Ich will allein sein. Aber eben nicht zu Hause allein, sondern unter Menschen allein. Ich gehe also in ein Café, von dem ich weiß, dass die meisten dort allein sind, allein vor sich hin bosseln, an einem Gerät oder in einem Buch blättern oder an einem Kind rumzupfen oder einfach an die Wand gucken. „Die meisten“ klingt nach vielen Leuten, stimmt aber zumindest um diese Uhrzeit nicht. 

Es ist Mittag, und nur eine Frau sitzt diesmal vor ihrem Kaffee. Ich muss nachdenken. Nicht dieses Nachdenken, aus dem Tiefsinniges entsteht, Lösungen für Menschheitsprobleme, an denen auch die Schlausten gescheitert sind, oder kluge Texte. Es geht eher um das Sortieren im Kopf. Dort sieht es aus wie nach einem Einbruch. Alles quillt aus den Schubladen, Ideen liegen herum und auch Sorgen – verglichen mit denen der Menschheit sind die klein. Es gibt auch Pläne, oder „Projekte“ wie man das heute nennt.

Das Chaos im Kopf sortieren

Dabei sind Pläne doch viel schöner, die verwirklicht man bestenfalls. Projekte aber zieht man so durch und irgendwann ist man fertig. Wenn man überhaupt anfängt. Gedanken wie diese wabern nun zusätzlich durch das Kuddelmuddel, und es wird echt Zeit, aufzuräumen. Ich setze mich nicht ans andere Ende des Cafés, weil mir das unnötig abweisend vorkommen würde, aber doch mit einem Tisch Abstand zu der Frau. Damit klar ist, dass ich keine Gesellschaft suche.

Ich warten auf meinen Kaffee und schiebe die ersten Gedanken von links nach rechts, wo sie noch immer nicht am richtigen Platz sind; aber so fängt man eben an, wenn das Chaos ein gewisses Ausmaß erreicht hat. Plötzlich fragt die Frau: „Was ist heute für ein Tag? Dienstag?“ Ich wende ihr das Gesicht zu, nicht den ganzen Körper, damit ich gleich wieder in meine Verpuppung zurückkehren kann.

Ich versuche ein distanziert-freundliches Lächeln und bestätige. „Dienstag …“ sagt sie. „Wenn man nicht mehr arbeitet, entgeht einem viel. Die Kinder haben auch keine Zeit. Man sollte arbeiten. Es gibt immer Arbeit.“ Ich nicke. Fühle ein lästiges kleines Gewissen, weil ich nicht am Schreibtisch sitze. Aber Sortieren ist auch Arbeit, und den Kopf sortieren kann man nicht an einem Schreibtisch, der genauso aussieht wie der Kopf innen.

Was für ein Geschenk

„Früher mussten wir auch arbeiten. Auch die Kinder! Schuhe, Kleider, Regenschirme, das alles hat so viel gekostet.“ Die Frau spricht weiter mit mir, doch ihr Blick verliert sich irgendwo im Raum. Ich hab plötzlich einen Kloß im Hals, ich glaube, wegen der Regenschirme. Sie haben etwas Rührendes, diese Regenschirme, in ihrer Konkretheit.

Sie holt ihren Blick zurück, als würde sie eine Schnur aufrollen. „Es ist schön, hier zu sitzen, nicht wahr?“ Bevor ich ja sagen kann: „Wissen Sie, was früher in dem Haus war?“ Ich schüttele den Kopf. Sie sagt: „Ich auch nicht.“ Nach einer kurzen Pause: „Ich hab es vergessen.“

Dann wandert ihr Blick wieder, diesmal zum Fenster hinaus. Eigentlich wollte ich allein sein. Was für ein Geschenk, das wollen zu können.