Berlin - Es dröhnen Bässe aus dem Berghain. Oder besser gesagt: aus dem Außenbereich, der seit diesem Wochenende wieder eröffnet hat. Nach 281 Tagen pandemiebedingter Pause stehen am Sonnabend und Sonntag ab mittags hunderte Tanzwillige in der Schlange. Sie hoffen, zu den 1000 glücklichen Gästen zu gehören, die mit negativem Corona-Nachweis und Maske im Berghain-Garten auf die Tanzfläche dürfen. Viele der Wartenden tragen schwarze Kleidung und schwitzen darin stundenlang in der Sonne.

„Oh mein Gott, ist das die Schlange?“, rufen einige auf Englisch, mit Blick auf die Menschen, die fast bis zum Gewerbeparkplatz am Ostbahnhof stehen. Doch Warten hat Tradition am Berghain, auch ohne Corona-Kontrollen. Schneller geht’s für diejenigen, die ein Ticket für die Ausstellung im Inneren haben und durch einen Seiteneingang hinein dürfen. Wann drinnen wieder getanzt wird, ist unklar.

Das Berghain ist als bekanntester Berliner Club noch in einer vergleichsweise privilegierten Position. „Von einer großen Außenfläche können viele Clubs nur träumen“, sagt Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommission, dem Verband der Berliner Club-, Party- und Kulturveranstalter. „Nur ein Drittel der Läden hat derzeit die Außenbereiche geöffnet, zwei Drittel bleiben geschlossen“, schätzt er.

Einer der Läden, die offen sind, ist das Sage Beach. Der Strandbereich des dazugehörigen Sage Restaurants, an der Spree in Kreuzberg gelegen, bietet freitag- bis sonntagnachmittags ein DJ-Programm. „Wir haben 1500 Quadratmeter Außenfläche, aber das ist eher die Ausnahme“, sagt Betreiber Sascha Disselkamp. Er kenne kaum Clubs, die 1000 Personen außen mit ausreichend Abstand unterbringen könnten. About Blank, Sisyphos oder Wilde Renate rund um das Ostkreuz hätten zwar Außenbereiche, aber kleinere Clubs meist nicht.

Als dürften Hotels nur Frühstück anbieten, aber keine Zimmer

Und so bleiben die Sorgen bei vielen Clubbetreibern, obwohl sie seit fast einem Monat wieder ihre Außenbereiche für Tanzende öffnen dürfen. „Einen kleinen Innenhof aufzumachen lohnt sich oft nicht, und bis 5 Uhr früh darf man ohnehin nicht Musik machen, denn ab 22 Uhr gilt die Nachtruhe“, berichtet Disselkamp, der neben dem Sage Beach auch den Sage Club an der Heinrich-Heine-Straße und den dort beheimateten KitKat-Club betreut. Beide Läden bleiben derzeit noch geschlossen. „Wenn Clubs nur im Außenbereich öffnen dürfen, ist das, als würde man Hotels keine Übernachtungen erlauben, sondern bloß, Frühstücksbüffets draußen anzubieten“, sagt Clubbetreiber Disselkamp, der auch im Vorstand der Clubcommission sitzt, drastisch.

Einige Clubs wurden kreativ in der Pandemie, renovierten, boten zusätzlich Gastronomie und Kultur an, um anderweitig öffnen zu können, waren wie das KitKat als Corona-Testzentrum offen oder boten Livestreams von Konzerten an. Finanziell lohnt sich die Wiedereröffnung oft kaum, ist aber gut, um Personal und Stammpublikum zu aktvieren. „Das KitKat oder Berghain werden immer ziehen“, sagt Disselkamp, „aber die Clubkultur lebt auch von den vielen kleinen Läden.“ Die bekämen oft nur Publikum, wenn bestimmte Bands oder DJs spielen.

„Solche Läden brauchen auf jeden Fall Hilfen vom Staat über September hinaus, auch die Künstler brauchen Vorlaufzeit, um ihre Tourneen zu planen“, sagt Lutz Leichsenring. Viele Live-Konzerte seien schon auf 2022 verschoben. Dabei gibt es bereits Konzepte, wie ab Herbst mit schnellen PCR-Tests vor Ort maskenlos drinnen gefeiert werden könnte.

In den Niederlanden machte alles wieder dicht

Doch über allem schwebt die Gefahr der vierten Welle. In den Niederlanden mussten die Clubs nur zwei Wochen nach ihrer Wiederöffnung schließen, weil die Infektionszahlen stiegen. „Ein erneuter Lockdown wäre eine Katastrophe, viele Veranstalter brauchen jetzt schon ihre Reserven auf“, sagt Clubcommission-Sprecher Leichsenring. Und selbst wenn alles gut geht im Herbst, glaubt Sage-Beach-Betreiber Disselkamp, „wird es eine Zeit dauern, bis man sich wieder daran gewöhnt, mit Hunderten Leuten im Innenbereich zu feiern“. Er glaubt nicht, dass noch so viele Billigflieger nach Berlin kommen werden. Bisher machten Touristen 40 Prozent des Publikums aus. „Ich frage mich, woher die Leute dann kommen sollen“, sagt er mit Blick auf die Zukunft.

Was sich auf jeden Fall jetzt schon beobachten lässt, ist eine Verlagerung des Partygeschehens aus der Nacht in den Tag, egal ob in Parks oder Clubs. „Die Leute leben eher tagsüber als nachts, das Nachtleben ist nicht existent“, sagt Leichsenring. Zwar sei in der Techno-Kultur das Tagsüber-Feiern schon immer angesagt gewesen. Da in Berlin Bars, Restaurants und Clubs früh schließen, wird es oft still ab Mitternacht, wo die Nächte sonst lang waren.