Das Elend der Grünen: Seid mehr Anti-Partei!

Was ist bloß mit den Grünen los? Aus jeder Pore der Partei strömt schiere Verzweiflung. Abgewählt im Saarland, abgewählt in Nordrhein-Westfalen, bundesweit in den Umfragen im freien Fall in Richtung fünf Prozent Hürde.

Panikattacken nach Verlusten

Das führt zu Panikhandlungen vielfältiger Art. In der vergangenen Woche hat Robert Habeck aus Schleswig-Holstein, der einzige, der bei der Landtagswahl Erfolg hatte, seiner Partei einen Verhaltenskodex auferlegt: „optimistisch“ sollten die Grünen sein und nicht an allem „rummäkeln“. Die Grünen, so diagnostiziert Habeck, seien längst mehr als eine „Anti-Partei“.
Ist das wirklich das Problem der Partei? Zu wenig Spaß, zu wenig Positives, immer dagegen? Vielleicht ist es genau umgekehrt? Zu viel Spaß, also zu viel irrelevante Themen? Zu selten dagegen, weil die Partei wegen der Regierungsbeteiligungen in den Ländern und die Hoffnung auf das Mitregieren im Bund zu viel Kompromisse macht?

Kritik an der Zerstörung. Egal wo

Die Grünen würde es nicht geben, wären sie keine Anti-Partei. Sie sind es heute viel zu wenig. Ihr Grundverständnis war eine Kritik an der Zerstörung von Umwelt und damit der Lebensgrundlagen auf unserem Planeten. Sie machten keinen Unterschied zwischen der Kritik an der Abholzung des Regenwaldes für Palmölplantagen und der Rettung des Feldhamsters vor dem Tagebau. Das ist ungemein sympathisch und hochaktuell. Wer kürzlich die Bilder einer mit Plastikmüll übersäten, unbewohnten Insel im Südpazifik gesehen hat, fragt sich doch, wie das möglich ist. Die Grünen haben Angst davor, als Verbotspartei wahrgenommen zu werden, dabei mangelt es an nichts mehr als an den richtigen Verboten.

Wir haben zu viel Spaß, nicht zu wenig

Unsere Gesellschaft besteht mittlerweile aus zu viel Spaß, zu viel Unverbindlichkeit. Andere Parteien scheuen sich nicht, für ihre Klientel Freiheiten zu verlangen. Warum fühlen sich die Grünen schlecht, wenn sie Freiheit für viele, auch die noch nicht Geborenen, durch Verbote für manche fordern?
Was bei den Grünen vor 40 Jahren als leidenschaftliche, romantisch-radikale Bewegung und große Veränderungskraft begann, ist heute gemächliche Reformpolitik geworden. Wenn vor 40 Jahren die Grünen mit ihren Themen den Nerv einer zuerst kleinen, dann immer größer werdenden Gruppe von Menschen trafen, so erscheinen sie heute wie aus der Zeit gefallen. Und das ist keine Generationenfrage. Die jüngere Generation der Grünen-Politiker hat diese Entwicklung nicht aufgehalten, sie im Gegenteil durch ihr pragmatisch-technokratisches Politikverständnis, ihre professionell vorgetragene Leidenschaft befördert. Schöner als im dieser Tage veröffentlichten 10-Punkte-Plan hätte das die Partei nicht illustrieren können.

Die Welt-Krisen rücken näher

Wir leben in keiner Zeit der Veränderungsbereitschaft. Die Menschen erwarten Relevanz. Sie sind allergisch gegen zu viel Nebensächlichkeiten wie Unisextoiletten und Freundesehen. Das Kernthema heute heißt Sicherheit. Die Krisen der Welt sind näher gerückt, als Vorboten kommen die Flüchtlinge. Viele Gewissheiten stehen auf dem Spiel und die Menschen scheuen das Offene. Die Grünen haben darauf keine Antwort. Oder doch. Es ist die Antwort, die sie schon seit Jahrzehnten geben: Weltoffenheit, Integration, Solidarität. Alles richtig. Aber die Bürger spüren: So einfach ist das nicht mehr.