Hatice und Fernando genießen die entspannte Zeit mit ihren Kindern Ali und Rosalie.
Foto: Christian Schulz

NeuköllnWer in diesen Tagen zu einem der Seen am Berliner Rand fährt, riskiert je nach Badestelle Beschallung aus überdimensionierten Boxen, jede Menge Trinkgelage und vor allem: große Menschenansammlungen, die alle bei 33 Grad im Schatten nach Abkühlung lechzen. Wer darauf keine Lust hat, kann alternativ versuchen sich ein Online-Ticket für die Berliner Bäder zu buchen. Sie sind rar, die Chancen welche zu ergattern nicht allzu groß, und doch könnte es sich lohnen. Zum Beispiel in diesen Tagen ins Sommerbad Neukölln zu gehen, das im Volksmund auch Columbiabad genannt wird.

15:30. Knackige 30 Grad zeigt die App an. Familien bilden eine kleine Schlange vor den massiven Drehtüren aus Stahl. Der Einlass läuft wie am Schnürchen, Handys werden gezückt, jeder, der ein Online-Ticket hat, ist drin. „Das Bad wurde gerade gereinigt und für das letzte Zeitfenster vorbereitet“, erklärt Bademeister und Schichtleiter Sven im Eingangsbereich. Er wird mich herumführen, mir von den strengen Hygiene-Vorschriften erzählen, den Auswirkungen auf seine Arbeit, und davon, wie er und die Belegschaft immer noch genervt sind vom Ruf des vermeintlichen Skandal-Bades. Doch eins nach dem anderen.

Strenges Hygiene-Konzept reguliert Besucherzahlen

Das Columbiabad hat nach der Corona-Zwangspause seit Ende Juni wieder geöffnet und dafür ein Hygiene-Konzept erarbeitet, das es in sich hat. Die Zahl der Badegäste ist streng reguliert. „Nur so konnten wir aufmachen und die Genehmigung vom Gesundheitsamt bekommen“, sagt Sven. Anstatt wie zu Spitzenzeiten im vergangenen Sommer, in dem sich schon mal zwischen 4000 und 6000 Besucher im Bad aufhielten, sind nun in drei Zeitfenstern nur ein Bruchteil davon zugelassen. Pro Becken wird mit maximal 110 Badegästen gerechnet. Multipliziert man die mal drei, kommt man auf die zugelassene Gesamtmenge pro Zeitfenster. „Kann man sich schnell ausrechnen, ist nicht so viel“, meint Sven und schmunzelt. 

Im näheren Beckenbereich haben sich nun vermehrt Gäste niedergelassen, Handtücher sind durch großzügige Grünflächen getrennt, für jeden ist hier Platz. Der Anteil an jungen Familien mit kleinen Kindern ist überproportional, die Wege nicht weit. Wenn die Aufsicht das Okay gibt, warten Schwimm-Einheiten auf weitgehend leeren Bahnen und Rutsch-Spaß ohne Anstehen. Weiter auf der Liegewiese werden die Abstände zwischen den Besuchern dann riesig. Eine Mädchengruppe posiert vor einem hochgereckten Smartphone, 10 Meter daneben stoßen ein paar angegraute Hipster mit Bier aus Plastikbechern an und wollen ungestört bleiben. Ein überfüllter Jugend-Treffpunkt sieht anders aus.

Hatice besucht mit ihrem Mann Fernando und ihren zwei Kindern das erste Mal seit der Corona-Krise das Bad. Die strenge Organisation nehmen sie in Kauf. „Man muss einfach rechtzeitiger planen“ sagt sie, doch das zahle sich aus. Zusammen mit ihrer Familie genieße sie vor allem die Ruhe, die selbstverständlich kein Vergleich zur letzten Bade-Saison sei. Zwar waren sie auch vor Corona hier, doch Hatice weiß von anderen Familien, die gerade jetzt das Columbiabad aufsuchten und sich sonst eher abgeschreckt fühlten von der Unübersichtlichkeit im Bad.

