Berlin - Als wir jüngst darüber sinnierten, wie wir unsere Leser:innen durch die Hitzewelle in der Hauptstadt geleiten, überfielen mich die Kolleg:innen stante pede mit Vorschlägen zur Flucht. Da war von Tiefkühlzentren die Rede, von einem Eisfigurenpark, von Arbeitsplätzen tief unter der Erde. Ich verstand erst nicht und fragte nach: Wie wäre es, den Berliner:innen ihre schönsten Plätze zu servieren, dort, wo sich die Sonne in den kommenden Tagen am besten genießen lässt?

Okay, hieß es, wie wäre es mit dem Botanischen Garten, dort sei es auch schön kühl. Nicht kühl will ich es haben, musste ich entgegnen, sondern heiß! Ich will die besten Orte wissen, wo man in Berlin den Hochsommer genießen kann. Endlich ist er da, und ich will raus, ans Licht, mitten in die Hitze, Sonnenstrahlen tanken, alles tun, was wir seit so vielen Monaten schmerzlich vermisst haben: halbwegs unbesorgt und ausgelassen einfach nur sein, den strahlend blauen Himmel über uns, die Wärme unter uns, rundherum Leben und Sprießen und positive Gefühle tanken. Das Leben genießen, könnte man sagen.

Die Kolleg:innen blickten unverständig in die Teamsschaltung. Wir hatten die Kameras nicht angeschaltet, aber ich habe es genau gesehen! Die Geschmäcker sind eben doch sehr verschieden, unterschiedliche Menschen, auch aus demselben Kulturkreis, haben mitunter höchst unterschiedliche Bedürfnisse. Gottlob fanden sich dann doch noch ein paar Sonnenjünger, die für Sie – und für mich – die besten Tipps zum Dahinschmelzen verfasst haben. Plus jene, die Abkühlung in Kirchen predigen oder für die nächsten Tage empfehlen, sich vor der eiskalten Wursttheke häuslich einzurichten.

Als ich vor ein paar Jahren nach Berlin kam, war ich heilfroh, dass der Klimalwandel hier so stark zuzuschlagen scheint. Den Winter habe ich schon in München kaum ausgehalten – ich bin am Niederrhein aufgewachsen, da ist das Wetter fast immer gleich. Nicht besonders schön, aber auch nie besonders schlecht, zumindest gibt es keine allzu starken Ausschläge sommers wie winters. In Bayern, wohin es mich für 15 Jahre verschlagen hat, ist das Gegenteil der Fall, extreme Temperaturunterschiede sind an der Tagesordnung, bisweilen von einem auf den anderen Tag, manchmal von der einen auf die andere Stunde. Das macht die Leute teils narrisch.

Aufklärung nicht nötig, herzlichen Dank!

In Berlin hingegen kennen wir alle die zugigen, düsteren, wahrlich ungemütlichen Winter. Aber wir lieben den Sommer, in dem sich die Hauptstadt für ein paar Monate von ihrer allerbesten Seite zeigt: warm, offen, zugänglich, tolerant und leger, wunderbar belebt und doch mit genügend Raum zum Ausweichen für alle, verglichen mit anderen Großstädten.

Da ich persönlich es noch mal eine Schippe heißer mag, kommt es mir sehr entgegen, dass die Berliner Sommer seit ein paar Jahren richtig glühend geworden sind – im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten und Gegenden haben hitzige Temperaturen am Tage und die Anzahl der tropischen Nächte hier relativ stark zugenommen. Ich finde das super.

Natürlich bin ich in Wahrheit kein Fan des Klimawandels, ich weiß sehr genau um seine Auswirkungen, meine Mutter hat die Grünen mitgegründet, schon als Kind war ich auf Demos gegen Erdüberhitzung, das ist 30 Jahre her, liebe Leser:innen, es muss mich also niemand aufklären, vielen Dank im Voraus.

Nichtsdestotrotz gilt es einmal zu sagen, dass man über das Wetter nicht immer jammern muss. Für Leute wie mich, und davon gibt es schon auch ein paar sogar in Deutschland, kann es nie heiß genug sein. Wir leben erst dann richtig auf, wenn sich die Außentemperatur an unsere Körpertemperatur heranschmiegt, wenn in Innenräumen dieselbe Temperatur herrscht wie draußen, wenn die Sonne knallt, der Asphalt so schön zerfließt, dass man ihn beim Darüberlaufen mit den Zehen formen kann, wenn das Eis im Becher so schnell schmilzt, dass man sich beeilen muss mit dem Schlecken.

Das Leben ist flüchtig, wir haben es in eineinhalb Jahren Pandemie vor Augen geführt bekommen. Genießen wir es, wann immer es möglich und angebracht ist, stürzen wir uns ins Vergnügen, sofern irgend möglich und verantwortbar. Und für Kälteliebhaber gibt es auch schon wieder Trost: Für nächsten Freitag sind 22 Grad und Regen angesagt.