Berlin - Irgendwann ist jeder mal dran. So ungefähr formuliert es Frank Stubenrauch am Montag am Telefon. Er ist Pressesprecher des Kreises und meint die hohe Sieben-Tage-Inzidenz von über 200 positiven Corona-Fällen auf 100.000 Einwohner, die der Landkreis derzeit zu verzeichnen hat. Stubenrauch meldet sich erst am Abend. Irgendwann ist eben relativ. Und die Aufregung groß in der Region.

Das Thema gilt als delikat, denn Inzidenzen sind die Kenngröße, von der Lockerungen im Lockdown abhängen. Die allgemeine Tendenz bewegt sich in Deutschland auf die 50 zu, die politische Debatte kreist bereits um den Wert 35, Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), brachte zehn Fälle auf 100.000 Einwohner als Grenze für Erleichterungen ins Gespräch.

Wo auch immer die Demarkationslinie gezogen wird, der Landkreis Prignitz mit einer Inzidenz von 195,65 zum Wochenstart ist derzeit weit davon entfernt. Das Gesundheitsministerium Brandenburgs weist auf seiner Homepage 200,9 aus. Eine kleine Differenz, die gleichwohl entscheidend sein kann.

Seit dieser Woche gilt eine neue Corona-Regel. Sie besagt, dass Landkreise und kreisfreie Städte eigene Maßnahmen ergreifen können, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, insbesondere der Mutationen, die als ansteckender gelten. Gordon Hoffmann, Generalsekretär des Prignitzer CDU-Kreisverbands, rät dazu, Kitas und Grundschulen später zu öffnen als am geplanten Termin, dem kommenden Montag.

Sein Kollege von der Linksfraktion, Thomas Domres, mahnt ebenfalls zur Vorsicht, wobei er die Sieben-Tage-Inzidenz als einzigen Gradmesser für Lockerungen problematisch findet. „In einem dünnbesiedelten Landkreis wie unserem reicht ein Hotspot in einem Seniorenheim, um die Sieben-Tage-Inzidenz in die Höhe schnellen zu lassen“, so Domres.

Eine Einrichtung in Wittenberge etwa sorgte in der vergangenen Woche mit 47 bestätigten Fällen für Schlagzeilen. „Im Bereich Pritzwalk gab es zuletzt auch einen Vorfall in einem Heim“, sagt Domres. 25 Neuinfektionen wurden dort vor drei Tagen gemeldet. In der Prignitz seien 9,3 Prozent der Einwohner älter als 80, der Landesdurchschnitt betrage 7,82 Prozent, sagt Kreissprecher Stubenrauch.

Die Region ist zudem dünn besiedelt. Rund 76.000 Menschen leben im Landkreis Prignitz, 36 Einwohner kommen auf einen Quadratkilometer. In Berlin sind es mehr als 4000. Und zum Vergleich weist der Kreis im äußersten Nordwesten Brandenburgs 300 aktive Coronafälle auf, die Hauptstadt mehr als 9400. 

Auch andere Regionen haben trotz der momentan strengen Beschränkungen die Grenze von 200 überschritten, Spree-Neiße etwa Anfang des Monats mit umgerechnet 259 Infektionen auf 100.000 Einwohner. Kommunalpolitiker wie der Linke Domres fordern daher, weitere Parameter einzubeziehen, wenn es um die Frage geht, ob Lockerungen angezeigt sind oder Beschränkungen bleiben sollten. „Wenn viele Personen getestet werden, die keine Symptome zeigen, wie bei uns, ergibt sich ein verzerrtes Bild im Vergleich zu anderen Regionen“, sagt Domres. In der Prignitz werden alle Kontakte der Kategorie 1 automatisch getestet. Anderswo wird das sogenannte Containment weniger strikt gehandhabt.

Impfquote und R-Wert als Zusatz

Impfquote und R-Wert berücksichtigen, lautet der Vorschlag jener, die eine Fixierung auf die Inzidenz kritisch sehen. Einzubeziehen sei also die Zahl derer, die schon zwei Injektionen eines Vakzins erhalten haben. Die Diskussion um Lockerungen hat auch im Land Brandenburg erst begonnen. Um die Öffnung von Kitas und Schulen. Gesprächsstoff könnte dabei auch dies liefern: Vor einer Woche meldete die Statistik für die Prignitz eine sinkende Inzidenz. So schnell kann es gehen. Sprecher Stubenrauch sagt: „Auf Ursachensuche sind wir auch weiterhin, um das Infektionsgeschehen einzudämmen.“