Schilder weisen auf den Mindestabstand hin. Das Columbiabad hält sich an ein strenges Hygiene-Konzept.
Foto: Christian Schulz

Auch Philipp, Steven und Ash sind mit ihren Kindern hergekommen. Sie wohnen im Schiller-Kiez nebenan und haben sich frühzeitig um Tickets gekümmert. Sie kennen das Bad schon lange und schätzen die ungewohnte Bewegungsfreiheit, die eine neue Atmosphäre mit sich bringe. „Man hockt sich weniger auf der Pelle, dadurch entsteht automatisch weniger Aggression und weniger Konfliktpotenzial“, sagt Philipp mit Blick auf den letzten Hitze-Sommer. Nicht ständig nach den Kindern gucken zu müssen, das sei einfach ein großer Entspannungsfaktor.

Zurück bei Sven, möchte ich wissen, wie sich seine Arbeit verändert hat. Ob er und sein Team froh darüber sind, dass die krassen Einsätze der Vergangenheit angehören, schließlich reden wir hier vom Columbiabad Neukölln. Er schaut ein wenig verdutzt. Natürlich sei bei weniger Besuchern, weniger zu tun. Doch die Arbeit sei die Gleiche geblieben. Das höchste der Gefühle? „Wespen- und Bienenstiche“. Kurze Pause. „Ein Ausrutscher“ sei auch mal dabei. 

Das sind neue Töne für ein Schwimmbad, das mal im Ruf stand, so etwas wie die Rütli-Schule unter den Schwimmbädern zu sein. Aus alten Tagen kursiert ein Video im Netz, in dem ein überforderter Bademeister von einer johlende Menge aus dem Sprungbecken-Bereich vertrieben wird, aus nicht ganz so alten Tagen ein Zeitungsartikel, in dem das Bad als „Albtraum besorgter Bürger“ bezeichnet wird. Sven winkt ab, „die eine Sache liegt Jahre zurück“, das andere sei eine Zuspitzung der Presse. Dazu würde passen, dass keiner der Mitarbeiter mit mir sprechen will. Die Verärgerung über falsch wiedergegebene Aussagen von Journalisten hängt der Belegschaft noch nach, erzählt mir Sven. Die Sprungtürme übrigens, sonst ein Magnet des Bades, sind geschlossen. Man wolle die begrenzte Zahl für das Becken, das gleichzeitig zum Bahnen-Schwimmen genutzt wird, nicht noch mehr einschränken.

Ein Bademeister überblickt die Schwimmbecken. Die Sprungtürme bleiben in Corona-Zeiten geschlossen.
Foto: Christian Schulz

Eine feste Belegschaft – an diesem Tag sind es fünf Bademeister und nochmal eine Handvoll Sicherheitsleute – habe sich über die Jahre etabliert. „Wir sind als Team zusammengewachsen“, sagt Sven, den es selbst vor zehn Jahren aus Mecklenburg Vorpommern in die Hauptstadt verschlagen hat, und der im Kiez um die Ecke wohnt. „Viele von uns wohnen in Neukölln, man kennt die Jungs, man wächst zusammen auf“, sagt er. Dass es dennoch zu Vorfällen kommen kann, sei klar, wenn die Hitze drückt und die Besucherzahlen zu unübersichtlich werden. Doch davon kann im Moment keine Rede sein. Besucher, die ins Bad wollen, müssen Online-Karten buchen, die innerhalb kurzer Zeit weg sind.

Ruhestörer unerwünscht

Samuel hat sich Tickets für diesen Nachmittag besorgt. „Man muss es nur häufiger probieren, wenn man erstmal drin ist, ist alles entspannt“, sagt er. Lange Anstehen falle weg, und es gebe so viel Platz. Er sitzt mit seinen Freunden auf der Liegewiese, die sich wie der nahegelegene Hasenheide-Park anfühlt. Nur mit weniger Menschen und weniger Dreck, dazu die Abkühlungsmöglichkeit. Eigentlich perfekt, oder? Breite Zustimmung auf der Decke.

Ich ziehe zu einer letzten Runde weiter und versuche, mit einem Mann ins Gespräch zu kommen, der auf einer Holzbank in sein Buch vertieft ist. Als ich zu einer Frage ansetzen will, verscheucht er mich mit einer wegwerfenden Handbewegung. Es scheint, die neue Atmosphäre im Bad wird in vollen Zügen ausgekostet. Mit dem Gefühl, nicht zum ersten Mal an diesem Tag ein Ruhestörer zu sein, verabschiede ich mich vom Columbiabad.