Schmidt geht es gut. Das sagt er jedenfalls, was aber unglaubwürdig erscheint angesichts der blutunterlaufenen Tränensäcke, der fahlen Haut und der Rückenlage im Bett. Ein EKG versieht blinkend seinen Dienst hier auf der Normalstation. Der Arzt Jakob Olbrich legt Herrn Schmidt eine Atemmaske an. Herr Schmidt sagt jetzt nichts mehr.

Olbrich arbeitet am Unfallkrankenhaus Berlin (UKB), die Normalstation wurde zu Trainingszwecken im „Haus der Zukunft“ direkt neben der Klinik eingerichtet. Am Dienstag wurde es eingeweiht, Gesundheitsminister Spahn (CDU) war da und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) ebenfalls. Und eben Herr Schmidt zu Demonstrationszwecken – eine lebensechte Puppe, an der demnächst Ärzte und Pflegekräfte aus Einrichtungen der Stadt gegen Gebühr die Arbeit am Patienten üben. Schmidts Stimme kommt von einem Computer, der  hinter einseitig verspiegeltem Fensterglas steht. Der spielt auch die Pulsfrequenz des EKG ein. Im Schockraum ein paar Meter weiter den Gang entlang wird gerade eine Patientenattrappe mit abgetrenntem Unterschenkel versorgt. Stimmengewirr, die Handgriffe sitzen. Alles wird gefilmt und später ausgewertet. Auch was im Rettungswagen draußen in einer Garage geübt wird.

Oben in der ersten Etage liegt das „Smart Living and Health Center“ (SLHC), betrieben von einem gleichnamigen Verein, zu dem sich unter anderen Kliniken zusammengeschlossen haben. Pfiffig leben und gesund bleiben, vielleicht wäre das eine gute Übersetzung. Technisch topaktuell sind die Ausstellungsstücke, alles dreht sich um Digitalisierung. Direkt gegenüber hat die AOK einen Pflegestützpunkt eingerichtet. Rund 5,8 Millionen Euro kostete das Haus der Zukunft. Kräftig investiert haben die Berufsgenossenschaftlichen Kliniken, zu denen das UKB gehört. 1,4 Millionen steuerte der Bezirk Marzahn-Hellersdorf bei, 700.000 die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung.

„Sichtbarer Ausdruck eines funktionierenden Netzwerkes“, nennt es Michael Müller und rechnet vor, dass die Gesundheitswirtschaft in Berlin auf 23 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr kommt und 230.000 Menschen dafür arbeiten. Jens Spahn sagt, dass Smart Living und Health „kein Gimmick, sondern etwas ist, dass die Versorgung genauso besser macht wie Medikamente“.

Dann geht der Minister durch den Empfang ins Haus der  Zukunft, vorbei an Robert und Josi, zwei Robotern, die Formalitäten bei der Aufnahme von Patienten erledigen können. Er läuft in den ersten Stock und lässt sich erklären, was zum Beispiel ein smartes Badezimmer kann. Und was bei der Pflege als Drehtüreffekt bezeichnet wird: Wenn Patienten eine Klinik verlassen, zu Hause nicht zurechtkommen und bald wieder in einer Klinik landen.

Technische Hilfen für das Leben in der eigenen Wohnung

„Berlin hat eine alternde Gesellschaft“, sagt Christian Gräff, der Geschäftsführer des SLHC. Prognosen zufolge werden um die 800.000 Menschen im Jahr 2030 älter als 65 Jahre sein. „Wir wollen erreichen, dass sie so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben können“, sagt Gräff. Welche Hilfsmittel dazu beitragen, kann sich jeder im „Haus der Zukunft“ selbst anschauen, nach der Corona-Pandemie, möglichst mit Termin, sagt Gräff. „80 Prozent der Innovationen, die wir hier zeigen“, erklärt er, „sind heute schon bezahlbar.“ Das barrierefreie Bad etwa. Die übrigen 20 Prozent sind Hilfsmittel in der Entwicklung.

Eine Etage tiefer im Schockraum spitzt sich die Lage zu, blinkt der Monitor hektischer, nimmt der Geräuschpegel zu. Ist diese Kulisse denn realistisch? Ein Arzt am Rand der Szenerie nickt. Nebenan auf der Station ist Ruhe eingekehrt. Herr Schmidt sieht aus, als ob er gleich schläft.