Das Dilemma aller Sportstars: Die frühen Erfolge und das lange Leben danach

Johanna Schikora ist eine der besten Sportlerinnen Berlins und der Welt. Sie errang ihren größten Sieg mit 20 Jahren. Wie plant man da den Rest des Lebens?

Johanna Schikora auf dem Campus der Humboldt-Universität in Berlin-Adlershof.
Johanna Schikora auf dem Campus der Humboldt-Universität in Berlin-Adlershof.Emmanuele Contini

Das alte Leben von Johanna Schikora ist noch längst nicht vorbei, doch sie ist schon auf dem Weg in ein neues. Und dieses neue Leben findet hinter verschlossenen Türen statt. Sogar hinter abhörsicheren Türen. Wer auf dem Flur steht, bekommt nicht mit, was im Hörsaal der Humboldt-Universität in Adlershof passiert. Dabei ist es höchst spannend.

Eine Professorin erklärt, was ein Trauma ist, wie diese klassische psychische Krankheit entsteht und warum sie manche Menschen immer wieder aus der Bahn wirft.

Schneller als der erfolgreichste Schwimmer aller Zeiten

In der vierten Reihe sitzt Johanna Schikora und hört aufmerksam zu. Sie studiert Psychologie, aber nur halbtags, denn sie ist auch Hochleistungssportlerin. Nicht nur eine der erfolgreichsten in Berlin, sondern weltweit. Jedenfalls in ihrer Sportart, dem Finswimming. Nur wenige Menschen sind im Wasser schneller als die gebürtige Berlinerin – auch nicht Michael Phelps, der erfolgreichste Schwimmer aller Zeiten. Denn Johanna Schikora schwimmt mit einer großen Flosse an den Füßen, mit der sie ihren Körper enorm beschleunigen kann. In ihrer Sportart ist sie aktuell auf drei Strecken die Schnellste der Welt.

16.47 Uhr. Ende der Vorlesung. Sie kommt aus dem Hörsaal, lächelnd, aber auch voller Tatendrang. Sie trägt einen blauen Pullover, mit einem kleinen roten Herz über ihrem Herzen. Das Blau ist ein Swimmingpoolblau. Das passt gut zu ihr. „Reiner Zufall“, sagt sie. „Ich mag ihn einfach.“

Ein paar Studenten stehen vor dem Hörsaal und reden darüber, ob sie in die Bibliothek gehen oder gleich zum Döner. Auf alle Fälle wollen sie später in die Kneipe. Johanna Schikora hat für den Abend andere Pläne. „Ich gehe trainieren.“ Zuerst stehen 90 Minuten Krafttraining an, dann 90 Minuten im Wasser. „Die drei Stunden sind das Haupttraining des Tages.“

Finswimming: Johanna Schikora im der Schwimmhalle des Sportforums Berlin-Hohenschönhausen
Finswimming: Johanna Schikora im der Schwimmhalle des Sportforums Berlin-Hohenschönhausenimago/Eberhard Thonfeld

Johanna Schikora ist 20 Jahre alt. Ein Alter, in dem viele junge Menschen noch nicht wissen, was sie werden wollen und ob sie damit Erfolg haben werden. Sie hingegen hat den wahrscheinlich größten sportlichen Erfolg ihres Lebens bereits erlebt: Im Sommer siegte sie bei den World Games, das ist so etwas wie die Olympischen Spiele der nichtolympischen Sportarten.

Hochleistungssport ist fast immer eine Sache der Jugend. Da stellt sich die Frage: Was bedeutet es, wenn sie so jung schon so erfolgreich ist? Wie ist es, wenn nach diesem Höhepunkt vielleicht noch 60 Jahre Leben vor ihr liegen?

Das Karriereende – meist ein „biografischer Bruch“

Fachleute sagen, dass das Karriereende für fast alle Sportler ein „biografischer Bruch“ ist. Es wird oft unterschätzt, dass manche junge Sportler so auf den Sport fixiert sind, dass kaum Platz für anderes bleibt. Und die Altersdimensionen im Hochleistungssport sind extrem: Johanna Schikora durfte den größten Triumph, der in ihrer Disziplin möglich ist, nicht mal in einer Bar feiern. Die World Games fanden in den Südstaaten der USA statt. „Ich habe dem Türsteher meinen Pass gezeigt und er sagte nur: Du bist doch noch gar nicht 21 Jahre alt.“

Wie ist es, wenn sie frühere Sporthelden wie Boris Becker sieht, die nach einer sagenhaften Karriere in ihrer Jugend später straucheln oder gar abstürzen? Ab wann hat sie selbst über ihre Zeit nach dem Sport nachgedacht?

