BerlinSelbst wenn Biden jetzt gewinnen würde, und das scheint im Moment genauso wahrscheinlich wie ein Trump-Sieg, hat mich diese Wahl mit Selbstzweifeln erfüllt. Was ist es, das ich in Präsident Trump nicht sehe, was die Hälfte meiner Landsleute sieht? Sind meine Weltsicht und meine Erwartungen an eine Regierung so falsch?

Oder ist Präsident Trump nur ein so guter Lügner?

2019 habe ich im Rahmen des „Wunderbar Together“-Programms der Bundesregierung viel Zeit damit verbracht, Science-Slams in den USA zu moderieren. Als wir einen Slam in Chicago machten, nahm ich mir einen Tag Zeit, um dreieinhalb Stunden zum alten Farmhaus meiner Großeltern zu fahren. Zu meinem Entsetzen wehte vor dem Flachbau, in dem ich jeden Sommer meiner Kindheit verbracht habe, eine große Konföderiertenflagge. Diese Flagge steht klar und deutlich für die Sklaverei. Während der eine oder andere in Deutschland diese Flagge gerne zeigt, weil er die Bedeutung nicht so ganz versteht, ist das in Amerika überhaupt nicht der Fall.

Ich war entsetzt, dass nach dem Tod meiner Großeltern dort ein Rassist eingezogen war. Ich hielt es für Pech, dass von all den guten Menschen in den United States ein Idiot das Haus gekauft hat. Heute habe ich das Gefühl, dass es gar kein Pech war – die Chancen standen 50:50. Oder wahrscheinlich noch schlechter, da das Haus nicht ländlicher sein könnte; die nächste Stadt ist fast eine Stunde entfernt.

Gestern hatte ich noch gedacht, dass falls Präsident Trump wiedergewählt würde, das Beste daran wäre,  dass die Demokraten eine Mehrheit im Senat gewinnen würden und wir für vier Jahre eine Pattsituation haben könnten. Nicht ideal, aber eine unfähige Regierung ist besser als eine schädliche. Und es wäre ausbaufähig.

Ich sollte vorsichtig sein mit dem, was ich mir wünsche. Denn sollte Joe Biden gewinnen, stünde er nun einem feindseligen, von den Republikanern kontrollierten Senat gegenüber, der sein Übelstes tun würde, um alles zu vereiteln, was er und das Repräsentantenhaus ihnen präsentieren würden. Biden und Senatorin Harris wären nicht in der Lage, das unfaire Besetzen des Supreme Court rückgängig zu machen. Und wenn in zwei Jahren die nächsten Parlamentswahlen anstehen, würden die Wähler den neuen Präsidenten für diese „Untätigkeit“ bestrafen, indem sie mehr republikanische Senatoren und Abgeordnete wählen würden.

Die Situation wird sich also eher verschlechtern, nicht verbessern.

Das Schlimmste ist, ich habe keine Ahnung, wie wir an diesen Punkt gekommen sind. Und das beunruhigt mich.

Andrew Bulkeley ist Redakteur der englischen Ausgabe der Berliner Zeitung English Edition. Folgen Sie ihm auf Twitter.


Weitere Stimmen zur US-Wahl von Amerikanern aus Berlin:  

Isabel Cole, Übersetzerin aus Illinois, seit 1995 in Berlin: Viele Trump-Anhänger scheinen zu meinen, dass es nur um die Wirtschaft geht. Die Wirtschaft ist stark. Der Aktienmarkt ist stark. Meinen Aktien geht es gut. Er hat meine Steuern gesenkt. Viele Amerikaner wissen nicht, dass die Steuersenkungen, die Trump eingeführt hat, im kommenden Jahr wieder verschwinden. Es gibt auch Gruppen von Menschen, denen der Lockdown nicht gefällt, die lieber mehr Freiheit riskieren und ihre Geschäfte geöffnet haben wollen. Denn in den USA ist es nicht wie in Deutschland, wo es einen Lockdown gibt und ein gutes Unterstützungssystem für Menschen, die ihre Läden schließen müssen oder ihre Arbeit verlieren. In den USA gibt es keine Unterstützung für jene, die ihr Unternehmen wegen des Lockdowns schließen müssen. Ich glaube, dass viele Trump-Anhänger nicht an den Staat glauben. Sie denken, jeder sei für sich selbst verantwortlich, und so müssten sie sich eben durchschlagen. Wenn die Leute entscheiden, dass ihre wirtschaftlichen Interessen mit Trump zusammenhängen, übersehen sie den Rassismus und richten sich nach ihren eigenen Interessen.

Talia Lustiger-Thaler, Studentin aus New York, lebt in Berlin: Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, was ich am Tag nach diesen Wahlen fühle. Es ist schockierend, dass nach vier Jahren unter einem verlogenen, rassistischen, frauenfeindlichen, faschistischen Diktator die Hälfte des Landes immer noch für ihn kämpft. Ich wohne gerade in Berlin, aber ich komme aus New York City, einer liberalen Blase, und ich finde mich naiv, weil ich wirklich dachte, Amerika wäre zur Einsicht gekommen. Das Land ist gespaltener denn je – unabhängig vom offiziellen Ausgang der Wahlen. Ich fürchte, dass es Gewalt und Chaos geben wird. Aber ich hoffe, dass die Guten gewinnen.

Pam Selwyn, Übersetzerin aus Kalifornien, lebt seit 38 Jahren in Berlin: Ich war schockiert, dass Trump mehr Stimmen zu haben scheint als 2016. Ich verstehe das nicht. Ich kenne nicht eine einzige Person, die für Trump gestimmt hat. Ich komme aus Kalifornien, und fast alle meine Freunde leben entweder an einer der beiden Küsten oder in einer Universitätsstadt. Vor allem verstehe ich die Leute nicht, die diesmal für Trump gestimmt haben. Vielleicht verstehe ich jene, die 2016 für ihn gestimmt haben, aus Protest oder weil sie Hillary Clinton hassten. Aber da wir jetzt wissen, wie inkompetent er ist, und von all den Menschen wissen, die in seiner Amtszeit an Covid-19 gestorben sind, kann ich es nicht begreifen. Ich lebe seit 38 Jahren in Berlin, also bin ich nicht ganz auf dem Laufenden. Aber ich kenne eine Menge Leute, die dort leben und es auch nicht verstehen, aber zumindest haben sie persönlichen Kontakt zu Trump-Anhängern und können mit ihnen diskutieren. Auch zum Thema Abtreibung. Ein weiteres großes Debattenthema.

Brett Myers, Grafikdesigner aus Houston, Texas, seit 2019 in Berlin: Die bisherigen Wahlergebnisse sind frustrierend und haben mich wütend gemacht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass unser Land so knapp entscheidet. Aber ich bin immer noch zuversichtlich, dass Biden am Ende gewinnen wird. Trumps Rede nach der Wahlnacht war gruselig, jedoch nicht überraschend, wenn man sich seine Tweets in den letzten vier Jahren anschaut. Ich lebe seit über einem Jahr in Berlin und komme ursprünglich aus der demokratischen Stadt Houston. Der Staat Texas insgesamt wählt allerdings in der Regel die Republikaner. In Houston erwarte ich nicht wirklich Konflikte. Generell rechne ich aber mit einigen Unruhen im Land, wenn Trump verlieren sollte und seine Anhänger ermutigt, für ihn auf die Straße zu gehen. Vor der Wahl konnte man in den USA einen weiteren Anstieg der Waffenverkäufe erkennen. Das ist besorgniserregend.