Berlin - Kaum hat Micha den Rollladen hochgezogen und die schwere Holztür aufgeschlossen, kommt die erste Bestellung per SMS. „Reservier' mir ne Bulette. Bis gleich.“ Es ist 20 Uhr, frühe Stammgäste betreten die „Bierstube Alt Berlin“. Micha, der Barkeeper, schaltet die Zapfanlage ein. Es ist einer der letzten Abende in der legendären Kneipe an der Münzstraße in Mitte. Ende April ist Schluss. Nach 121 Jahren.

Es wird noch einmal voll an diesem Abend. Zigarettenqualm wabert zwischen den mit dunklem Holz vertäfelten Wänden, auf die schon Bertolt Brecht geblickt hat. Micha rotiert, zapft ein Bier nach dem anderen. Der 58-Jährige, graue Haare, schwarze Brille, arbeitet seit neun Jahren hier. Er ist einfach „der Micha“ und die Gäste lieben seinen geradlinigen Charme. „Kann einer mal einen 50er wechseln?“, ruft er in die Runde.

Das Publikum ist gemischt. Mittzwanziger sind da, alte Herren, im hinteren Gastraum spielt eine Gruppe bei Kerzenschein ein Schachturnier. Ein irisches Pärchen freut sich über die unerwartete Patina, hier im blank sanierten Mitte zwischen Modeketten, High-End-Boutiquen und Hipster-Coffeebuden, die ab 20 Uhr das Licht löschen.

Heimelig zwischen Hipsterbuden

Es ist heimelig im „Alt Berlin“, dieser 70 Quadratmeter kleinen Kneipe, in die kein Tageslicht dringt, in der die Zeit stehen geblieben scheint. Die Bierstube, von den liebevoll Stammgästen „Heinz und Inge“ genannt – die Namen der früheren Wirte –, muss schließen, weil der neue Eigentümer, der Hamburger Investor Harm Müller-Spreer, das Haus sanieren lässt.

„Das schönste aller Dinge, einer schneller Schluck bei Heinz und Inge“ steht auf einem Leuchtkasten im dunklen Fenster. Bis vor einigen Jahren sollen die beiden noch in der Wohnung über der Kneipe gewohnt haben. Das Paar hatte das Lokal geführt, seit sie von der DDR-Handelsorganisation HO übernommen wurde. Das „Alt Berlin“ ist eine Kiez-Kneipe, wie es sie früher an jeder zweiten Ecke gab. Eine, die man schnell übersieht.

Und doch ist sie anders. Neben der Nachbarschaft war hier immer auch Prominenz vertreten. Schauspieler und Regisseure der Volksbühne, vom Gorki-Theater und dem Berliner Ensemble waren hier ebenso regelmäßig zu Gast, wie die Tänzerinnen vom nahen Friedrichstadtpalast, Bill Murray oder Quentin Tarantino.

Das Authentische ist es, was sie anzog. Sogar der britische „Guardian“ berichtete vor einigen Tagen über die anstehende Schließung. „Es ist schön, heutzutage so einen Laden zu haben und zu wissen, dass man immer willkommen ist“, sagt Andreas Mühe. Der Fotograf, Sohn des Schauspielers Ulrich Mühe, war jahrelang Stammgast. „Wenn ich reinkam und Micha sah, wusste ich: Alles ist gut.“ Jetzt, da die Kneipe schließe, sei Mitte endgültig tot, sagt er.

Immer wieder war die Kneipe auch Kontaktbörse. Hier wurden Pläne geschmiedet, Projekte besprochen, Inszenierungen diskutiert. Sebastian Klink, der heute an der Volksbühne arbeitet, stand 2001 hier selbst hinterm Tresen. Es war die „wilde Zeit“, wie viele Gäste sagen. Ein Jahr zuvor hatte Tilo Link, der heutige Inhaber, der auch Chef des Restaurant „Schlesisch Blau“ in Kreuzberg ist, die alte Kneipe übernommen.

„Ich habe damals Manfred Karge hier kennengelernt“, sagt Klink. Den Regisseur und Leiter der Schauspielschule Ernst Busch habe er damals nicht gekannt – obwohl er sich gerade dort beworben hatte. „Wir haben stundenlang über Heiner Müller diskutiert“, erzählt er. „Irgendwann, nachdem ich den Laden längst von innen abgeschlossen hatte, fragte er mich, ob ich eigentlich wüsste, wer er sei.“

Prominente Unterstützung

Viele, die an diesem Abend hier sind, erinnern wehmütig an die lauen Sommernächte, wenn sich das Wohnzimmer auf die Straße erweiterte und Trauben von Menschen vor dem „Alt Berlin“ tranken und rauchten. „Der Stromkasten draußen vor der Tür war immer unser Außentresen“, sagt Sebastian Klink.

Warum dieser Ort, der so viele Geschichten erzählt, dem sterilen Fassaden-Einerlei zum Opfer fallen muss der den Stadtteil mittlerweile prägt, kann im „Alt-Berlin“ niemand verstehen. Die Angestellten hätten direkt mit dem Investor verhandelt, erzählt Micha. Es habe viel Unterstützung gegeben, auch von Prominenten.

Einer der Gäste, der Österreicher Philipp Marouschek, rief die Facebook-Fanseite „Alt Berlin – zeigen wir Courage“ ins Leben. Er startete zudem eine Online-Petition, die schon knapp 1300 Unterstützer hat. „Am Ende sind die Gespräche geplatzt, weil der Investor die Schrauben immer enger gezogen hat“, sagt Micha. Seine Kollegen und die Gäste suchen jetzt eine neue Bleibe für ihr „Alt Berlin“. Gefunden haben sie noch nichts. Sie wollen an einem neuen Ort weitermachen – mit dem alten Inventar.