Der Berliner sagt dazu „Mültsch“.
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BerlinDer Lebensmittelchemiker spricht von „kolloidaler Dispersion von Proteinen, Laktose und Milchfett in Wasser“. Der Berliner sagt einfach „Mültsch“. Ich trinke sie nur noch selten. Auch die Latte-Kultur in den Cafés habe ich nur eine Weile mitgemacht, dann habe ich gemerkt: Uff, ich bin ja gar nicht vom Koffein angeregt, sondern pappsatt!

Literweise Milch

Ich glaube, ich habe die ganze Milchration meines Lebens bereits in der Kindheit aufgenommen. Damals redete niemand von Allergien und Laktoseintoleranz. Wir alle soffen Milch, literweise. Abends wurde die frisch gekaufte Milch zu Hause aufgekocht. Dabei bildete sie eine dicke weiße Haut, vor der es mich gruselte. Mein Vater, der Held, angelte sie mit der Messerspitze heraus: „Her damit! Du weißt ja gar nicht, was gut ist!“ Und er schluckte sie weg, brrrrr. Er liebte diese Haut. Unverständlich.

In der Schule ging es weiter. In der Pause nuckelten alle an ihren Milchflaschen. Später waren es Tüten, die wie kleine dreiseitige Pyramiden aussahen, sogenannte Tetraeder. Wenn man die leere Tüte anschließend auf den Schulhof legte und kräftig mit dem Fuß drauf trat, gab es einen lauten Knall. Hatte man Glück, hinterließ der Rest Milch ein strahlenförmiges Muster auf dem Boden. Kunst auf dem Hof!

Milch aus dem Beutel

Irgendwann begann das Zeitalter der Schlabberbeutel. Diese lagen im Laden in Plastikkästen. Wenn man einen griff, konnte es sein, dass ein dünner Strahl weit in den Raum hinein schoss, weil der Beutel ein Loch hatte. Hatte man einen heilen Beutel gefunden und ihn zu Hause geleert, wusch man ihn gründlich aus. Von nun an diente er als Mehrzwecktüte.

In Millionen Haushalten sammelten sich diese Plastiktüten an. Sie dienten zum Einpacken des Frühstücksbrots, zur Aufbewahrung von Gummis, Schrauben und anderen Dingen. Erst neulich habe ich wieder eine gefunden. Auf ihr steht: „Trink-Vollmilch, bitte kühl lagern, 1 Liter, 0.70 M, VEB Milchhof Berlin“.

Milch gegen den Durst

Aber, wie gesagt, ich trinke schon länger keine Milch mehr. Schon gar nicht gegen den Durst. So wie es mein Opa einst tat. Bei einer Fahrradreise von 1927 schien er fast nur Milch getrunken zu haben. In seinem Tagebuch steht: „Es gab Bratkartoffeln mit Rührei und eine Feldflasche voll Milch“ – „Wir ließen uns die Feldflaschen mit frischer Milch füllen. Wir konnten uns gar nicht satt genug daran trinken.“ – „Als ich erwachte, hatte ich einen ekelhaften Geschmack im Hals. Zu allem Überfluss bekam ich noch Leibschmerzen. Alles schmeckte nach Milch. Mein Freund uzte mich immer, trink nicht so viel Milch, bekommst du keine Magenschmerzen.“

Und damit hatte der Freund wohl recht. Von da an tauchte die Milch im Tagebuch meines Opas kein einziges Mal mehr auf. Ich kenne ihn aus späteren Zeiten nur mit der abendlichen Flasche Bier.