„Das war bei mir sehr früh“, sagt sie. „Das liegt daran, dass ich erst recht spät angefangen habe.“ Mit zwölf. „Davor habe ich Klavier gespielt, und als ich von den Tasten zu den Flossen wechselte, wusste ich bereits: Sport ist nicht das Einzige im Leben.“

Johanna Schikora im Hörsaal der Humboldt-Uni in Adlershof
Johanna Schikora im Hörsaal der Humboldt-Uni in AdlershofEmmanuele Contini

Sie zieht ihre Jacke an, verlässt das moderne Uni-Gebäude und eilt durch den dunklen Berliner Winternachmittag zur S-Bahn. „Klavier habe ich mit fünf Jahren angefangen. Und schon bald habe ich den ganzen Tag nur gesessen: ob nun in der Schule, bei den Hausaufgaben oder am Klavier“, sagt sie. „Ich brauchte einen Ausgleich, wollte mich bewegen.“

Ihre Eltern kommen nicht aus dem Sport. Die Mutter ist Ärztin, der Vater Lehrer. Im Internet fanden sie das Flossenschwimmen. „Ich dachte, das mache ich einmal pro Woche, aber ohne Wettkämpfe.“ Doch schon bald war sie öfter im Schwimmbecken als am Klavier. „Mit 14 war ich in der Jugendnationalmannschaft“, sagt sie, als sie in die S-Bahn steigt. Nun, sechs Jahre später, ist sie Siegerin der World Games, dreifache Weltmeisterin, zweifache Jugendweltrekordhalterin, sie hält vier deutsche Rekorde und vier deutsche Jugendrekorde.

Ist ihr Leben schön? Ist sie neidisch auf die Kommilitonen, die ausgehen? „Es stört mich wirklich nicht, dass die andern den Abend in der Kneipe verbringen.“ Sie lächelt. „Ich verbringe doch auch einen schönen Abend.“ Als sie ihre Wohnung verlässt, erzählt sie, dass sie ihre Freundinnen wiedersieht und ihren Freund, ein Finswimmer aus Frankreich, der wegen ihr und wegen der guten Trainingsbedingungen nach Berlin gezogen ist. „Für mich ist das ein wenig wie eine gute Party. Ich treffe Freunde, bin in einem guten Team. Natürlich ist der Trainingsalltag hart. Aber es läuft Musik, wir haben auch Spaß. Und hinterher bin ich glücklich. Was will man mehr?“

Sport macht viele Menschen glücklich: Bundesweit sind 23 Millionen in Sportvereinen organisiert. Ein Drittel der Bevölkerung. Sport kann zum Lebensmittelpunkt werden. Schon bei Kindern werden schnell ganz große Träume geboren. Auf dem Bolzplatz wollen alle Siebenjährigen Messi sein oder Ronaldo oder Müller. Doch Träume sind keine Realität, und vor dem Erfolg heißt es: ackern, jahrelang trainieren, jeden Tag richtig schuften.

Der größte Erfolg: die Goldmedaille von den World Games aus dem Sommer 2022
Der größte Erfolg: die Goldmedaille von den World Games aus dem Sommer 2022Emmanuele Contini

An der Landsberger Allee steigt sie von der S-Bahn in die Straßenbahn. Das gehört zu ihrem Programm. Ständig in Bewegung. Den ganzen Tag. In der Bahn erklärt sie ihren Tagesablauf. Sie ist spät aufgestanden, denn der Tag einer Leistungssportlerin ist lang. 7.45 Uhr klingelt der Wecker, Frühstück, Haferflocken, Früchte, Zimt, Proteinpulver. Dann eine Stunde Fahrt von Hohenschönhausen nach Adlershof zum Studium. Beim Seminar geht es 90 Minuten lang um Diagnostik: Wie wird ein kluger Intelligenztest konstruiert? Dann eine Stunde Rückfahrt nach Hohenschönhausen. Die erste Trainingseinheit des Tages: Zuerst eine Stunde „Landtraining“ – so nennen sie es, wenn sie nicht im Wasser sind: 20 Minuten auf dem Rad, dann Krafttraining für Beine, Rücken, Bauch. Dann eine Stunde Wasser. Vier Kilometer schwimmen, mal ohne Flossen, mal mit der kleinen, mal mit der großen Wettkampfflosse, die sieben Kilo wiegt.

