Grazau - Der alte Stall steht etwas versteckt hinter einem weißen Einfamilienhaus auf einem Privatgrundstück am Ortsrand von Garzau bei Strausberg (Märkisch-Oderland). 40 Quadratmeter Grundfläche, gemauert aus Feld- und Ziegelsteinen, von einem Dachaufbau aus verwittertem Holz gekrönt. Ein wenig heruntergekommen sieht das Gebäude aus, vor allem das Dach scheint nicht mehr recht sturmsicher. Die schmale Stalltür steht auf, lässt den Blick ins Innere zu. Gartenmöbel stapeln sich dort, Fahrräder sind zu sehen, Gartengeräte. Früher ein Stall, heute ein Schuppen.

Hierin haben aber auch Menschen gelebt, oder besser: gehaust. 75 Jahre ist das her. Etwa ein Dutzend jüdische Zwangsarbeiter, die auf dem Gut Garzau schuften mussten, waren hier mehrere Jahre lang untergebracht. Der Junge, der mit seinen Eltern in dem schönen Haus vor dem Schuppen wohnt und im Garten Holz hackt, zuckt mit den Schultern. Von den Zwangsarbeitern weiß er nichts, sagt er. Vielleicht will die Familie auch nichts wissen davon. Was haben sie, die Zugezogenen, schon damit zu tun?

Archive durchforstet

Was hat Garzau damit zu tun? In dem eine Autostunde östlich von Berlin gelegenen Ort sucht man vergebens nach einem Hinweis auf das Schicksal der mindestens 24 Juden, die hier zwischen 1939 und 1943 für den Gutsbesitzer Hans von Rohrscheidt arbeiten mussten. Bis sie Ende Februar 1943 im Zuge der sogenannten Fabrik-Aktion abgeholt und in die Vernichtungslager deportiert wurden.

Im Berliner Verlag Hentrich & Hentrich ist kürzlich ein Buch erschienen, das die Geschichte der jüdischen Zwangsarbeiter auf dem Rittergut Garzau erzählt. Die in Garzaus Nachbargemeinde Rehfelde lebende Historikerin Erika Schwarz und ihr Mann Gerhard, ein früherer DDR-Diplomat, haben es geschrieben. Sie sprachen mit den wenigen noch lebenden Zeitzeugen, durchforsteten Archive, lasen alte Briefe, reisten für ihre Recherchen nach Paris, Zürich, Tel Aviv und New York.

Gemeindevertretung wusste angeblich nichts

Nur von der Gemeinde Garzau hätten sie keine Unterstützung erhalten, wie Gerhard Schwarz erzählt. „Wir hatten uns mit einem Brief an die Gemeindevertretung gewandt, unser Thema erläutert und um Hilfe bei den Recherchen gebeten. Eine Antwort haben wir nie erhalten“, sagt er.

Bürgermeisterin Jana Hinkel mag nicht viel reden über das Thema. Sie habe das Buch, das vor einigen Monaten erschienen ist, noch gar nicht gelesen, gibt sie zu. Allerdings kenne sie niemanden im Dorf, der von den „angeblichen“ jüdischen Zwangsarbeitern je etwas gehört habe. „Wir sprachen natürlich auch in der Gemeindevertretung kurz darüber. Dort wusste ebenfalls keiner was von Zwangsarbeitern“, sagt sie. Also habe man das Thema erst einmal vertagt.

Vom Konzentrationslagern nach Garzau

Das sogenannte „Arbeitseinsatz- und Umschulungslager“ für jüdische Zwangsarbeiter in Garzau wurde den Buchautoren zufolge Ende 1939 eingerichtet. Nach dem Überfall Deutschlands auf Polen waren verstärkt junge Männer zur Wehrmacht eingezogen worden, wodurch Arbeitskräfte auf dem Land fehlten. Neben Zwangsarbeitern aus dem besetzten Polen verpflichtete das NS-Regime deshalb auch zunehmend jüdische Männer und Frauen zur Arbeit in der Landwirtschaft.

In Garzau trafen bis 1940 zwei Dutzend Juden aus dem gesamten Reichsgebiet ein. Das belegen historische Akten. Mehr als die Hälfte der 22 Männer und zwei Frauen war unter 30 Jahre alt. Die Jüngsten waren gerade 19, die ältesten – ein Ehepaar Lachmann – Ende 50. Einige der jüdischen Zwangsarbeiter kamen sogar direkt aus Konzentrationslagern nach Garzau.

Gutsherr Hans von Rohrscheidt galt selbst als „Jüdischer Mischling 1. Grades“, weil er mütterlicherseits jüdische Vorfahren hatte. Nachteile aber musste er deshalb nicht erleiden, weil er sich politisch nicht betätigte und sein Landwirtschaftsbetrieb, der mehr als 450 Hektar Ackerbaufläche und zweimal so viel Wald bewirtschaftete, von großer Bedeutung für die Versorgung der Bevölkerung in der Kriegszeit war.