Die Tage im Leistungssport sind lang

13.30 Uhr ist Schluss. Mittagessen zu Hause. Dann wieder eine Stunde Fahrt nach Adlershof zur Trauma-Vorlesung. Dann Rückfahrt nach Hohenschönhausen. Ihr Haupttraining beginnt 18.30 Uhr, drei Stunden. Gegen 22.30 Uhr wird sie zu Hause sein. Abendbrot. Dann macht sie noch etwas für die Uni, dann Freizeit. Gegen 1 Uhr geht sie ins Bett. Um 7.45 Uhr klingelt wieder der Wecker. Dann geht’s wieder los. „Manchmal trainiere ich auch nur einmal am Tag“, sagt sie. Da keine World Games anstehen, sind nicht mehr elf Trainingseinheiten pro Woche angesagt, sondern nur sieben. Sonntags hat sie frei.

Sie schaut aufs Handy. Sie liegt gut in der Zeit und sagt: „Ich gehe doch noch mal nach Hause. Ich habe eine halbe Stunde Luft. Ich brauch’ mal wieder Musik.“ In ihrer Wohnung setzt sie sich an das weiße Klavier unterm Fenster mit Blick auf die Stadt. Auf dem Notenblatt steht „Sicilienne“, ein impressionistisches Stück von Gabriel Fauré. Sie spielt eine kleine träumerische Melodie.

In der Wohnung hängen überall Bilder mit Sinnsprüchen. An einem Müllcontainer einer Baustelle steht: „Es ist nie zu spät für eine schöne Vergangenheit.“ Über dem Schwarz-Weiß-Gesicht einer Frau: „Glaube nicht alles, was du denkst“ und an einer Hauswand verkündet ein rotes Graffito: „Das Leben ist schön.“

Immer im Bewegung: Johanna Schikora steigt an der Landsberger Allee von der S-Bahn in die Tram.
Immer im Bewegung: Johanna Schikora steigt an der Landsberger Allee von der S-Bahn in die Tram.Emmanuele Contini

Reich und berühmt werden nur die wenigsten. Das zeigt ein Blick auf Deutschlands beliebteste Sportart: Fußball. Die 27.000 Vereine haben 6,5 Millionen Mitglieder, davon spielen knapp zwei Millionen aktiv in Mannschaften. In die drei Profiligen schaffen es etwa 1600 Sportler. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt sind vielleicht zwei Dutzend Spieler. Aber wer kennt schon Johanna Schikora, obwohl sie eine der weltbesten Flossenschwimmerinnen ist?

Für den Ruhm trainieren Leute wie sie nicht. Sie ist in der Sportfördergruppe der Bundeswehr, Obermaat bei der Marine. Sie bekommt Wehrsold, sodass sie nicht neben Studium und Training auch noch jobben muss. Ihr Studienprogramm entspricht einer 40-Stunden-Woche, dazu kommen 20 bis 25 Stunden Training. Der Druck ist enorm. Als sie von den World Games zurückkam, schrieb sie drei Tage später eine Prüfung. „Das war hart“, sagt sie. „Aber ich habe es geschafft.“

Johanna Schikora benutzt den Fachbegriff der intrinsischen Motivation. Gemeint ist, dass sie nicht deshalb ackert, weil sie Druck von außen bekommt, sondern weil sie es aus sich selbst heraus will. „Neben der krass guten Unterstützung meiner Eltern geht es vor allem um Disziplin. Ich kann mich sehr gut fokussieren. Das ist zwar schwer in der heutigen Zeit mit den Ablenkungen, den Handys und Social Media. Aber ich weiß, wenn ich etwas will, dann schaffe ich das.“ Sie sagt, das komme vom Klavier. Früher saß sie jeden Tag 45 Minuten an den Tasten. Freiwillig. Und wenn sie mal nicht konnte, am nächsten Tag 90 Minuten. „Profis üben sechs bis acht Stunden“, sagt sie. Trotzdem gewann sie mehrmals einen ersten Preis bei „Jugend musiziert“ und war Bundespreisträgerin.