Die jüdischen Arbeiter, die etwa die Hälfte der Beschäftigten auf dem Gut stellten, erhielten für ihre schwere körperliche Arbeit einen Wochenlohn, der zwischen fünf und 16 Reichsmark lag. Viel zu wenig, um sich neue Kleidung oder angemessenes Schuhwerk für die Feldarbeit zu kaufen, wie die Autoren in ihrem Buch schreiben. Zwar konnten sich die Arbeiter frei im Ort bewegen, Garzau durften sie aber nicht verlassen.

Die Arbeitsbedingungen auf dem Gut waren hart, die Verpflegung nur unzureichend. Und auch die Unterbringung sei schlecht gewesen, schreiben die Autoren des Buches. Nach den Erinnerungen alter Garzauer waren die jüdischen Zwangsarbeiter in drei kleineren Nebengebäuden im Ort untergebracht, darunter in jenem Stall, der heute einer Familie als Schuppen für ihre Gartengeräte dient.

Am 27. Februar 1943 verschwanden die jüdischen Zwangsarbeiter aus Garzau. Am früheren Morgen dieses Tages wurden ihnen in ihren Unterkünften befohlen, sich unverzüglich für den Transport nach Berlin fertig zu machen. Mitnehmen durften sie in kleinen Taschen nur das Nötigste. „Plötzlich waren sie weg“, erinnerte sich eine alte Einwohnerin des Dorfes im Gespräch mit dem Autorenpaar.

Menschen in Möbelwagen verfrachtet

In Berlin wurde sie gemeinsam mit Tausend anderen Juden in der Sammelstelle in der Großen Hamburger Straße zusammengepfercht. Lebensmittelkarten, Arbeitspapiere und Ausweise sowie das wenige Bargeld, das sie sich von ihrem kargen Lohn zusammengespart hatten, nahmen ihnen die Beamten ab. Am 1. März 1943 verfrachtete man die Menschen in Möbelwagen und fuhr sie zum Güterbahnhof in der Putlitzstraße.

Dort mussten sie in Güterzüge umsteigen, die sie in die Vernichtungslager im Osten brachten. Wie so viele ihrer Leidensgenossen überlebten auch die jüdischen Zwangsarbeiter aus Garzau die Lager nicht.

Thomas Mann schaltet sich ein

Rittergutsbesitzer Hans von Rohrscheidt wurde nach Kriegsende entschädigungslos enteignet, blieb aber zunächst auf freiem Fuß. Erst Ende März 1946 sperrte ihn der sowjetische Geheimdienst NKWD ins Gefängnis in Eberswalde. Der Vorwurf gegen ihn lautete, Zwangsarbeiter ausgebeutet zu haben. Aber Rohrscheidt hatte Glück: Die Tochter seiner Tante war Katia Mann, die Ehefrau von Thomas Mann, der zu dieser Zeit in den USA lebte.

Mann erfuhr von der Verhaftung und setzte sich in einem Schreiben an den Chef der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland für den Cousin seiner Frau ein. Rohrscheidt habe als „Halb-Jude“ Nachteile in Hitlerdeutschland erleiden müssen und sich daher nie an Aktionen gegen die Alliierten beteiligt, schrieb der Literatur-Nobelpreisträger in seinem Bittbrief. Das Schreiben des prominenten Autors verfehlte seine Wirkung nicht: Am 21. Februar 1947 kam der damals 67-jährige Rohrscheidt frei und lebte bis zu seinem Tod 1963 in einer kleinen Mansardenwohnung im Nachbarort Rehfelde.

Fakten werden geprüft

Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof in Garzau. Dort erinnert ein großer Grabstein an den einstigen Rittergutsbesitzer. Für die Zwangsarbeiter, die auf seinem Gut schuften mussten, gibt es in Garzau hingegen keinen Erinnerungsort, kein Gedenkschild. Auch am Schloss derer von Rohrscheidts, das saniert und herausgeputzt, aber verrammelt und verschlossen mitten im Ort steht, findet sich kein Hinweis auf ihr Schicksal.

Ob sich das nach der Veröffentlichung des Buches nun ändern wird, weiß Bürgermeisterin Hinkel noch nicht. „Wir müssen ja erst einmal schauen, was wirklich dran ist an dieser Geschichte“, sagt sie. Immerhin aber will sie nicht ausschließen, dass man die Buchautoren aus dem Nachbardorf mal in die Gemeindevertretersitzung einlädt und sich von ihnen erzählen lässt, wie das war mit den jüdischen Zwangsarbeitern vor 75 Jahren in Garzau.