Sie geht über einen hell erleuchteten Parkplatz am Sportforum. Ihre Schwimmhalle hat riesige Fenster. Sie zeigt auf einen Mann am Beckenrand „Mein Trainer.“ Sie sagt, dass Sport immer Teil ihres Lebens sein werde. „Aber ich interessiere mich auch für theoretische Physik zum Beispiel, und ich liebe Mathematik.“

Drogen, Gewalt, Größenwahn, Insolvenzen

Und wie sieht sie die gestrauchelten Ex-Sportstars? Von harten Drogen ist zu lesen, von Gewalt, Größenwahn, Insolvenzen, Betrug, Sexskandalen, schwerer Kriminalität. Nur ein paar Namen: Jan Ullrich, Tiger Woods, O. J. Simpson, Boris Becker, Maradona, Oscar Pistorius. „Ich glaube, mir passiert so etwas nicht“, sagt sie. „Ich brauche auch keine Motivation durch Negativbeispiele.“ Die Zahl der Abstürze nach Sportkarrieren bei Männern ist um ein Vielfaches höher als bei Frauen.

Kurze Pause: Johanna Schikora zu Hause am Klavier
Kurze Pause: Johanna Schikora zu Hause am KlavierEmmanuele Contini

Sie ärgert sich, dass beim Leistungssport oft nur die Extreme betont werden: die Rekorde, die Abstürze, das Doping oder dass Fußballstars Hunderte Millionen absahnen. „Nur selten wird davon gesprochen, was wir beim Sport fürs Leben lernen: die Willenskraft, den Teamgeist, die Motivationsfähigkeit, die Anstrengungsbereitschaft, den gemeinsamen Spaß.“

Sie hat recht. Wer sie auch nur einen Tag begleitet, ist erstaunt, wie extrem strukturiert junge Leistungssportler sein können. Das schaffen viele Nichtsportler oft erst, wenn sie Kinder bekommen und gezwungen sind, ihre Zeit effektiv einteilen zu müssen. Und Leistungssportler lernen durch die alltägliche Quälerei auch, wie sie mit Siegen umgehen, ohne größenwahnsinnig zu werden, und wie sie Niederlagen ertragen, ohne in Depressionen zu fallen.

Johanna Schikora hat einen klaren Plan für die Zukunft: Hochleistungssport bis 2025, bis zu den nächsten World Games. „Ich muss ja nicht unbedingt noch mal siegen“, sagt sie und lacht. „Ich will es einfach genießen. Und mein Studium will ich auch 2025 abschließen.“ Am liebsten will sie in die Forschung gehen und dort mit Frauen arbeiten, denn die meisten Medikamente und Studien werden noch immer mit Männern gemacht. „Parallel würde ich gern an der Uni unterrichten, Dozentin, Professorin“, sagt sie. „Das sind die Träume, die ich so habe.“

Im Kraftraum ist es ruhig. Dann kracht Metall auf Metall. An den Geräten wird geackert. Schnaufen ist zu hören. Stöhnen. Aber auch Lachen. Nach 90 Minuten im Kraftraum legt Johanna Schikora ihre Flosse an und gleitet ins Wasser. Mal schwimmt sie schnell, mal langsamer. Mal krault sie nur mit einem Arm, mal ist sie fast nur unter Wasser. Ein ausgeklügeltes System verschiedenster Übungen.

„Landtraining“: Johanna Schikora im Kraftraum
„Landtraining“: Johanna Schikora im KraftraumEmmanuele Contini

Sie schwimmt und schwimmt. Irgendwann auch voll auf Tempo. Ihr Trainer sagt, wir sollen am Beckenrand doch mal mitlaufen und versuchen, an ihr dranzubleiben. Sie ist schnell, sehr schnell, zu schnell. Nach fünf Schritten ist sie enteilt. Nach etwas mehr als 20 Sekunden schlägt sie 50 Meter entfernt am anderen Ende des Beckens an.

Sie ist in ihrem Element. In ihrer Welt. Doch sie weiß, dass diese Welt nicht unendlich ist, dass sie sich schon bald in die akademische Sphäre wagen muss. Aber Johanna Schikora ist nicht nur schnell, sondern auch schlau. Und so bereitet sie sich auf das Ende ihrer Sportkarriere akribisch vor. Und damit auf das Leben danach.